Kein Hilfstransport in die Ukraine. Politische Lage behindert Hilfe des DRK Saale-Orla in Shitomir

Die Hilfsgüter liegen im DRK-Pflegeheim Pößneck-Ost bereit für den Transport in die Ukraine. „Das könnte alles so einfach funktionieren“, meint Heimleiter Tobias Zeilinger. Er war auch schon in Shitomir und kennt die Probleme beim Grenzübergang und mit dem Zoll, von den derzeitigen politischen Verhältnissen ganz zu schweigen.
 
Was das ist? Die Werkstatt des Klinikhausmeisters im ukrainischen Shitomir? Nein. Der OP-Saal mit einem OP-Tisch noch aus Kriegszeiten.
 
Auch ohne die derzeit eskalierende Lage in der Ukraine sagt der Umstand, dass der Neubau am Kinderkrankenhaus 18 (!!!) Jahre bis zur Fertigstellung gedauert hat, sehr viel über die Verhältnisse in der Ukraine aus.

Seit 1997 unterstützt der DRK-Kreisverband Saale-Orla das Zentrale Kinderkrankenhaus Shitomir und das Ukrainisches Rote Kreuz, Bezirkskomitee Shitomir, mit Hilfslieferungen und Geldspenden. Für den 31. Mai ist der nächste Hilfstransport des DRK Saale-Orla in die Ukraine geplant. Der Allgemeine Anzeiger sprach mit Ralf Adam, Vorstandsvorsitzender des DRK Kreisverband Saale-Orla.

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation in der Ukraine ein?

Es ist erschreckend, wie das Land zum Spielball der politischen Interessen geworden ist.

Wie ist die Lage in Shitomir?

Ich telefoniere regelmäßig mit Dr. Wladimir Baschek, dem Chefarzt des Kinderkrankenhauses Shitomir. Nach seiner Auskunft sei es in Shitomir noch ruhig. Aber es sei nicht abzuschätzen, ob von einen Tag auf den anderen hier auch Unruhen ausbrechen.

Was bedeutet das für den bevorstehenden Hilfstransport?

Wir werden nach Absprache mit Dr. Baschek nicht fahren. Wir müssen kein falsches Heldentum beweisen. Bereits im vergangenen Dezember war die polnisch-ukrainische Grenze für mehrere Tage blockiert. Wie dramatisch die Lage in der Ukraine mittlerweile ist, sieht man unter anderem am aktuellen Beispiel der OSZE-Militärbeobachter.

Was wird jetzt mit den Hilfsgütern?

Die stehen verladefertig in Pößneck. Derzeit werden Möglichkeiten überprüft, ob sie vom Kinderkrankenhaus Shitomir selbst abgeholt werden können oder ob wir eine internationale Spedition mit dem Transport beauftragen.

Das heißt, Sie könnten sich erstmals nicht persönlich davon überzeugen, dass die Hilfsgüter dort ankommen, wo sie sollen?

Der ukrainische Zoll kann sich offiziell bis zu drei Monate Zeit lassen, die Hilfslieferung zu prüfen. Wenn die Hilfsgüter dann im Kinderkrankenhaus und dem Ukrainischen Roten Kreuz angekommen sind, würden wir mit einer kleinen Delegation von maximal vier Personen nach Shitomir fahren und die offiziellen Übergabetermine persönlich wahrnehmen.

Gibt es noch einen Plan B, wie die Hilfsgüter in die Ukraine kommen?

Ja, den gibt es. Wenn die oben genannten Möglichkeiten nicht in Frage kommen sollten, werden wir die Wahl in der Ukraine - die ebenfalls am 25. Mai stattfindet - abwarten. Das tragische daran ist: Egal wie sie ausgeht, das politische Drama wird in der Ukraine damit nicht beendet sein. Aber womöglich verbessern sich die Bedingungen für einen Hilfstransport. Wir würden mit Dr. Baschek in Verbindung bleiben und prüfen, ob der Hilfstransport im Herbst durchgeführt werden könnte.

Die Bedingungen für den Hilfstransport sind derzeit so schlecht wie noch nie. Wie war das bislang?

Wir hatten in der Vergangenheit häufig wechselnde Zuständigkeiten für die Hilfstransporte bei den ukrainischen Ministerien und Fachabteilungen. Hinzu kommt, dass in der Ukraine voriges Jahr neue Gesetze für Hilfstransporte beschlossen wurden, die uns die Arbeit nicht erleichtert haben.

