Wandernde Kurgäste freut’s: Für Martin Klemm ist es ein Stück Kulturgut, dass seine Wallachenschafe Schellen im Moor von Bad Klosterlausnitz tragen

  Bad Klosterlausnitz: Hochmoor "Sümpfe" | Moorerde verhalf dem Örtchen Klosterlausnitz in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zum Zusatz „Bad“. Torf wird hier längst nicht mehr für Heilzwecke abgebaut. Das Moor ist streng abbaugeschützt. Die Sümpfe sind Bodendenkmal und Naturschutzgebiet zugleich. Das Terrain ist eine Oase für spezielle Fauna und Flora, auch die Tierwelt hat sich den Bedingungen angepasst. Wenn auch nicht mehr direkt, spielt das Hochmoor für die Kurgäste immer noch eine Rolle. Mit seinen gut ausgezeichneten Wanderwegen wird es gern für ausgedehnte Spaziergänge genutzt.

Aber wie soll das Hochmoor erhalten werden, wenn es nicht mehr bewirtschaftet wird? Kurz nach dem Mauerfall entfernten noch ABM-Kräfte Bäume und verhinderten so die Verlandung der Honiggraswiesen. Mittlerweile kann sich die Untere Naturschutzbehörde glücklich schätzen, dass Martin Klemm vor fünf Jahren auf der Suche nach Weideland an deren Tür klopfte. Er schlug eine extensive Bewirtschaftung mit Schafen vor. Der Diplom-Agrarwirt musste Lehrgeld zahlen. Schnell stellte sich heraus, dass das normale Milchschaf für derartige Flächen eher ungeeignet ist.

Seit vier Jahren setzt er auf Wallachenschafe. Die kann man nicht mal fix beim Händler um die Ecke kaufen. Die alte Haustierrasse ist vom Aussterben bedroht. Laut Klemm gibt es heutzutage nur noch etwa 500 bis 600 Tiere in Deutschland, der Tschechei, Slowakei und Rumänien. Mit zehn Züchtern in ganz Deutschland musste er zusammenarbeiten, um eine eigene Herde von mittlerweile 40 Tieren aufbauen zu können. Der Züchter freut sich über den breiten genetischen Pool, der bei so wenigen Tieren nicht selbstverständlich ist. Das Wallachenschaf ist nach seiner Auskunft bestens geeignet für die Moorwiesen. Es brauche keine hochkalorische Nahrung. Der viel größere Pansen sei ihr „Kraftwerk“. Ganz zu schweigen vom langzotteligen Fell, das die Tiere selbst bei Dauerregen trocken hält und bei Minusgraden nicht frieren lässt. Bis auf zwei, drei Wintermonate verbringen sie das gesamte Jahr auf den sumpfigen Wiesen.

Natürlich arbeitet Martin Klemm nach dem Erwerb auch weiterhin mit den Züchtern über deutsche Grenzen hinaus zusammen. Im vergangenen Jahr hatte er auf seinen Hof zum Züchtertreffen eingeladen. Besprochen wurden unter anderen veterinärrechtlichen Bedingungen des Tiertausches beziehungsweise Verkaufes über Ländergrenzen hinweg – sein Beitrag für den weiteren Fortbestand der vom Aussterben bedrohten Rasse.

Der Diplom-Agrarwirt beschäftigt sich bezüglich der Schafe auch mit ganz anderen fast ausgestorbenen Traditionen. Früher sei es üblich gewesen, dass Herdentiere – Kühe, Schafe und auch Ziegen – eine Glocke um den Hals trugen. Das hat weniger mit Schmuck oder Spaß zu tun. So lassen sich die Tiere besonders in waldigen Weidflächen einfacher auffinden. Und da die Glocken in unterschiedlichen Tonlagen läuten, konnten geübte Hirten sogar am Klang das jeweilige Tier erkennen. Ganz so „verrückt“ ist Martin Klemm nicht. Aber die Glocken bedeuten für ihn ein Stück Kulturgut. Jene zu beschaffen, ist fast genauso schwierig, wie die Beschaffung der Schafe selbst. In Kleinschmalkalden ist er fündig geworden. In Thüringen spricht man übrigens weniger von Glocken, sondern von Schellen. Klemm hat für seine Schafe ein 40er Herdengeläut geordert. Die kleinste der mitteldeutschen Schmalschellen misst 5 cm, die größte 19 cm. Wobei die großen Schellen nur von seinen drei Hinterwälder-Rindern getragen werden. Mit 13 cm trägt der Bock die größte Schelle bei den Schafen. Die gesamte Tonbreite des Geläuts reicht über zwei Oktaven. Jede Glocke hat ihren eigenen Ton und kann sogar durch Dengeln auf drei unterschiedliche Töne gestimmt werden. Seit dem Weideaustrieb am 2. April tragen die Schafe ihre Glocken. Die Sumpflandschaft um Bad Klosterlausnitz ist somit um ein Stück Kulturgut reicher geworden. Und die wandernden Kurgäste freut’s.

Natürlich ist es auch lohnend, Ausschau nach Martin Klemm zu halten, ob er womöglich gerade die Weidebegrenzung umsteckt. Mit ihm ins Gespräch zu kommen, ist eine Bereicherung. Zusammen mit seiner Frau Susanne und den drei Jungs Alfred (8 Jahre), Ruben (6) und Arthur (3) baut er seit acht Jahren in Bad Klosterlausnitz eine Selbstversorgerwirtschaft nach ökologischen Kriterien auf. Die Lebensphilosophie beinhaltet weitaus mehr als nur den gedeckten Tisch. Seine Frau - übrigens auch Diplom-Agrarwirtin – widmet sich vor allem dem Anbau und Erhalt von alten Obstsorten.
1
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Lesen Sie auch die Bildkommentare zum Beitrag
5 Kommentare
9.688
Hannelore Grünler aus Artern | 15.05.2012 | 20:18  
3.865
Karin Jordanland aus Artern | 15.05.2012 | 20:22  
7.498
Johannes Leichsenring aus Hermsdorf | 15.05.2012 | 21:24  
3.886
Lydia Schubert aus Nordhausen | 15.05.2012 | 22:50  
5.691
Petra Seidel aus Weimar | 18.05.2012 | 19:56  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige