Predigt Gedenkgottesdienst für die Opfer des Stalinismus

Nadeshda Mandelstam
 
Ossip Mandelstam
Gera: Trinitatiskirche | „Am Anfang war das Wort“. So steht es im Johannesevangelium.
„Am Anfang war das Wort und nicht das Geschwätz, und am Ende wird nicht die Propaganda sein, sondern wieder das Wort.“ sagte Gottfried Benn.

Propaganda erstarrte zu inhumaner Architektur.
Der Turm zu Babel – sperrig, nutzlos, ein Zeichen eigener scheinbarer Überlegenheit und Allmacht. Dieses Gebäude verschlingt Ressourcen, die dann im Sozialen und Kulturellen fehlen.
Der Turm zu Babel – Urbild aller späteren Monumentalbauten, Vorbild für die Großbauten des Stalinismus. Und am Anfang stand immer Propaganda. Die Sprache wurde deformiert. Statt Gespräche gab nun Kommandos, Befehle, Denunziationen. Da, wo ein totaler Einklang erzwungen wird, haben Zwischentöne, Missklänge, Widerspruch und Hinterfragen keinen Platz mehr. Das vermeintlich große Ziel erstickt alle Lebendigkeit, blockiert jede fruchtbare Auseinandersetzung – und lähmt das Zusammenleben bis hin zur tödlichen Agonie. Die Menschen sollen sich auch nicht verstehen, sie sollen vor allem funktionieren. Der Turm ist wichtiger als die Freiheit. Wer dessen Errichtung stört, wird ausgeschlossen, isoliert, vernichtet. Und da sowohl der Turm als auch die gleichgeschaltete Gesellschaft ein Kunstprodukt sind, besteht diese Welt aus Zwang und Kälte, Beton und Gewalt. Und immer steht am Anfang die Propaganda, die gezielt Sprache korrumpiert und die Verständigung exekutiert.

Mit dem 1. Schauprozess gegen prominente Bolschewiki 1936 in Moskau gewann der Terror des Stalinistischen Regimes eine neue Dimension. Die Dynamik der staatlich befohlenen Gewalt riss Abertausende Menschen ins Unglück. Die „Zeit“ schreibt in einem Artikel: „Das Innenkommissariat (NKWD) erteilte seinen untergeordneten Instanzen am 2. Juli 1937 die Anweisung, in der ersten Augusthälfte 259 450 Personen zu verhaften und 72 950 davon gleich zu erschießen. Bis Januar 1938 folgten zwei weitere Listen mit insgesamt 79 700 beziehungsweise 64 800 Betroffenen. Sicher spiegeln diese Zahlen nur die Spitze des Eisbergs. Die archivalisch verbürgten Schätzungen aller Opfer liegen weit höher. Aber sie verdeutlichen, dass die Gewalt ein neues Ausmaß annahm.

Dabei tobte der Terror in zwei Richtungen:
Zum einen die Tschistka, die sog. „Große Säuberung“, die auf Mitglieder der Kommunistischen Partei, einstige revolutionäre Weggefährten und Angehörige des Staats- und Militärwesen gerichtet war. Andererseits die Jeschowina - benannt nach dem NKWD-Chef Jeschow – die sich gegen die einfache Bevölkerung richtete. Treffen konnte der Terror faktisch jeden Menschen, der aus irgendeinem Grunde in die Mühlen der Justiz geriet und dort dann seelisch wie körperlich zermahlen wurde.

Ein Lagersystem, GULag durchzog die Topographie dieses großen Landes. Zahllose Menschen waren da Slaven einer Diktatur, die von sich selbst behauptete, die Ausbeutung des Menschen beendet zu haben. Die GULag-Häftlinge mussten für den russischen Turmbau zu Babel ihre Lebenszeit, ihre Gesundheit, ihre Würde und oft auch ihr Leben opfern.

Ossip und Nadeschda Jakowlewna Mandelstam stammten beide aus jüdischen Familien. Eine große Liebe trug die Beiden auch durch finstere Zeiten und sie waren eng mit der Poetin Anna Achmatowa verbunden.

„Verdorrt – im Feuerscheine
Mein Sein: verlöschen soll’s
Nicht makellose Steine
Ich singe jetzt das Holz“

Ossip Mandelstam ahnt die kommende Barbarei und nimmt sich das Wort. Es ist ein warmes Wort voller Traurigkeiten, aber dann wieder gefüllt mit trotziger Heiterkeit. Es ist ein menschliches Wort, das seine Lyrik durchströmt. Er erhält Publikationsverbot, wird von staatlichen Stellen schikaniert und 1934 zum ersten Mal verhaftet.

Zu Beginn des Jahres 1989 wird im Samisdat, in der Leipziger Untergrundzeitung „Glasnot“ das folgende Gedicht veröffentlicht:

„Gespräch mit Stalin
Wir leben noch in deinem Schatten
und riechen den Rauch von den Scheiterhaufen deiner Inquisition
doch die Kugeln der Mörder machen uns nicht mehr betroffen
da sie uns nicht treffen
heute köpft man ohne Beil die Hinrichtung macht nur Mund – tot
vergessen sind nicht Mandelstams Verse aber sein Leiden
zu sehr haben wir uns an deine namenlose Gegenwart gewöhnt
Wir sterben noch in deinem Schatten
wenn wir nicht endlich in die Sonne treten“

Vergessen sind nicht Mandelstams Verse aber sein Leiden:
1938 wird Ossip Mandelstam zum zweiten Mal inhaftiert und zu 5 Jahren GULag verurteilt. Die „Zeit“ schreibt: „Vierzig Minuten hatten die vom Flecktyphus befallenen Gefangenen der Baracke 11 bei tiefsten Frosttemperaturen nackt im Vorraum eines Waschhauses ausharren müssen, die Kleider mussten sie für eine Desinfektions- und Entlausungsmaßnahme in den Hitzeraum reichen.
In einem sibirischen Lager in der Nähe von Wladiwostok stirbt er, gerade mal 48 Jahre alt, an den Folgen der unmenschlichen Haftbedingungen.

Nadeschda Mandelstam versuchte im Würgegriff der Angst zu überstehen. Sie blieb nicht lange an einem Ort, zog sehr oft um und war immer auf der Flucht vor ihren Häschern. Gleichzeitig galt ihr Streben, das literarische Vermächtnis ihres Mannes zu bewahren. Nach Stalins Tod durfte sie nach Moskau zurückkehren. Hier schrieb sie ihre Erinnerungen an ihren Mann Ossip und an ihre Freundin Anna Achmatowa auf. Diese sind bis heute ein wertvolles Zeugnis über das Leben, Sterben und Überleben unter der stalinistischen Barbarei. Darunter auch dieser Satz: „Es gab trotz allem ein paar Menschen, die Menschen geblieben sind, Einzelne, Tropfen im Ozean; nicht alle sind zu Unmenschen geworden“

„Am Anfang war das Wort und nicht das Geschwätz, und am Ende wird nicht die Propaganda sein, sondern wieder das Wort.“
Am Anfang war das Wort, und das Wort wurde Mensch und wohnte unter uns. Gottes Wort ist nicht abstrakt und theoretisch. Es wurde konkret in Jesus Christus. Es ist ein Wort der menschlichen Würde. Das Wort überdauert das Geschwätz und die Propaganda. Das Wort überlebt den Terror. Es ersteht auf, um für das Leben zu bezeugen.
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