Goldene Zeiten Geras. Moderne Formensprache des Jugendstils in Ausstellung "Jugendstil in Gera" in der Orangerie thematisiert

Kunsthistoriker Wieland Führ präsentiert ein Buch in die Kamera, das von Johann Jakob Bauer - genannt Hans Bauer - entworfen und gefertigt wurde. Bauer war die prägende Persönlichkeit der Ausbildungseinrichtung für Buchbinder in Gera, die von 1500 Schülern aus zahlreichen Orten Deutschlands und verschiedenen Ländern der Welt besucht wurde.
 
Hans Bauer: Katechismus der Buchbinder, Leipzig Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber 1899, Stadtarchiv Gera
 
Roter Ganzfranzeinband über fünf echte Bünde mit Goldprägung, Entwurf/Ausführung: Hans Bauer, Gera, um 1912, Goethes Liebesgedichte, Insel-Verlag zu Leipzig, 1912, Privatbesitz
Gera: Orangerie | Dass Gera auch schon goldene Zeiten erlebt hat, ist längst kein Geheimnis mehr. Schließlich zählte die Stadt an der Weißen Elster vor reichlich hundert Jahren zu den zehn reichsten Städten Deutschlands. Zahlreiche Villen und öffentliche Gebäude zeugen noch heute von diesem Reichtum. Wobei sich der angesprochene Reichtum nicht etwa nur auf das Vorhandensein von Geld bezieht. Gestalterischer Reichtum ist ebenso zu erkennen. Etwa zwei Jahrzehnte ab Ende des 19. Jahrhunderts war der Jugendstil als kunstgeschichtliche Epoche prägend in den europäischen Metropolen. Das internationale Phänomen ging nicht spurlos an Gera vorüber.

Dass der Jugendstil nicht nur das Thema Architektur betrifft, davon kann man sich in der Ausstellung „Jugendstil in Gera“ in der Orangerie ein anschauliches Bild machen. Zu den augenscheinlichsten Jugendstilobjekten zählen das Theater, die Innengestaltung der Salvatorkirche und die Krematoriumsanlage auf dem Ostfriedhof. So heute nicht mehr vorhanden, weil 1906 den Flammen zum Opfer gefallen, zählt auch das Warenhaus Hermann Tietz auf der Sorge in diese Kategorie. Pariser Flair inmitten von Gera: Eine transparente Jugendstilfassade aus Eisen und Glas mit lichtdurchfluteten Verkaufsräumen. Ein Name taucht in dieser Zeit immer wieder auf: Adolf Marsch. Er war von 1900 bis 1911 Stadtbaurat in Gera – ein Visionär seiner Zeit.

Zeugnis davon, wie die moderne Formensprache des Jugendstils bis hin zu alltäglichen Gebrauchsgegenständen angewandt wurde, liefert die Ausstellung. Da finden sich neben dem Porzellan-Service unter anderem der Duschofen, Möbel, Bilderrahmen, ein Polyphon, Werke bildender Künstler aus Gera und Bücher.

Apropos Bücher. Die goldenen Zeiten Geras sind nicht nur eine Floskel. Der Kunsthistoriker Wieland Führ wurde von der Kunstsammlung Gera beauftragt, das Thema Jugendstil bei der Buchgestaltung zu erforschen. Dabei hat Führ Erstaunliches heraus gefunden, was in Gera längst in Vergessenheit geraten war: Gera hatte eine Vergoldeschule, eine zuletzt als „Fachschule für Buchbinder zu Gera“ bezeichnete spezialisierte Ausbildungsstätte für Buchbinder mit internationalem Ruf.

Wieland Führ über seiner Forschungsergebnisse:

DIE VERGOLDESCHULE UND DIE FACHSCHULE FÜR BUCHBINDER IN GERA UM 1900

Für wenige Jahrzehnte befand sich um 1900 in Gera ein überregional ausstrahlendes Zentrum einer spezialisierten Ausbildung für Buchbinder. Die zuletzt als „Fachschule für Buchbinder zu Gera“ bezeichnete Ausbildungsstätte besuchten etwa 1500 Schüler aus zahlreichen Orten Deutschlands und aus verschiedenen Ländern der Welt.

