„Generalisimus“ und Massenmörder – Stalin und der Zweite Weltkrieg

Stalin und Ribbentrop kurz vor Ausbruch des II. Weltkrieges (Foto: newsweek 9.Okt. 1939)

Die Anti-Hitler-Koalition besiegte NS-Deutschland - trotz und nicht wegen Stalin


Es muss Schluss damit sein, Stalin mit Dreck zu überhäufen.
Alles, was wir besitzen, verdanken wir ihn“
Alexander Saldostanow,
Anführer der Bikergruppe „Nachtwölfe“


Es wird wieder zu seinem Denkmal gepilgert. Hinter seinem Bild marschieren Nationalbolschewisten, Antisemiten und andere Rechtsextreme, um für ein starkes Russland zu demonstrieren. Stalin wird salonfähig geredet, und das nicht allein in Russland. Vor 70 Jahren wurde das von Hitler verführte Deutschland besiegt, Europa damit vom Nationalsozialismus befreit. Aus Anlass dieses Jubiläums tauchen verstärkt Stimmen auf, die Josef Wissarionowitsch Dschughaschwili, besser bekannt unter seinem Parteinamen Stalin, als einen der Sieger würdigen wollen. Schon die DDR feierte den Massenmörder als „Generalissimus und Held der Sowjetunion“, der einen „hervorragenden Beitrag zum Sieg der sowjetischen Streitkräfte im Großen Vaterländischen Krieg“ geleistet habe.

Diese Reanimierung eines politischen Verbrechers widerspricht nicht nur der historischen Wahrheit. Sie verhöhnt auch die Opfer des großen Terrors und stärkt letztlich den Rechtsextremismus in Russland und Europa.

Wer vom Ende erzählt, sollte nicht vom Anfang schweigen. Dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen waren Absprachen zwischen Hitler und Stalin vorausgegangen. Der im August zwischen beiden Diktatoren geschlossene Nichtangriffspakt mit seinen Zusatzprotokollen machte erst den Zweiten Weltkrieg möglich. Er gab Hitler freie Hand. Während Polen von Deutschland besetzt wurde, rückte die Rote Armee ebenfalls in Polen und im Baltikum ein. Der KGB liquidierte in Katyn Tausende polnische Armeeangehörige, dem Massaker folgten weitere Massenhinrichtungen. Damit wurde faktisch Deutschland militärisch gestärkt.
Der Held der Sowjetunion Stalin ließ tausendfach antifaschistische Emigranten, die in der Sowjetunion Schutz vor Verfolgung gesucht hatten, deportieren, internieren, foltern und ermorden. Einige wurden sogar an die Gestapo ausgeliefert.
Wahrscheinlich hätte der Generalissimus ohne eine Hand zu rühren zugeschaut, wie das NS-System das europäische Judentum systematisch vernichtete, wenn sein Land 1941 nicht selbst Ziel eines militärischen Angriffs geworden wäre.

Doch auch die ersten Erfolge der Wehrmacht über die Rote Armee gehen direkt auf das Konto Stalins. Hinweise aus Sicherheitskreisen, dass Deutschland einen militärischen Schlag vorbereite, wurden von Stalin ignoriert. Bis „5 nach 12“ hielt er am Pakt fest. Zudem hatte er die Rote Armee durch brutale „Säuberungen“ erheblich geschwächt. Unter anderem wurden „3 von 5 Marschällen, 13 von 15 Armeegenerälen und 8 von 9 Admirälen …Die Rote Armee verlor in den beiden Jahren der „Säuberungen“ etwa doppelt so viele Generäle wie im gesamten Zweiten Weltkrieg“ . Aber auch die von ihm persönlich verantwortete Terrorwelle hatte die Bevölkerung demoralisiert und die Verteidigungsfähigkeit dezimiert.

Wehrmacht und SS verübten ungeheuerliche Massenverbrechen an den Menschen in der Sowjetunion. Bis zu 37 Millionen Opfer werden dokumentiert, darunter zahllose Zivilisten. Geiselerschießungen gehörten zur deutschen Kriegsführung. Millionen von Hungertoten haben die deutschen Truppen zu verantworten. Sogenannte politische Kommissare wurden sofort ermordet. Der Genozid an der jüdischen Bevölkerung wurde äußerst brutal vollzogen. Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurden systematisch auf sowjetischen Boden begangen.

