Herz-Dame verpasst. Über 500 Original-Dokumente in der Ausstellung „25 Jahre Mauerfall“ des Kulturbundes Gera

Als Ausstellungsstück eher unbedeutend, aber irgendwie doch dazugehörend: Die Karte, die Eckhard Müller in den Händen hält, erinnert an den Besuch seiner Kumpels in einem gewissen Westberliner Etablissement am Tag der Grenzöffnung.
  Gera: Kulturbund Gera | Alles Klopfen an seine Zimmertür in Berlin-Weißensee war vergebens. Kaum lief Schabowskis berühmter Halbsatz „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“ über den Äther, machten sich die Kumpels von Eckhard Müller auf den Weg. Ohne ihn.

Montage-Arbeiter-Schicksal. Wer fern der Heimat seine Brötchen verdient, versucht immer an den ersten vier Arbeitstagen der Woche den fünften heraus zu arbeiten. So hat es auch Müller als Fernmeldemonteur in Berlin gehalten. Als die Mauer am Donnerstagabend fiel, saß er bereits im Zug nach Gera. Seine Kumpels indes schnupperten freiheitliche Luft auf dem Kudamm und landeten schließlich in einem Etablissement mit leicht bekleideten Damen. Der Blick in die Getränkekarte ließ ihnen allerdings den Atem stocken. Keine Flasche Wein unter hundertfünfzig Mark. Letztlich wurden sie eingeladen. Zum Wein – nicht, was andere jetzt denken.

Und Eckhard Müller? Der damals 33-Jährige verfolgte zuhause am Fernseher den Mauerfall. Erst Montag nach der Arbeit ging es in den westlichen Teil der Stadt. Es bedurfte nicht mal der halbnackten Damen - selbst vom Anblick von gewöhnlichem Obst und Gemüse war Müller begeistert. Und vom Duft in den Kaufhäusern und …

Das an den Besuch seiner Kumpels im „Club Herz Dame“ erinnernde Kärtchen ist jetzt in einer Ausstellung zu sehen. Die Karte dokumentiert ein Erlebnis am Rande, eher unbedeutend und doch dazu gehörend. Es waren nicht nur die eigentlichen, weltweit Beachtung findenden Ereignisse im Herbst 1989 bis zur Wiedervereinigung, die Eckhard Müller interessierten. Bereits vor dem Fall der Mauer bekam er Flugblätter gegen die Stasi, gegen Bevormundung und für Freiheit in die Hände. „Hochinteressant“, erinnert er sich. In den Büros der damaligen Bürgerrechtler gab es weiteres Material. Eckhard Müller „gierte“ förmlich danach – nicht zwingend als politischer Aktivist, sondern als Bewahrer der Geschichte. „Das muss man doch alles sammeln“, erkannte er schon damals. Zeitungen, Fotos, Karten, Flugblätter, Aufrufe und politische Agitation der Parteien und Bürgerrechtsbewegungen – über 500 originale Dokumente hat Müller im Zeitraum des Mauerfalls bis zur politischen Wende zusammengetragen. Sie machen die bewegte Zeit und den damaligen Zeitgeist vor allem für junge Menschen nacherlebbar.

Als Vorsitzender des Kulturbundes Gera ist Müller natürlich daran gelegen, dass diese Dokumente öffentlich zu sehen sind. So hat er anlässlich des 25. Jubiläums des Mauerfalls in den Räumen des Kulturbundes eine Ausstellung gestaltet. Neben den Originaldokumenten wird auf mehreren Tafeln auch auf die Entstehung der Mauer eingegangen. Zahlreiche Dokumente belegen zudem, wie Bürgerrechtler anfangs nicht etwa für die Wiedervereinigung, sondern für eine demokratischere DDR eintraten. Laut Müller gerät gerade dieser Fakt zunehmend in Vergessenheit.

Während die politischen Plakate und Aufrufe logischerweise in der DDR gedruckt beziehungsweise vervielfältigt wurden, entstammen die zu sehenden Karten eher dem Gesichtsfeld Westdeutscher und Westberliner Fotografen, Designer und Verlage. So kommen Ironie und Sarkasmus über die Ostdeutschen nicht zu kurz.

Zu sehen ist die Ausstellung „25 Jahre Mauerfall“ in den Räumen des Kulturbundes Gera, im Ferberschen Haus, Greizer Straße 39, bis zum 12. Februar 2015. Geöffnet hat die Ausstellung dienstags, mittwochs und donnerstags von 10 bis 12 Uhr und mittwochs zusätzlich von 16 bis 18 Uhr. Sonderöffnungszeiten sind bislang für den 16. und 24. Januar 2015, 13 bis 18 Uhr, geplant. Führungen außerhalb der regulären Öffnungszeit können unter Telefon 0365/26395 und 0365/37303 vereinbart werden. Auf Wunsch können Schulklassen und sonstige Interessenten auch Einblick in das politische Material bestimmter Parteien und Bürgerrechtsbewegungen nehmen.
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Hannelore Grünler aus Artern | 21.11.2014 | 18:34  
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