Sind sie verrückt?! Heute schmunzelt Reiner Michelsson über die Entstehung des „Zwillings“ der Steinernen Rose

Schweinchenrosaer Latex bescherte Reiner Michelsson außergewöhnliche Erlebnisse an der Steinernen Rose nahe Saalburg.
 
Das Original nahe Saalburg - die Steinerne Rose, auch Steinrose genannt.
 
Erinnerungsfoto an die Arbeiten an der Steinernen Rose.
Gera: Museum für Naturkunde | „Was machen sie denn da? Hören sie sofort auf! Sind sie verrückt?“, kam der Jenaer Professor wild gestikulierend angerannt. Es dauert nicht lang, bis der Campingplatzwart auftaucht: „Die Polizei ist schon verständigt. Zeigen Sie mal ihren Ausweis!“. Er sollte Recht behalten. Mit Blaulicht fahren die Gesetzeshüter vor und reagieren entschlossen. Entsetzte Passanten. Jedes zweite Auto macht fast eine Vollbremsung. Skandal! Da traut sich doch tatsächlich einer am helllichten Tag, die Steinerne Rose zu verschandeln. Schweinchenrosa! Dort, wo die Farbe getrocknet ist, leuchtend rot!

Der junge Mann lässt sich nicht beirren. Die kurzen Momente zwischen den Querulanten wird der Pinsel geschwungen. Er hinterlässt nicht den Eindruck, fluchtbereit zu sein. Gleich neben der Steinernen Rose hat er sich mit einem Zelt häuslich eingerichtet.

Nein, das wird kein Gerichtsbericht. Reiner Michelsson erinnert sich an seinen wohl außergewöhnlichsten Arbeitseinsatz, der schon ein paar Jahre zurück liegt. Er ist Präparator am Museum für Naturkunde in Gera. Dort sollte ein Raum der Dauerausstellung zum Thema Erdgeschichte neu gestaltet werden. „Auch wenn wir Museumsleute das nicht so gern sehen, mögen die Besucher doch am liebsten Objekte, die sie berühren können.“ In eine Ostthüringen darstellende Ausstellung zu diesem Thema gehört auch das Objekt, das 2013 nur ganz knapp auf Platz zwei zum beliebtesten Naturwunder Deutschlands gewählt wurde: Die Steinerne Rose nahe Saalburg am Bleilochstausee. Natürlich nicht die ewig blühende Rose selbst, sondern nur ein Modell davon.

Was für eine Herausforderung für den Präparator! Sein Plan sah vor, einen Abguss zu erstellen. Aufgrund der Oberflächenstruktur kam dafür nur ein elastisches Material in Frage: Latex. Um kostengünstig arbeiten zu können, besorgte er sich dies vom früheren Erfurter Kondomhersteller. Auf die Nachfrage, welche Farbe es sein darf, meinte Michelsson: „Alles außer Rot. Und was kam? Rot!“, erinnert er sich heute noch entsetzt.

Mit einem Kleinwagen voller Material und Campingausrüstung ließ sich Michelsson nach Saalburg fahren und absetzen. Genügend Pinsel, 15 Kilogramm Latex, Sägemehl, Stricke, Fotoapparat – der Präparator hat an alles gedacht.

Keine anderthalb Minuten Pinsel schwingen vergingen, da standen ihm schon die ersten Neugierigen im Nacken und wollten wissen, was er da macht. „Es war nervend, weil ich kaum zum Arbeiten kam. Andererseits ist es doch ein gutes Zeichen, wie die Menschen auf ihre Naturdenkmale aufpassen“, kommentiert er. Seinen Ausweis und die Genehmigung vom Landkreis brauchte er gar nicht mehr weg räumen, so oft waren sie gefragt. Schließlich liegt die Steinerne Rose öffentlicher, als es die idyllischen Fotos von ihr vermuten lassen – direkt an der Straße von Schleiz nach Bad Lobenstein. Dieser Umstand bescherte dem Präparator die vielen entsetzten Besucher, die hier eine Straftat vermuteten. Letztlich konnte Michelsson sie alle besänftigen.

Dem nicht genug, sollte es noch schlimmer kommen: Zitternde Knie, lähmende Angst. „Die Oberfläche war ziemlich porös. Was, wenn sich das getrocknete Latex nicht ablösen lässt? Wenn die Rose zerbröckelt? Wohin auf dieser Welt soll ich flüchten? Der Ruf des Museums wäre dahin!“, erinnert er sich an den schlimmsten Augenblick seines Lebens. Die Panik war umsonst. Die Abgussform ließ sich anstandslos lösen.