Es ist der Mut und die Entschlossenheit der Menschen in der Sowjetunion, die schließlich zu eine effektiven militärischen Gegenwehr geführt hat. Die Rote Armee führte so nach und nach der Wehrmacht empfindliche Niederlagen zu. Die Verbündeten der Anti-Hitler-Koalition besiegten gemeinsam mit Partisanen, Widerstandskämpfern und internationalen Einheiten aus ganz Europa die nationalsozialistische Diktatur in Deutschland; das allerdings trotz, und nicht wegen Stalin.

Wie wenig Stalin als antifaschistischer Heros taugt, zeigt sein Verhalten nach dem Krieg. Viele sowjetische Kriegsgefangene, welche die Todeslager der Nazis überlebt hatten und denen z.B. in Buchenwald alljährlich gedacht wurde, ließ Stalin erst gesellschaftlich ausgrenzen und schließlich erneut ins Lager werfen: „Zur Tragik der Kriegsgefangenen gehört weiterhin der fast unbeachtete Umstand, dass nach ihrer Befreiung aus den deutschen Lagern ein neuer Leidensweg begann. Etwa 34 Prozent von ihnen wanderten direkt in den Gulag oder zur Zwangsarbeit in die so genannten Arbeitsbataillone.“

Und der Fall Raoul Wallenberg. Dieser schwedische Diplomat riskierte sein Leben, als er sich von Juli 1944 bis Januar 1945 für bedrohte ungarische Juden einsetzte. Er verteilte in Budapest „Schutzpässe“, und mit Hilfe weiterer Personen konnten so über 100.000 jüdische Menschen gerettet werden. Anfang 1945 wird Wallenberg von einer Spezialeinheit des sowjetischen Geheimdienstes verhaftet und nach Moskau entführt. Zunächst leugnen die sowjetischen Behörden seine Verhaftung, später melden sie den Tod des schwedischen Bürgers in KGB-Haft. Die genauen Umstände seiner Haft, seines Verbleibs und seines Todes werden bis heute von den verantwortlichen Stellen verdunkelt. Im Jahr 2000 bestätigt die Oberste Staatsanwaltschaft der Russischen Föderation, dass Raoul Wallenberg „gesetzeswidrig gefangengenommen und als Kriegsgefangener nach Moskau transportiert“ wurde. Wallenberg wurde vollständig rehabilitiert.

Nach 1945, also nach der Erfahrung eines bewusst antisemitischen Staatssystems, nach der beispiellosen industriellen Vernichtung des europäischen Judentums, startete Stalin mehrfach antisemitische Kampagnen. „Bald wurde eine Politik der Zerstörung der religiösen und kulturellen Identität der jüdischen Minderheiten fortgesetzt.“ Schrecklicher Höhepunkt des gezielt antisemitischen Terrors war der Kampf gegen eine sogenannte „Ärzteverschwörung“, ebenso der antisemitisch ausgerichtete Slansky-Prozess 1952 in Prag.

Die Reanimierung eines politischen Verbrechers widerspricht nicht nur der historischen Wahrheit. Sie verhöhnt auch die Opfer des großen Terrors und stärkt letztlich den Rechtsextremismus in Russland und Europa. Wer letzteres nicht wahrhaben möchte, der schaue bitte selbst auf einschlägigen rechtsextremen Internetseiten nach. Dort wird Stalin, obwohl er Hitler angeblich besiegt habe, inzwischen als Vorbild verehrt.

Quellen:
Jugendlexikon Militärwesen 1984, S. 247f.
Spiegel 6/1991
http://de.wikipedia.org/wiki/Großer_Terror_(Sowjetunion)
Veranstaltung mit Dmitri Stratievski in der Gedenkbibliothek zu Ehren der Opfer des Stalinismus am 6. Januar 2009
„Raoul wallenberg“ Ergebnisse der internationalen Forschung 2002
Judentum in der Sowjetunion bis 1953, Studienarbeit S. 18
http://www.judentum.net/europa/slansky.htm
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