Tanzen ist Lebensfreude. Für einen kurzen Moment die eigene Krankheit vergessen – Kulturzeit am Kulturkrankenhaus

Die nahezu täglich angebotene Kulturzeit im Kulturkrankenhaus findet nicht hinter verschlossenen Türen sondern im öffentlichen Foyer-Bereich statt. Zweimal pro Monat tauscht Endoskopieschwester Uta Wolf ihre Dienstkleidung gegen orientalische Gewänder und tanzt als Intchi vor den Patienten und Gästen.
 
Normalerweise tanzt Inchi zu Musik aus ihrem Ghettoblaster. Nur für dieses Fotoshooting hat sie Michael Krause begleitet. Der Geraer Pianist gehört sozusagen bereits zum Stamminventar der Kulturzeit, spielt wöchentlich zwei- bis dreimal dezente Klaviermusik.
Gera: SRH Waldklinikum | Feierabend. Das Endoskopie-Besteck beiseite gelegt. Die Schwestern-Kleidung abgelegt. In ein orientalisches Kostüm geschlüpft und Musik aufgelegt.

Während die meisten von uns nach Feierabend schnellstmöglich ihren Arbeitsplatz verlassen, bleibt Uta Wolf gern noch ein Stündchen. Dann ist die Krankenschwester allerdings nicht auf Station zu finden, sondern im öffentlichen Raum des SRH Wald-Klinikums Gera. Aus Uta Wolf wird Intchi, die Perle.

Die, die es eilig haben, halten einen kurzen Moment inne. Andere freuen sich schon stundenlang auf diesen Moment und haben gemütlich Platz genommen. Intchi kreist mit den Hüften, streckt die Arme anmutig in die Höhe, dreht sich sanftmütig im Takt der orientalischen Musik. Kulturzeit im Kulturkrankenhaus. Die Patienten der SRH Waldklinik Gera und die Gäste kennen den Termin längst: täglich 15.30 Uhr gleich im Eingangsbereich.

Von „Das ist nicht deutsch. Das gehört nicht hier her!“ bis „Das ist aber schön! Ich habe eine halbe Stunde nicht an meine Krankheit gedacht. Ich habe es genossen!“ reichen die Reaktionen. Ersteres ist laut Intchi die Ausnahme. „95 Prozent der Zuschauer reagieren positiv“, freut sie sich. Und egal ob da nur ein Zuschauer sitzt oder sich noch ein Kreis um sie bildet, weil die Sitzplätze nicht reichen, sie tanzt mit der gleichen Freude. Für sie ist Tanzen Ausdruck von Lebensfreude, „die ich für mich fühle und den Menschen weitergeben möchte“.

Wenn Schwester Uta aller zwei Wochen mit der großen Tasche, den selbst genähten Kostümen und dem Ghettoblaster auf Arbeit kommt, ist für sie wieder Kulturzeit nach dem Feierabend angesagt. „Das ist für mich wie ein kleines Zuckerbonbon oben drauf“, freut sie sich auf den Auftritt und muss zugeben „ich habe jedes Mal Lampenfieber“. Das sogar nach über 20 Jahren orientalischem Tanzen.

Wie so oft im Leben begann alles mit der sprichwörtlichen Schnapsidee, dem Stammtisch mit den Mädels. Sie meldeten sich zu einem Kurs an der Volkshochschule an. „Da habe ich mich mit dem orientalischen Tanzvirus infiziert“, erinnert sie sich genauso, wie „ich habe anfangs alle Fehler bei den Bewegungen gemacht, die man machen kann“. Mittlerweile geht ein Großteil ihrer Freizeit für das Tanzen drauf. „Mir würde etwas fehlen, wenn ich mich nicht nach der Arbeit noch bewegen könnte. Die Kurse an der Volkshochschule gibt sie längst selbst, der nächste beginnt im September. Ebenso unterrichtet sie orientalischen Tanz im Kulturhaus Heinrichsbrücke. Dabei ist sich Intchi sicher, orientalischer Tanz kann jede Frau erlernen, übrigens sogar Männer. Letztere seien hierzulande aber eher die Ausnahme. „Die Menschen haben früher öfter getanzt. Es sollte viel mehr Platz in unserem Leben haben. Tanzen ist Lebensfreude. Wer sich nicht bewegt, hat wenig Freude am Leben“, so Uta Wolf.

Hintergrund:

Mit dem Neubau des SRH Wald-Klinikums Gera wurde das Konzept eines Kulturkrankenhauses umgesetzt. Kunst findet sich in der modernen lichten Architektur wieder und begleitet in Form von Plastiken und 900 originalen Bildern Patienten von der großen Eingangshalle bis ins Krankenzimmer. Zudem bereichern Ausstellungen und Veranstaltungen den Klinikalltag. Seit drei Jahren schon erklingt nahezu täglich pünktlich um 15.30 Uhr die SRH Kulturzeit, bei der Laienchöre auftreten, Musikschüler am Flügel spielen oder eben auch Mitarbeiter tanzen und musizieren.

Die Idee dahinter: Kunst und Kultur sollen – gerade in einer Ausnahme-Situation wie einer Erkrankung – den Blick für Neues öffnen, auf andere Gedanken bringen und eine Atmosphäre des Wohlfühlens schaffen.

www.waldklinikumgera.de

Intchi tritt in der Regel jeden ersten und dritten Montag auf, die nächsten Termine sind der 11. Und 18. Juli.

www.intchi.de
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Griseldis Scheffer aus Gera | 29.06.2016 | 14:19  
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