Anhand dieser Form wurde zurück in Gera das Kunstharzmodell gefertigt. „Hier kann ich wieder in Ruhe arbeiten“, atmete er damals auf. Rein technisch gesehen war die Arbeit dennoch nicht einfacher. Das wenige Millimeter dicke Latex gibt exakt die Oberflächenstruktur wieder. Aber aufgrund der Elastizität des Materials lässt sich die Gesamtform nicht zu 100 Prozent rekonstruieren. Das entstandene Kunstharzmodell hat der Präparator mit Blähtonkügelchen verstärkt.

Die künstliche Steinerne Rose farblich so genau wie möglich zu gestalten, hat ein Firmenchef in Baden-Württemberg selbst Hand angelegt. Der Farbenhersteller in Eichstetten forderte von Michelsson kleine Gesteinsproben an. Anhand derer wurde die gesamte vorkommende Farbpalette angerührt.

Das Kunstharz könnte 300 Jahre halten. Damit wird es die originale Steinerne Rose nicht überleben. Aber: Die Steinerne Rose wird in diesem Zeitraum weiter verwittern. Ihr jetziges Aussehen – besser gesagt, das zum Entstehen des Abgusses – ist für die Nachwelt erhalten.

Und wenn Besucher der Ausstellung sagen „Ja, das isse, unsre Steinerne Rose!“, ist Reiner Michelsson zufrieden und denkt manchmal an seine Erlebnisse vor Ort zurück. Es gab aber auch schon zwei ältere Damen, die vollkommen entsetzt nach dem Museumsrundgang meinten, dass man doch nicht einfach die Steinerne Rose von ihrem angestammten Platz demontieren darf, um sie jetzt nur noch im Museum zeigen zu können. „Vielen Dank für das Kompliment!“, schmunzelt der Präparator.

So perfekt sich Reiner Michelsson auf dieses Projekt auch vorbereitet hatte, ist ihm bei der Umsetzung doch ein kleiner Fehler unterlaufen. Er war bestens für die Arbeiten in der freien Natur ausgerüstet. Nur eines hatte er vergessen: Sonnencreme. Es dauerte nicht lang, dass er auf der rechten Körperhälfte genauso aussah, wie die eingepinselte Rose.

Der Sonnenbrand spielt nur noch in den Erinnerungen eine Rolle. Fazit ziehend, hat die Steinerne Rose nicht nur einen „Zwilling“ für Museumsbesucher bekommen, sie wird auch selbst länger überleben. „Baumwurzeln drohen sie auseinander zu sprengen. Das schien bislang keiner so wahrgenommen zu haben. So konnte im Nachgang entsprechend darauf reagiert werden“, freut sich Michelsson.

Steinrose bei Saalburg

Die Steinrose an der Straße von Gräfenwarth nach Saalburg ist ein eindrucksvoller Zeuge des oberdevonischen Diabasvulkanismus im Thüringer Schiefergebirge und besitzt seit 1976 den Status eines Geologischen Naturdenkmales. Geologisch stellt dieses Naturdenkmal eine so genannte „Pillowlava“ oder Kissenlava (pillow = Kissen [englisch]) dar. Die dünnflüssige Lava der oberdevonischen Vulkane floss häufig am Meeresboden aus. Dabei kam es zur Bildung meist kugel- oder brotlaibförmiger Gebilde, die durch die zeitlich unterschiedliche Abkühlung der Lava durch das Meerwasser schalenförmig aufgebaut wurden. Das Bild der Steinrose entstand durch die Verwitterung des körnigen Diabasgesteins in konzentrische Schalen, die einer aufblühenden Rosenknospe ähneln. Die Steinrose liegt in einer Gesteinsserie aus devonischen Steinschiefern und Knotenkalken, die sich von Saalburg in nordöstlicher Richtung über Schleiz bis Weida erstrecken.

Museum für Naturkunde Gera

Das Museum für Naturkunde befindet sich im ältesten erhaltenen Bürgerhaus der Stadt Gera, im sogenannten "Schreiberschen Haus". Das unter Denkmalschutz stehende Gebäude hatte eine wechselvolle Geschichte. 1686 bis 1688 wurde es auf der Brandstätte eines mittelalterlichen Freigutes errichtet. Von 1716 - 1847 im Besitz der Kauf- und Handelsfamilie Schreiber, überstand es 1780 als einziges Wohngebäude innerhalb der Altstadt den größten Brand Geras. 1847 ging das "Schreibersche Haus" in den Besitz der Stadt über und beherbergte bis 1855 das Stadtgericht. Danach wurde es wieder privat genutzt, und erst ab 1947 diente es als Museum.

Nicolaiberg 3
07545 Gera
Tel.: 0365 52003
Fax: 0365 52025
E-Mail: museum.fuer.naturkunde@gera.de

Öffnungszeiten:

Mittwoch bis Sonntag und an Feiertagen 12 bis 17 Uhr
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