Adrenalin pur. In Privatinitiative entstanden: Downhill-Strecke „Zieglers Garden“

  Sein Downhill-Rad hat vorn und hinten 20 Zentimeter Federweg. Das ist wie bei einer Motocross-Maschine, nur ohne Motor. Mit Schutzkleidung und Helm gerüstet, biegt Marcel Ziegler in den Wald. Die ersten Meter in dem Forst nahe Gera-Ernsee sind unscheinbar. Die könnten noch von jedem geübten Mountainbiker gemeistert werden. Was dann allerdings kommt, treibt jedem Hobbyradler den Schweiß auf die Stirn.

Los geht’s mit einer Sprung-Kurven-Sektion, die in einer Steilkurve endet. 90-Grad-Richtungsänderung und dank der Physik fast 90 Grad Schräglage. Mit etwa 25 Stundenkilometer geht es in den Drop. Drei Meter zu bezwingender Höhenunterschied bewirken eine weitere Beschleunigung, gut für die nächste Steilkurve. Step up und Step down – Hindernisse, die auf Laien wie unfertige Brücken wirken. Wieder geht es drei Meter durch die Luft. Nach zwei kleineren Hügeln nimmt Ziegler die Double Line – vier Sprünge in dichter Folge. Dann kommt eine etwa acht Meter lange in 2,50 Meter Höhe gebaute Holzkurve. 35 bis 40 Stundenkilometer. Genug Schwung für die beiden Double Sprünge über zehn Meter. Nach den S-Kurven nochmals zwei Doubles. Und dann das Hindernis, an das sich nur er selbst traut: Mitten durch die Bäume führt ein etwa 20 Meter langer Drop, der im Nichts endet. Ziegler nimmt ihn als krönenden Abschluss unter die Räder und landet fünf Meter tiefer.

Während dieser anderthalb Minuten hat der Geraer so viel Adrenalin ausgeschüttet, wie es andere in einem Jahr nicht schaffen. Das sorgt für ein breites Grinsen im Gesicht. Derart geflasht, wird das Hinaufschieben des 17-kg-Rades zum nächsten Start nicht als Belastung empfunden.

Ende der 90-er Jahre ist Downhill immer populärer geworden. Ziegler fährt seit 1998 Rennen, europaweit, auch Weltcuprennen. 2000 ist sein Bruder eingestiegen. Es scharte sich eine kleine Gruppe um die Zieglers. In der Nähe der Keplerstraße gab es eine kleine Strecke zum Üben. Auf der Suche nach einem geeigneteren Terrain stieß er auf den Wald oberhalb von Ernsee. 2005 legten die Brüder ein paar Sprunghügel an. Mit den größer werdenden Federwegen kamen größere Hügel. So richtig massiv mit eigenen Holzbauwerken wurde die Strecke ab 2011 ausgebaut. Jetzt steht sie im Wesentlichen, abgesehen von Verfeinerungsarbeiten. Etwa ein halbes Dutzend Downhiller trainiert hier regelmäßig.

Und was hat Gera ansonsten für anspruchsvolle Mountainbiker fernab von Teerwegen entlang der Weißen Elster zu bieten? Da kommt Ziegler auf die offizielle Mountainbike-Strecke der Stadt nahe der Martinshöhe zu sprechen. Angelegt auf Rückewegen des Forsts sei sie wohl als Alternative für illegale Strecken gedacht. „Ein Cross-Country-Rennen gab’s damals zur Eröffnung und das war’s! Die 2,5-km-Runde ist vollkommen unattraktiv. Abfahrtsorientierten Mountainbikern wird hier keine Action geboten“, winkt er ab. Dementsprechend gibt es nach wie vor kleinere illegale Strecken rund um die Stadt, mehr oder weniger geduldet. Ansonsten hat Gera noch eine BMX-Strecke auf dem Gelände der Radrennbahn, die aber nur von Vereinsmitgliedern genutzt werden darf.

Und weil den ambitionierten Bikern so wenig geboten wird, hat Ziegler im städtischen Fachdienst Sport das Anlegen eines Pump Tracks im Hofwiesenpark angeregt. Das ist so etwas, wie die kleinen geteerten hügeligen Asphaltpisten für die Rollerfahrer, die bereits existieren. Für Biker müsste dies eben nur größer, im Oval und keinesfalls geteert sein. Nicht, dass seine Idee nicht für gut befunden wurde. Aber es scheitert wie so oft am Geld.

Zur Person Marcel Ziegler:

- 35 Jahre, verheiratet, zwei Kinder
- Seine Frau lässt ihm die Freiheit für Downhillrennen und ist schon zufrieden, wenn er sie unverletzt übersteht
- Kfz-Technik-Meister im Angestelltenverhältnis
- Viele erste Plätze. Den Erfolg misst er aber nicht daran, schließlich sei ein 71. Platz unter 777 Teilnehmern bei einem 1500-Meter-Höhenunterschied-Downhill in der Schweiz ebenso ein Erfolg
- Bislang das Schlüsselbein rechts und links, rechte Unterarm-Speiche und das linke Sprunggelenk gebrochen, zudem jede Menge blaue Flecken
- Unerfüllter Traum ist die Teilnahme an der Megavalanche in den französischen Alpen, wo sich 2000 Teilnehmer aus 3000 Metern Höhe auf einer 40 Kilometer langen Strecke talabwärts „stürzen“.
- Kontakt über Facebook/Zieglers Garden
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3 Kommentare
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Gunter Linke aus Saalfeld | 08.10.2014 | 12:21  
3.050
Antje Hellmann aus Jena | 08.10.2014 | 12:36  
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Hannelore Grünler aus Artern | 08.10.2014 | 13:14  
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