Benzin im Blut: Justin Hänse ist fit für die neue Saison auf seinem Minibike

Justin Hänse hat das sprichwörtliche Benzin im Blut. (Foto: privat)
 
Bei dem 13-Jährigen passen längst nicht mehr sämtliche Pokale in einen Schrank.
 
Justin Hänse aus Niederpöllnitz (Landkreis Greiz) fährt seit mehreren Jahren erfolgreich Rennen.
Das kommt davon, wenn der Opa seinen Sprössling von Kindesbeinen an zu oft mit zum Schleizer Dreieckrennen nimmt! Justin ist fasziniert vom Benzingeruch, den hoch drehenden Motoren, den wagemutigen Männern mit extremer Schräglage in den Kurven. Und die am Start- und Zielbereich präsentierten Pocketbikes haben es ihm auch angetan.

Noch mehr leuchten Justins Augen zum Kindertag 2010. Er bekommt ein gebrauchtes Pocketbike geschenkt. Der Junge ist erst sieben, stellt sich aber auf dem Bike nicht dumm an. Er hat das sprichwörtliche Blut geleckt. Geht da noch mehr? Dies heraus zu finden, ist auf dem Feldweg oder privaten Grundstück kaum möglich. Die Familie nimmt Kontakt zum Beinlich Racing Team, der Talentschmiede im Motorrad-Straßenrennsport in Thüringen, auf. Jeden Mittwoch wird in Schleiz im Start- und Zielbereich am Dreieck trainiert. „Justin ist gut gefahren“, freut sich Opa Wolfgang voller Stolz.

Es kommt, wie es kommen muss. Justin Hänse fährt Rennen. Das erste mit neun Jahren. Unterm Hintern eine 40-ccm-Maschine, gedrosselt auf 4 PS, bis zu 80 Stundenkilometer schnell. Das ist jetzt schon vier Jahre her. Aber der Niederpöllnitzer (Landkreis Greiz) erinnert sich noch, als wäre es gestern gewesen: „Lehrhaft!“. Was ist passiert? Der angehende Rennfahrer kommt beim Training auf dem Görlitz-Ring nicht weit. Er schafft es nicht mal durch die erste Kurve und landet im Reifenstapel. Papa Andreas befreit ihn daraus. Justin muss sich eingestehen, dass er nicht wirklich weiß, wie man durch eine Kurve kommt. Erfahrene Teamkollegen nehmen den Jungen zur Seite und klären ihn über die Ideallinie auf.

Den aufgezeichneten Plan im Kopf, geht es Justin nochmals an, diesmal nicht ganz so hitzig. Und siehe da: Es funktioniert! Auf welcher Position er fährt, bekommt Justin vor lauter Konzentration nicht mit. Dritter! Das erste Rennen und gleich ein Podestplatz! Da ist der Jubel natürlich groß. Seine erste Rennsaison schließt Justin nach sechs Rennen beim Pocketbike Sachsenevent als Vizemeister ab. Es folgt die Anmeldung für die Deutsche Meisterschaft ADAC Pocketbike Cup im darauf folgenden Jahr, also 2013.

All die folgenden Podestplätze aufzuzählen, ist mittlerweile genauso mühsam, wie auf den vielen erhaltenen Pokalen Staub zu wischen. Die passen längst nicht mehr alle ins Wohnzimmer, dort stehen nur noch die aktuellsten. Der Rest füllt eine Vitrine im Kinderzimmer. Justin wurde 2013 Vizemeister beim ADAC Pocketbike Cup, Vizemeister beim Pocketbike Sachsenevent, 2014 Zwölfter beim ADAC Minibike Cup und Zweiter bei der Hessen-Thüringen Meisterschaft, 2015 Siebter beim ADAC Minibike Cup in der internationalen Wertung und Fünfter bei der nationalen Wertung. Und das ADAC Jugendsportabzeichen in Silber hat er auch noch verliehen bekommen.

Der Umstieg vom Pocketbike - das nur bis zum zehnten Lebensjahr gefahren werden darf - aufs Minibike hat Justin gefreut: „Eine bessere Sitzposition, ein besseres Fahrverhalten und endlich mit Schaltung“. Die Honda NSF 100 hat 100 ccm, ist 8,5 PS stark und fährt je nach Übersetzung bis 120 Stundenkilometer. Ebenso eine neue Erfahrung war der Start zum FIM Europameisterschaftslauf Minibike im holländischen Assen vorigen August nach viertägiger Profianleitung im Racecamp. „Bei den ADAC-Rennen sind Einheitsreifen vorgeschrieben, die nicht sonderlich regentauglich sind. Dementsprechend fürchte ich mich vor jedem Tropfen von oben. In Assen bin ich das erste Mal mit richtigen Regenreifen bei strömenden Regen gefahren und es hat Spaß gemacht!“, freut sich Justin. Nach nur drei Läufen hat er bei der EM den dritten Platz belegt.

