Mit Kerzen durch Geras Straßen am Abend vor dem Mauerfall

Mit Kerzen auf dem Weg durch die Große Kirchstraße - in Erinnerung an die Demos vor 25 Jahren.
  Gera: Trinitatiskirche | Am 9. November 1989 konnte keiner der mehreren Tausend Demonstranten, die an diesem Abend durch Geras Straßen zogen ahnen, was das für ein historischer Tag werden und das sich der Wunsch nach Reisefreiheit gerade auf wunderbare Weise erfüllen würde. Die Donnerstagsdemo begleitete die Friedensgebete in Gera seit dem 26.Oktober 1989 und immer mehr Menschen versammelten sich in der überfüllten Johanniskirche.
Menschen, die damals maßgeblich diese Aktionen begleiteten, erinnerten 25 Jahre nach dem Mauerfall am 8. November beim ökumenischen Friedensgebet in der Geraer Trinitatiskirche und im Anschluss während eines Rundgangs durch Geras Straßen, entlang des Demonstrationsweges.
Frank Karbstein, selbst Verfolgter des DDR-Regimes, verliest während des Friedensgebetes über 50 Namen, stellvertretend für Menschen, "die mit ihrem Mut und Einsatz Wegbereiter waren für die Tausende und Abertausende, die ihnen im Herbst '89 nachfolgten. Menschen, die ihr Recht auf freie Meinungsäußerung und Gedankenfreiheit einforderten. Menschen, die von ihrer Umgebung bespitzelt und geächtet wurden. Menschen, die es wert sind, genannt zu werden."
Pfarrer und Bürgerrechtler Roland Geipel erzählt von der Entstehung einer Umweltbibliothek in Gera unter dem Schutz der katholischen Kirche und von den ersten gemeinsamen Friedensgebeten in der Johanniskirche und dass es gerade junge Menschen waren, die den Prozess der friedlichen Revolution voranbrachten. "Auch nach einem Vierteljahrhundert, haben wir uns die Offenheit und das Vertrauen bewahrt, denn das war es, was uns alle ermöglicht hat, auf die Straßen zu gehen." Mitorganisator der Friedensgebete und heutiger Regionalbischof Gera-Weimar, Diethard Kamm, erinnert in seiner Predigt an die Worte "Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn", die auf einer unlängst eingeweihten Glocke in Gera-Lusan stehen. Er dankt und erinnert an den Mut, wie Menschen sich nicht mehr abschrecken ließen. "Die Mauer ist nicht eingefallen, sie wurde eingerissen. Doch ohne Solidarność, Perestroika oder der Grenzabbau in Ungarn wäre es wohl so nicht möglich gewesen. Doch", so Kamm weiter, "Wir waren Zeugen eines Wunders. Die friedliche Revolution war ein Geschenk und ich bin dankbar, dabei gewesen zu sein." Obwohl sich nicht alle Träume der Bürgerrechtler von damals erfüllt haben, so ist sich Diethard Kamm sicher: "Ja, ich habe es so gewollt, es ist eine freie und solidarische Gesellschaft entstanden und wir können, bei allem was da im Argen liegt, frei und fröhlich über die richtigen Wege zu einer menschlichen Welt streiten."
Organisiert von der Gedenkstätte Amthordurchgang e.V., die sich im Torhaus der ehemaligen politischen Haftanstalt Geras befindet, lädt danach Heiko Knorr zu einem Stadtgang auf den Spuren der Demos ein. Wie vor 25 Jahren halten Jung und Alt Kerzen in den Händen und Heiko Knorr erinnert an Gebäude, in denen staatliche Stellen, die SED-Presse oder die SED-Bezirksverwaltung saßen. An der Stelle, wo eine kommunistische Mauer stand, beschreibt Heiko Knorr, wie die Demonstranten Kerzen in den ausgemeißelten Schriftzug stellten.
An der Gedenkstätte Amthordurchgang erinnern, Heiko Knorr, Roland Geipel und Frank Karbstein an das Unrecht, das in diesem Gefängnis an über 2000 Inhaftierten der Staatsicherheit begangen wurde. Dabei fällt der Name Matthias Domaschk. Dieser Jugendliche kam am 12. April 1981 aus bis heute ungeklärten Gründen während der U-Haft ums Leben. Die Teilnehmer des Rundgangs erfahren, dass die Stasi, um Leute zu verfolgen, mit radioaktivem Material experimentiert hat.
Mit einem Taizé Gesang in der Johanniskirche findet der Rundgang seinen Abschluss. Der Weg zur Kirche ist mit Kerzen beleuchtet.
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Mike Picolin aus Gera | 09.11.2014 | 07:42  
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