Schutz durch Ausweichen – das lernen Kinder beim Gewaltpräventionsprojekt „Sabaki“

Sabaki-Initiator Mike Wolf schnappt sich ein Kind. Passanten würden vermutlich denken, dass ein Papa Spaß mit seinem Kind macht. Doch wenn es ein Fremder ist? Wie kann das Kind in dieser Notsituation Aufmerksamkeit erregen? Das ist Teil des Trainings.
 
Eine unangenehme Situation - ein Junge wird von einem Fremden festgehalten. Wie kann er sich aus dieser Situation befreien?
Gera: Sabaki | Gera. „Na Junge, möchtest du Schokolade?“ „Nein, ich darf von Fremden nichts nehmen. Lassen Sie mich in Ruhe“, Eric nimmt Abstand und geht. „He Kleine, kannst du mir sagen, wo hier der Bahnhof ist?“ Enrico antwortet: „Fragen Sie bitte einen Erwachsenen“ – und geht ohne anzuhalten weiter… „Du hast aber schöne Haare.“ An der imaginären Supermarktkasse streicht ihr jemand von hinten über den Kopf: „Bitte lassen Sie das, fassen Sie mich nicht an“ – sagt Anika energisch. Am Arm gepackt – Paula macht auf sich aufmerksam, indem sie bei den Passanten jemanden direkt laut um Hilfe anruft: „Hallo, Sie mit dem Tuch, bitte helfen Sie mir“. Ihr gelingt es auch, sich aus dem Griff zu lösen, indem sie sich ganz locker einfach nach unten „plumpsen“ lässt - verblüffend, wie das funktioniert…

Die Mädchen und Jungen der Klassen 1 und 2 aus der Erich-Kästner Grundschule machen ihre Sache bei der Verhaltensschulung von Mike und Mandy Wolf sowie ihren beiden Mitstreitern Anka und Frank schon richtig gut. Sie haben sich die wichtigsten, soeben gelernten Verhaltensmuster in den verschiedensten „brenzligen“ Situationen gut eingeprägt. Sie lauten: Bewahre Ruhe; nimm Abstand, lass das Quatschen, wecke Aufmerksamkeit und hole dir Hilfe, wehre dich ohne zu kämpfen. Immer wieder werden diese Worte wiederholt, immer wieder Situationen nachgespielt. Am Ende der Schulung in die Runde gefragt, wie es ihnen jetzt gehe, antworteten die meisten Schüler: „Ich fühle mich jetzt sicherer“.

Sabaki – das japanische Wort kommt aus der Kampfkunst und heißt soviel wie Ausweichen. Genau darauf basiert das Kindergewaltpräventionsprojekt „Sabaki“, ins Leben gerufen von Mike und Mandy Wolf. „Ich bin Kampfsportler und jemand fragte mich einmal, ob es nicht für Kinder ein Angebot zu Selbstverteidigungstechniken gäbe. Die Idee fand ich nicht so gut, weil Kinder einem Erwachsenen körperlich nicht gewachsen sind und den „Täter“ nur noch mehr provozieren, ihn aggressiver machen.

Aber so wuchs eine andere Idee, nämlich ein Konzept zu entwickeln, dass den Schutz durch Ausweichen, also präventive Verhaltensregeln in den Vordergrund stellt. So entstand das Projekt Sabaki“, erzählt Mike Wolf.
„Es beinhaltet eine Kinderverhaltensschulung, in der wir Mädchen und Jungen im Kindergarten- und Grundschulalter ein Verhaltensmuster für den außerhäuslichen Umgang mit Erwachsenen innovativ vermitteln. Das Erlernte sollen sie in alltäglichen Kontakt- und Konfrontationssituationen mit Erwachsenen anwenden.
Dies nicht nur bei Fremden, sondern auch bei Bekannten, also Erwachsenen aus dem sozialen Nahbereich, wie der Nachbar, der Hausmeister... Mit dem Projekt möchten wir bewirken, dass sich Kinder im Alltag natürlich und selbstständig bewegen können, sich sicherer fühlen und Übergriffe - überwiegend sexueller Form - auf Kinder präventiv hemmen.
Wir erklären ihnen, dass allein sie über ihren Körper bestimmen, keiner sie anfassen darf, wenn sie es nicht möchten.“
Das Projekt ist sehr gefragt. „Wir machen das nebenberuflich, sind mittlerweile auf eine Teamgröße von sieben geschulten Leuten gewachsen. 6000 Kinder in Thüringen und im gesamten Bundesgebiet haben wir geschult. Es ist ein gefördertes Projekt und steht unter Schirmherrschaft von Ministerin Christine Lieberknecht“, so Mike.

Und es gibt bereits eine Anschlussinitiative. Diese heißt „Safe Point“ und zeigt Kindern in ihrer Stadt Zufluchtsstellen, in die sie sich bei Notsituationen wie Belästigungen durch Erwachsene, wenn sie sich beobachtet, bedroht oder verfolgt fühlen, schnurstracks flüchten können. Diese sind mit einem markanten Punkt - rot mit einem stilisierten Igel - gekennzeichnet, der gut sichtbar an öffentlichen Einrichtungen wie beispielsweise an Geschäften, in Bussen und Straßenbahnen angebracht ist.

Mitmachen können Einrichtungen, die bereit sind, Kindern in Notsituationen Schutz und Hilfe zu gewährleisten, die ihnen die notwendige Aufmerksamkeit, ihr uneingeschränktes Verständnis schenken, ihnen Sicherheit und Schutz vermitteln sowie externe Hilfe rufen - z.B. die Polizei - oder gegebenenfalls die Eltern informieren. Die Teilnahme an kostenfrei. „Damit erhöhen wir die Hemmschwelle potenzieller Täter aufgrund höherem Entdeckungsrisiko“, erläutert der Initiator Mike Wolf.
Am Brückenpfeiler der DB in der Heinrichstraße weist nun auch ein riesiges Grafitti auf die Initiative „Safe Point“ hin – als Hilfe und Information für Kinder sowie für alle, die sich der Initiative anschließen möchten. Nicky Brehme, Christian Schmidt und André Naumann, Gafitti-Künstler der Folien-Fabrik Gera, arbeiteten am 32 qm großen Grafitti an der Eisenbahnbrücke, das sie für die gemeinsame Aktion der Deutschen Bahn AG und dem Kindergewaltpräventionsprojekt „Sabaki“ entwarfen. "Ein gutes Projekt, das auf die Initiative „SafePoint“, einer Schutzeinrichtung für Kinder, hinweist. Da haben wir spontan zugesagt." Fläche und Material sponserten Bahn und Folien-Fabrik. Die Umsetzung - mittlerweile abgeschlossen - erledigten die drei jungen Männer gratis.
Das Safe Point-Symbol - ein Aufkleber - kann gegen eine Schutzgebühr bezogen werden. Mehr Infos unter www.projekt-sabaki.de
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