Nur nicht aufstecken – es geht immer noch etwas - Für den Geraer Bernd Herrmann war es die siebente Fichkona und drei sollen noch folgen

Randonneur Bernd Herrmann
Gera. Sich den eisigen Wind auf Deutschlands zweithöchstem Berg im Erzgebirge um die Nase wehen lassen und dann einfach mal so non stopp mit dem Rennrad Richtung Ostsee zum Baden fahren.

Ein bisschen „verrückt“ muss man schon sein, in 22 Stunden die 601 Kilometer zwischen Fichtelberg (1214 m) und dem Kap Arkona (30 m) im Sattel zurückzulegen. Es ist nicht die Tour de France und es geht auch nicht um Sieg und Platz. Für den Geraer Unternehmer Bernd Herrmann ist es einfach die Lust an der Freude, sich richtig zu quälen, die eigenen Grenzen auszutesten und die Erfahrung zu sammeln, wenn nichts mehr geht, geht es doch noch weiter. Sie ist da, auch wenn man sie verdrängt, die Angst, es nicht zu schaffen.

Bernd Herrmann hat schon ganz andere Husarenstücke bewältigt, wie den Radmarathon „Paris - Brest - Paris“ non stopp über 1200 Kilometer, bei dem es gilt, 10.000 Höhenmeter zu überwinden. Doch das war 2007 und jünger ist der Randonneur seitdem nicht geworden. „Man will es nicht immer wahrhaben, doch man spürt schon, dass es Jahr für Jahr schwerer fällt. Um so größer dann die Freude darüber, wenn man es doch wieder geschafft hat“, erzählt Bernd Hermann. Für den heute 47-jährigen war es der siebente „Wahnsinnsritt“ über die Straßen Ostdeutschlands.

Seit fünf Jahren sitzt Bert Rühmann im Begleitfahrzeug. Neben ihm, früher Lutz Rühmann, jetzt Heiko Mai. „Die Verlockung vom Rad abzusteigen, einige Kilometer im Begleitfahrzeug zu verschnaufen, was ja erlaubt wäre, ist schon groß, größer als in den Vorjahren. Doch es nicht zu tun, sich einzureden, es geht noch was, mein Körper hat noch Reserven, bringt mich dann wieder nach vorn. Es sind auch die anderen Fahrer, die von ähnliche Gedanken geplagt werden und auch nicht aufstecken, die mich dann motivieren“, so Bernd Herrmann, der in der Erfüllung des selbst gesetzten sportlichen Zieles eine Herausforderung sieht, die dem Alltag sehr nahe kommt. Für ihn gilt: „Wer sich im Sport erfolgreich durchsetzt, der meistert auch sein Leben.“

Wer den Geraer Unternehmer kennt, weiß auch um sein soziales Engagement. Um so mehr motiviert es ihn, dass der Erlös von den Startgeldern (180 € pro Starter) für einen gemeinnützigen Zweck gespendet wird.

Los geht es über die Berge und Ausläufer des Erzgebirges, durch die leicht hüglige Dübener Heide, durch die Lutherstadt Wittenberg, weiter mit Polizeieskorte mitten durch die City der Garnisonsstadt Potsdam, nachts über die langen mecklenburgischen Alleen, die salzige Luft Richtung Stralsund einatmend, über den Rügendamm weiter über die hüglige Insel Rügen bis zum Leuchtturm am Kap Arkona.

Es war vor allem die Nacht, die Bernd Herrmann diesmal zu schaffen machte. „Mein Magen spielte verrückt. Ab dem Kilometer 400 konnte ich nichts mehr essen. Die Fahrt wurde zur Tortur, doch aufstecken wolle ich nicht. Die Verpflegungspunkte habe ich gemieden, bin allein weitergefahren. So fünf Kilometer vor dem Ziel, der Leuchtturm war schon zu sehen, bekam ich einen Hungerast. Es ging nichts mehr, konnte kaum noch treten. Meine Begleiter gaben mir Schokolade, die ich heißhungrig verschlang und unter Aufbietung aller meiner Kräfte kam ich völlig erschöpft ins Ziel.“

Und jetzt tritt das ein, was Außenstehende nur schwer fassen können. Total erschöpft und doch befreit, erleichtert. „Nach all den Qualen, nach über 600 Kilometern im Sattel, dem Durchfahren einer nicht enden wollenden Nacht, total erschöpft im Ziel vor dem Leuchtturm stehend, ist plötzlich alles wie weggeblasen und man freut sich schon auf die Fichkona im kommenden Jahr." Ein Gefühl, das Bernd Herrmann mindestens noch drei Mal genießen will und dies gern mit anderen Fahrern aus Gera gemeinsam.

Mit dem Baden wurde es nichts. Die Regenerationsphase fiel diesmal sehr kurz aus, denn tags darauf wartete schon wieder die Arbeit zu Hause.
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