Und wie funktioniert das eigentlich, wenn so ein „Jungspunt“ nahezu jedes Wochenende von Ende April bis Oktober auf der Piste Gas gibt? Das geht natürlich nur, wenn die gesamte Familie hinter ihm steht. Anfangs hatten seine Eltern noch Pensionen in Rennstreckennähe gemietet. „Alles viel zu umständlich“, blickt Mutti Doreen zurück. Ein Wohnwagen wurde angeschafft. Platz genug für Justin, seine beiden Schwestern, die Eltern und Opa. Und mit dem Wohnwagen ist die Familie in den Fahrerlagern auch mitten im Geschehen. Das fördert die Beziehungen zu den anderen Rennfahrerfamilien und ermöglicht natürlich auch die sogenannten Benzingespräche. Apropos Benzin. Justins Schrauber sind der Opa und der Vati. Opa schraubt als gelernter Schlosser seit seinem 17. Lebensjahr an Motorrädern herum. Einzig die Reparaturanleitungen auf Japanisch und Englisch bereiten manchmal Kopfzerbrechen. „Aber so viel geht bei einem Sturz auch nicht kaputt“, meint er. Unterstützung bekommt Justin auch von Honda Schumann in Weida.

Und Mutti? Das ist so eine Sache für sich mit den Müttern an der Rennstrecke. Zur Startaufstellung geht sie schon nicht mit. Das Gedrängel in der Startphase kann sie sich keinesfalls anschauen. Ja, sie hat Angst! Die Rennen verfolgt sie auch nicht unbedingt mit Blick auf die Strecke, sondern nur auf die Platzierungstafel. Und desto weiter vorne Justin fährt, desto mulmiger wird das Bauchgefühl. Aber sie sei nicht die Schlimmste: „Andere Mütter stehen kreischend an der Strecke!“, hat sie oft beobachtet. Dafür mag Doreen Hänse das kameradschaftliche Klima unter den Rennfahrerfamilien. Man kennt sich mittlerweile und so wird auch den mitreisenden beiden Töchtern nicht langweilig.

Und wie hält sich ein angehender Rennfahrer den gesamten Winter über fit? Wenn Justin nicht in der Pocketbike-Halle trainieren kann, steigt er auf den Crosstrainer. Auch die Wii spielt für Reaktionsübungen keine unbedeutende Rolle. Aber am liebsten düst er gemeinsam mit Freunden mit dem Fahrrad durch die Gegend. Dann geht es im Gegensatz zum motorisierten Fahruntersatz auch schon mal ins Gelände. Und während der Rennsaison wird einmal wöchentlich auf dem Oberlandring Bernsgrün mit der Maschine trainiert.

Natürlich besteht das Leben von Justin Hänse nicht nur aus dem Nacheifern seines Vorbildes, dem italienischen Motorradrennfahrer und neunfachen Weltmeister Valentino Rossi. Justin ist auch Schüler. Und das gar nicht mal so schlecht. In seiner Klasse an der Regelschule Auma ist er Zweitbester. „Die Schule bleibt durch den Sport nicht auf der Strecke. Das haben wir von Anfang an zur Bedingung gemacht“, meint seine Mutti. Bevor es ins Rennwochenende geht, müssen sämtliche Hausaufgaben erledigt sein. Höchstens mal ein Lied oder ein Gedicht wird auf der Fahrt zur Rennstrecke im Auto gemeinsam einstudiert. Und weil Justin die Schule ernst nimmt, wird der Siebenklässler auch von seiner Schule unterstützt.

Justin startet in dieser Saison für den ADAC Hessen-Thüringen und den MC Münchenbernsdorf. Wobei der ADAC Hessen-Thüringen den ambitionierten Nachwuchsfahrer mit einem Sponsoringvertrag unterstützt, um sein Talent weiter zu fördern.

Justin ist fit für die kommenden Rennen. Er hat dieses Jahr schon in Spanien und Italien trainiert. „Allein um Ostern saß er an sieben Tagen auf dem Bike und drehte seine Runden“, blickt Doreen Hänse stolz auf ihren Sprössling, der mittlerweile schon wieder einen Einführungslehrgang in der Motorsportarena Oschersleben absolviert hat. „Ich kann es kaum noch abwarten, bis es wieder los geht“, kribbelt seine Gashand schon wieder. Der Kampf um Meisterschaftspunkte beginnt am 8. Mai in Faßberg.

Na dann „Hals- und Beinbruch!“, wie es unter den Rennfahrern heißt. Weiterhin viel Erfolg!

Justin Hänse auf Facebook.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
1 Kommentar
13.094
Eberhard :Dürselen aus Weimar | 16.04.2016 | 08:53  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige