Thilo Sarrazin kehrt in seine Geburtsstadt zurück: Umstrittene Lesung im KuK Gera gut besucht

Thilo Sarrazin sprach im Kultur- und Kongresszentrum Gera zum Thema "Europa braucht den Euro nicht".
 
Zwei Hände voll Leute lauschen unter Beobachtung der Polizei der Gegendemo vor dem Kultur- und Kongresszentrum.
Thilo Sarrazin ist in seine Geburtsstadt Gera zurück gekehrt. Seine im Kultur- und Kongresszentrum Gera angekündigte Lesung ist von Beginn an auf Widerstand gestoßen.

Im Facebookauftritt "DIE LINKE. in GERA. Runder Tisch für Toleranz und Menschlichkeit, gegen Gewalt und Fremdenfeindlichkeit in der Stadt Gera" wurde vor der Veranstaltung folgende Erklärung abgegeben:

Gera braucht die Sarrazin-Lesung nicht!

„getrieben von jenem sehr deutschen Reflex, wonach die Buße für Holocaust und Weltkrieg erst endgültig getan ist, wenn wir alle unsere Belange, auch unser Geld, in europäische Hände gelegt haben“. Thilo Sarrazin

Sarrazin wird in Gera lesen. Dies ist ein normaler Vorgang in einer Demokratie. Der Runde Tisch der Stadt Gera sieht diese Veranstaltung dennoch sehr kritisch. Im Gegensatz zu seiner Selbstdarstellung vertritt der Autor kein Querdenken und bricht auch keine Tabus; im Gegenteil. Mit seinen einfachen Antworten auf komplexe Fragestellungen bedient Sarrazin in populistischer Weise Negativklischees mit demagogischen Anstrich und rassistischer Tendenz.
In seinem Buch „Deutschland braucht den Euro nicht“ erfolgt eben “keine rationale Abwägung der wirtschaftlichen Vor- und Nachteile des Euro. Da ist wieder der hässliche nationalistische Ton, der das Buch einrahmt. Es ist keine rationale Abwägung der wirtschaftlichen Vor- und Nachteile des Euro, sondern ein ganz klar auf die These: Zurück zur D-Mark hingeschriebenes Buch. Dafür ist Sarrazin alles recht: Auslassen, weglassen, umdeuten, bewusst falsch interpretieren.“

Peer Steinbrück wirft Sarrazin Geschichtsvergessenheit vor. Unsere Kritik ist noch deutlicher. Der Autor deutet historische Zusammenhänge um, wenn er behauptet: die seit sechs Jahrzehnten besonders ausgeprägte Begeisterung für Europa sei nicht zu erklären "ohne die moralische Last der Nazizeit".

Deshalb vertreten wir die Meinung:

Gera braucht die Sarrazin-Lesung nicht. Wir schließen uns der Bewertung an:
„Das Buch leitet in die Irre und liefert Eurofeinden starke, aber falsche Argumente. Eines tut es indes nicht: Es bricht keine Tabus. Sarrazins Thesen liegen voll im bundesdeutschen Mainstream. Das ist die eigentlich erschütternde Erkenntnis.“

Veranstaltungen in städtisch verwalteten Häusern sollten zur Toleranz und einer konstruktiven Diskussionskultur beitragen. Polemik und Populismus helfen Niemanden wirklich weiter. Wir erwarten, dass auch dieser Aspekt bei der künftigen Planung Beachtung findet.

Sarrazin wird in Gera lesen. Dies ist ein normaler Vorgang in einer Demokratie. Wir üben daran Kritik und fordern auch die Zuhörer Sarrazins auf, kritisch zu bleiben. Auch das ist ein normaler demokratischer Vorgang.

Diese Erklärung unterstützen folgende Mitglieder des Runden Tisches:

Michael Kleim, Geraer Stadtjugendpfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche,
Manuela Anditzky, Migrations- und Integrationsbeauftragte der Stadt Gera,
Margitt Böhme, Stadtteilmanagerin für Lusan
Monika Hoffmann, Demokratischer Frauenbund Gera,
Peter Lückmann, Bündnis gegen Rechts,
Steffi Nauber Stadtteilmanagerin für Bieblach und Bieblach Ost,
Claudia Poser-Ben Kahla, UNICEF Gera,
Andreas Schubert, DIE LINKE,
Dr. Bernd Stoppe, Aktionsbündnis Gera gegen Rechts
Christel Wagner-Schurwanz, Aufandhalt e.V.
Ines Wegner, Stadtjugendring Gera e.V.,
Sandro Witt, DGB Ostthüringen,
Katrin Berthold, SOS-Kinderdorf,
Christa Hausigk"

Weitaus leiser als das "Geschrei" um die Person Sarrazin gestaltete sich seine Lesung im KuK. Reichlich 600 Eintrittskarten wurden im Vorverkauf geordert. Letztlich lauschten etwa 800 Interessenten seinen Ausführungen zur Finanzpolitik in Europa und seinen umstrittenen Lösungsvorschlägen. Sarrazin gab sich ruhig und ohne viel Gestik - fast so trocken wie buchhalterische Themen nun mal sind.

Manch Besucher schien die Veranstaltung dann doch etwas zu langatmig gewesen zu sein, sie verließen sie vorzeitig. Sarrazin sprach nahezu zwei Stunden. Eine Lesung im eigentlichen Sinn war es nicht. Sein auf dem Rednerpult liegendes Buch hat er nur einmal kurz aufgeschlagen. Ergänzt wurde die Lesung mit einer anschließenden Diskussion, moderiert von Frank Karbstein vom OK Gera.

Die Beweggründe herauszufinden, warum die Besucher zu Sarrazin gekommen sind, gestalteten sich schwierig. Der erste Befragte wollte wissen, von welchem Geheimdienst ich bin. Der Zweite fragte erst gar nicht, sondern war sich gleich sicher.

Zur Gegenveranstaltung im Stadtmuseum, einem Alternativvortrag von Peter Nowak, kamen etwa 50 Interessenten.


Weitere Berichte von Veranstaltungen im KuK Gera sind hier zu finden:

http://www.meinanzeiger.de/gera/themen/kultur-und-...
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8 Kommentare
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Hannelore Grünler aus Artern | 15.11.2012 | 01:25  
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Uwe Zerbst aus Gotha | 15.11.2012 | 08:54  
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Karin Jordanland aus Artern | 15.11.2012 | 11:13  
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Lydia Schubert aus Nordhausen | 16.11.2012 | 12:06  
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Steffen Weiß aus Gera | 16.11.2012 | 13:57  
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Steffen Weiß aus Gera | 16.11.2012 | 15:07  
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Franz Purucker aus Jena | 16.11.2012 | 18:15  
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Wilfried Hofmann aus Gera | 18.11.2012 | 12:27  
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