Was beinhaltet der derzeit geplante Hilfstransport überhaupt?

Für das ukrainische Rote Kreuz haben wir sechs Paletten Inkontinenzmaterial für kranke und pflegebedürftige Menschen, zehn Rollstühle, zehn Rollatoren und zehn Gehstützen. Für das Kinderkrankenhaus sind es drei Kinderkrankenbetten, eine Pflegewanne, zwei Sterilisationsgeräte, 100 Mal komplette Krankenhausbettwäsche, eine klappbare Therapie- und Behandlungsliege, sechs Computer, 50 Teddys für den Rettungsdienst, die vor Ort an die im Notfall befindlichen Kinder übergeben werden, und Edelstahlkochtöpfe.

Edelstahlkochtöpfe?

Ja, Edelstahlkochtöpfe. Das muss ich Ihnen näher erklären. Wir hatten in den vergangenen Jahren den Bau und die Einrichtung einer Großküche am Kinderkrankenhaus finanziert. Die war im gesamten Bezirk so vorbildlich und einzigartig, dass sie von einer nach der anderen Delegation besichtigt und bestaunt wurde. Es gab nur ein Manko: Es wurde mit Alutöpfen gekocht, mit denen wohl schon 70 Jahre gekocht wurde. Das dortige Hygiene-Amt hat sich daran gestört und droht, die modernste Großküche weit und breit aus diesem Grund zu sperren. Deshalb möchten wir jetzt schnellstens die Edelstahlkochtöpfe nachliefern.

Apropos bisherige Unterstützung. Womit konnten Sie helfen?

Wie bereits gesagt haben wir die Sanierung der Großküche plus die Anschaffung der Großküchengeräte finanziert. Wir haben zwei Rettungswagen und ein Behindertentransportfahrzeug zur Verfügung gestellt. Den Neubau am Kinderkrankenhaus, der nach 18 (!!!) Jahren Bauzeit vor zwei Jahren endlich eingeweiht werden konnte, haben wir komplett mit Betten und Nachtschränken ausgestattet. Und besonders wichtig: Wir haben eine Vielzahl von Diagnosegeräten zur Verfügung gestellt, die für die Behandlung von Folgeerkrankungen durch die radioaktive Strahlung notwendig sind. Insgesamt haben wir inzwischen für über 100.000 Euro Hilfe geleistet.

Radioaktive Strahlung. Welche Rolle spielt die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl heute? Das ist doch schon 28 Jahre her.

Eben. Die Neugeborenen und kleinen Kinder von damals sind heute im gebärfähigen Alter, gründen Familien und wollen Kinder bekommen. Jetzt setzt die Katastrophe von damals zum zweiten Mal ein. Es gab im Großraum Tschernobyl (Shitomir liegt 120 Kilometer entfernt) noch nie so viele Missbildungen bei Neugeboren wie heute. Und in der Ukraine ein geistig oder körperlich behindertes Kind groß zu ziehen, ist nicht das Gleiche wie in Deutschland, wo es jede erdenkliche Hilfe und Unterstützung gibt. Die ukrainischen Eltern haben entweder ein großes Herz und schenken all ihre Liebe dem behinderten Kind.

Oder?

Behinderte Kinder werden in der Ukraine oftmals abgegeben. Oder noch schlimmer: Einfach ausgesetzt!

Tragisch! Körperliche und geistige Behinderungen sind die eine Folge. Gibt es weitere Auffälligkeiten?

Leukämie und Krebs überhaupt in all seinen Formen, insbesondere Kehlkopfkrebs.

Wie könnte die weitere Hilfe – sofern sich die politische Lage in der Ukraine normalisiert - aussehen?

Ich habe noch gar nicht erwähnt, dass wir neben der materiellen und finanziellen Hilfe natürlich auch mit unseren Erfahrungen helfen können. In seinem letzten Brief vom 3. Februar hat Dr. Baschek davon berichtet, dass in der Ukraine gerade das Gesundheitswesen reformiert wird und dass Hospize für Schwerkranke geschaffen werden sollen. Er schrieb davon, dass höchstwahrscheinlich Einrichtungen der täglichen Pflege älterer Menschen in Zukunft entstehen müssen. Dies umzusetzen, baut Dr. Baschek auch auf unsere Erfahrungen.

Vielen Dank für das Gespräch.
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2 Kommentare
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Renate Jung aus Erfurt | 06.05.2014 | 22:56  
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Klaus Köhler aus Gera | 14.05.2014 | 21:48  
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