Ausgangspunkt war die 1880 von dem Geraer Buchbindermeister Franz Otto Horn (geb. 1851) gemeinsam mit seinem späteren Schwager Wilhelm Patzelt (geb. 1852) begründete Firma „Horn & Patzelt. Lehranstalt für Handvergoldung“. Franz Otto Horn war der erste Leiter dieser Lehranstalt. 1885 veröffentlichte er in Gera sein bis heute gültiges Standardwerk für die handwerkliche Buchvergoldung „Die Technik der Handvergoldung und Lederauflage“. Zuletzt befand sich die „Geraer Vergoldeschule und Buchbinderei, Kunstgewerbliche Anstalt“ in der Kaiser-Wilhelm-Straße 16 (heute Berliner Straße).

Bereits seit der Gründungszeit an der „Geraer Vergoldeschule von Horn & Patzelt“ als „Hauptlehrer“ und zuletzt auch als Schulleiter tätig, war die prägende Persönlichkeit dieser Ausbildungseinrichtung Johann Jakob Bauer (1862 – 1921), genannt Hans Bauer. Der aus dem fränkischen Hof stammende Buchbinder gründete 1899 nach der Aufgabe der Horn & Patzelt´schen Lehranstalt in direkter Nachfolge die Geraer Fachschule für Buchbinder, auch als Fachschule für Buchbinderei bezeichnet. Ebenfalls 1899 erschien sein Buch „Katechismus der Buchbinderei“ in Leipzig, das in der zweiten Auflage 1911 unter dem Titel „Lehrbuch der Buchbinderei“ veröffentlicht wurde. Nach dem Umzug aus der Kaiser-Wilhelm-Straße befand sich die Geraer Fachschule in der Lessingstraße 4 und schließlich in der Laasener Straße 18 bzw. 28.

Genau in dieser Zeit hatte die dekorative Phase des Jugendstils ihren Höhepunkt erreicht und war Ausgangspunkt der deutschen Buchkunstbewegung geworden. Eine Reformbewegung welche die handwerkliche, formale und künstlerische Qualität von Büchern und anderen Druckschriften nachhaltig zu verbessern versuchte und sich damit von den Massenprodukten der Industrie mit der Formensprache des Historismus distanzierte. Die individuelle Ausbildung an der Geraer Fachschule unter der Leitung von Hans Bauer vereinte schließlich eine gediegene, hochprofessionelle handwerkliche Grundausbildung mit der künstlerischen Entwicklung in der Zeit des Jugendstils, die sich auch in den zahlreichen Schülerarbeiten wiederfindet, ebenso wie in den Arbeiten des Schulleiters und Meisters.

Zu den Schülern von Hans Bauer zählte u.a. Hans Dannhorn (1871-1955), der spätere Leiter der Buchbinderabteilung der Königlichen Akademie der graphischen Künste und Buchgewerbe in Leipzig (heute Hochschule für Grafik und Buchkunst) oder Bernhard Harms (1876-1939), der später verschiedene Publikationen zur Buchbinderei veröffentlichte und schließlich nach weiteren Studien nicht nur Rektor der Kieler Universität wurde, sondern 1914 das heute noch bestehende renommierte Institut für Weltwirtschaft gründete und bis 1933 dessen Gründungspräsident war. Heinrich Vahle (1876-1955) war nicht nur Schüler an der Geraer Fachschule, sondern auch zeitweilig Fachlehrer der Schule. Er galt als einer der bedeutendsten Handvergolder Deutschlands und wurde schließlich Ehrenmitglied der Vereinigung der Meister der Einbandkunst (MDE).

Gebrochen von persönlichen Schicksalsschlägen – der älteste Sohn war im Ersten Weltkrieg gefallen, der jüngste Sohn im Krieg schwer verletzt worden - verstarb Hans Bauer 1921 in Gera. Damit endete ein Kapitel in der Geschichte der Stadt, das in einer besonderen Form den Ruf der ostthüringischen Industriemetropole mit einem kunsthandwerklichen Spezialgebiet in alle Welt getragen hatte.


Mehr zur Ausstellung "Jugendstil in Gera" inklusive einem virtuellen Rundgang ist hier zu erfahren:

http://www.meinanzeiger.de/gera/kultur/ausstellung...
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8 Kommentare
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Hannelore Grünler aus Artern | 26.10.2013 | 16:32  
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Klaus Köhler aus Gera | 06.11.2013 | 17:39  
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Hannelore Grünler aus Artern | 06.11.2013 | 19:47  
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Steffen Weiß aus Gera | 06.11.2013 | 19:53  
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Steffen Weiß aus Gera | 09.01.2014 | 09:06  
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Steffen Weiß aus Gera | 15.01.2014 | 08:15  
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