Auf den Hund gekommen. Das Geraer SOS-Kinderdorf ist das erste, das dauerhaft mit einem künftigen Begleithund arbeitet

Justin (links, 8 Jahre) und Marc (6) sind hellauf begeistert von Amy und möchten sie am liebsten rund um die Uhr knuddeln.
 
Amy wird Begleithund im SOS-Kinderdorf Gera.
Gera: SOS-Kinderdorf | Es funktioniert! Die beiden Jungs haben davon erfahren, dass Amy kommt. Sie haben extra ihr Zimmer aufgeräumt. Nicht, dass Amy ihr Spielzeug frisst.

Amy ist der jüngste „Mitarbeiter“ im SOS-Kinderdorf Gera. Man verspricht sich einiges von ihr. Amy ist eine Labradorhündin, gerade mal 16 Wochen alt. Sie soll die Kinder erziehen und die Kinder sie. Hamster, Kaninchen oder eine Katze sind ansonsten gängige Haustiere, die es in derartigen Einrichtungen gibt. Kindern Verantwortung für ein Tier beizubringen funktioniert auch mit ihnen. Aber die erhoffte Wechselwirkung bleibt aus. Bei einem Hund sieht das anders aus.

Die Idee dazu plus dahinter stehendem Konzept hatte Erzieherin Mandy Gregus bereits bei ihrem Vorstellungsgespräch geäußert. Den sprichwörtlichen Stein des Anstoßes, es auch umzusetzen, gab Jürgen Legel. Der ist besonders in Alten- und Pflegeheimen in Gera und Umgebung ein gern gesehener Gast, wenn er mit seinem charmanten Benny zu Besuch kommt. Der Kleine Münsterländer-Cocker-Spaniel-Mix ist ausgebildeter Begleithund. Wo er auch auftaucht, überall ist man begeistert von der positiven Wirkung der Tiertherapie. So auch im SOS-Kinderdorf. „Er hat mit den Kindern getobt und gespielt. Der Körperkontakt hat sich positiv ausgewirkt. Interessant, dass ein Hund derart ausgebildet werden kann“, erinnert sich Nina Wunderlich, Koordinatorin und verantwortlich fürs Marketing, an den Besuch im Januar.

Jetzt wurde die Idee mit einem eigenen Begleithund umgesetzt. Vor zwei Wochen hatte Amy ihren ersten „Arbeitstag“. Und die Kinder waren ganz außer Häuschen, sind über das Hofgelände getobt, haben Amy geknuddelt, lieben sie schon jetzt. Noch müssen beide Seiten viel lernen. Amy ist ein Welpe, noch weit entfernt von einem ausgebildeten Begleithund. „Das Welpendasein soll sie auch genießen, bevor es zur Hundeschule und danach zur Ausbildung als Begleithund geht“, erklärt Mandy Gregus.

Bereits während ihres Urlaubs im August war sie öfter mit Amy im Kinderdorf, hat den Kindern erklärt, dass das ihr neuer Begleiter wird. Der Begeisterung folgten bereits die ersten Regeln. Die Kinder müssen lernen, wie man mit einem Hund umgeht. Da darf keine Wurst vom Tisch gefallen lassen werden. Immer von vorne nähern. Nicht hauen. Nicht kneifen. Nicht treten. Nicht allein Gassi gehen. Kein Gras füttern. Und, und, und. Was so selbstverständlich klingt, funktioniert nicht hundertprozentig vom ersten Tag an – es ist ein Lernprozess. Und Amy wartet als Dank dafür mit mehr als nur dem Knuddelfaktor auf. Als treuer Begleiter hört sie geduldig zu, wenn sich der eine oder andere Kinderdorf-Bewohner mit einem Problem öffnet. Amy ist auch Seelentröster.

Laut Nina Wunderlich ist das so umgesetzte Projekt Begleithund bislang einmalig an einem SOS-Kinderdorf. Wobei Amy nicht im Kinderdorf wohnen wird. „Ein Hund braucht eine feste Bezugsperson. Amy ist mein privater Hund. In werde ihn immer zu meinem Dienst mitbringen“, erklärt Mandy Gregus. Schließlich sei das auch eine enorme Herausforderung für den Hund. Begleithund zu sein, ist harte Arbeit. Wer Benny schon mal erlebt hat, weiß, dass er nach einer Therapiestunde bei den Senioren bereits erschöpft ist. Und Kinder sind noch fordernder. Deshalb wird Amy im SOS-Kinderdorf auch ihren Rückzugsort bekommen. Zudem hat die Erzieherin großen Wert darauf gelegt, das Projekt mit einem Welpen zu beginnen. „Wir haben hier ein Angstkind. Die Begegnung mit einem ausgewachsenen Hund wäre problematisch verlaufen“, ist sie sich sicher.

20 Kinder im Alter von zwei bis elf Jahren leben in diesem SOS-Kinderdorf, das vor nicht mal zwei Jahren eingeweiht wurde. Früher waren es vor allem Waisenkinder, heute ist Kindswohlgefährdung der Hauptgrund, warum Jugendämter und Vormundsgerichte aktiv werden und nach einer Lösung suchen. Im SOS-Kinderdorf wohnen und leben die Kinder in einem familiären Umfeld. Drei Familienwohngruppen mit jeweils acht Plätzen stehen in der Lusaner Straße zur Verfügung. „Sie leben wie in einer ganz normalen Familie, gehen zur Schule, sind teils in Vereinen tätig. Sie haben ihr eigenes individuelles Zimmer. Sie sollen sich wohl fühlen. Sie bleiben oftmals bis zur Verselbstständigung bei uns“, so Wunderlich. „Kinder und Jugendliche irgendwo am Ortsrand oder einem Dorf fernab des öffentlichen Lebens wegzusperren, hat sich längst als falsch erwiesen. Bei uns werden sie mitten in der Stadt groß und nehmen an allem teil, was die moderne Zeit zu bieten hat“, erklärt sie.

Fünf Erzieher arbeiten derzeit pro Familiengruppe im Schichtdienst. „Die Kinder haben einen engen Bezug zu den Erziehern“, freut sich Nina Wunderlich. Noch mehr steigern lässt sich dies nur mit einer sogenannten Kinderdorfmutter, die sieben Tage die Woche rund um die Uhr vor Ort ist. Qualifizierungen hierfür wurden bereits in Gera begonnen. Die dafür in anderen SOS-Einrichtungen notwendigen Praktika haben die Bewerber allerdings genutzt, gleich dort zu bleiben. Jetzt sucht man in Gera weiter nach potenziellen Bewerbern.
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