Sind Jäger Mörder? Thomas Widling, Vorsitzender der Jägerschaft Gera, antwortet

Die Jagd fest im Blick: Thomas Widling, Vorsitzender der Jägerschaft Gera.
 
Falkner Jürgen Penski mit dem Steinadler Inka bei der Ausbildung der Jagdschüler im Fach Federwild. (Foto: Hans-Peter Habel)
Harth-Pöllnitz: Ausbildungsstätte der Jägerschaft Gera | Jäger stehen bei Teilen der Bevölkerung immer wieder in der Kritik. Mal ist es ein auf Facebook gepostetes Trophäenbild von der Großwildjagd in Afrika, beim nächsten Vorwurf werden sie gleich als Mörder bezeichnet. Der Allgemeine Anzeiger hat mit Thomas Widling gesprochen, Vorsitzender der Jägerschaft Gera.

Sind Jäger Mörder?

Um eine Antwort darauf zu finden, müssten zuerst die Begrifflichkeiten geklärt werden. Mörder beziehungsweise Mord ist ein vom Mensch geprägter rechtlicher Begriff. Im deutschen Strafrecht bezieht sich der Begriff Mord auf eine besonders verwerfliche Art der vorsätzlichen Tötung. Welche Rechtssysteme man auf der Welt auch näher betrachtet, der Begriff Mord beschreibt immer die vorsätzliche Tötung einer Person und nicht eines Tieres. Demnach kann die Frage mit Nein beantwortet werden. Jäger sind keine Mörder!

Aber Jäger werden immer wieder mit Töten in Verbindung gebracht.

Die Zeiten, in denen das Jagen dem Nahrungserwerb, als Rohstofflieferant für das Herstellen von Kleidung oder dem existenziellem Schutz der Familie vor Raubtieren diente, sind lange vorbei Als intelligentestes Säugetier sind wir Menschen heute hochzivilisiert. Wir Menschen beherrschen die Welt, mutmaßlich. Und dennoch sind wir Teil der Natur. Das waren wir schon immer und sind es auch heute noch. Seit Menschengedenken nutzt der Mensch die Natur aus. Die natürlichen Lebensräume werden immer kleiner. Der wenige verbleibende Boden wird intensivst bearbeitet. Die natürlichen Zusammenhänge verändern sich.

Und das heißt?

Der Mensch reduziert die natürlichen Lebensräume zunehmend. Es werden Straßen gebaut, Wohngebiete, Gewerbegebiete. Der Mensch nutzt den Wald für sich. Es gibt viele Beispiele. In der Landwirtschaft kommen Pestizide und Herbizide zum Einsatz. Das zerstört die Lebensräume von Fasanen, Rebhühnern und Hasen. Es verschwinden immer mehr Arten. Dafür kommen neue hinzu. Zum Beispiel der Waschbär.

Schön, der ist doch nett und possierlich.

Von wegen. Der Waschbär ist hier nicht heimisch. Er stammt aus Nordamerika. Er folgt dem Menschen. Er ist aggressiv, ist nicht furchtsam. Er hat ein hohes Sozialverhalten untereinander und hat keine natürlichen Feinde. Und er überträgt Seuchen – nicht ungefährlich, wenn er mitten unter Menschen wohnt.

Er wird also bejagt?

Ja. Wir stellen Fallen auf, denn dem Waschbär fehlen die natürlichen Feinde.

Und wie ist das mit unserem Wild von der Ente bis zu Hirsch?

Dem fehlt ebenso der natürliche Feind. Hier kommt der Jäger als Regulator ins Spiel.

Und wenn der Jäger Appetit auf Reh hat, dann schießt er ein Reh?

Nein, so funktioniert die Jagd heutzutage nicht. Im Thüringer Jagdgesetz sind die flächenverträglichen Wildbestandsgrößen fest reguliert. An diese Vorgaben müssen sich Jäger zwingend halten. Unser gesellschaftlicher Auftrag im Sinne des Menschen ist von den Behörden fest reguliert, findet immer im Einklang mit den natürlichen Verhältnissen statt, wird überwacht und ist rechenschaftspflichtig. Um das fach- und sachgerecht ausüben zu können, bedarf es eines „grünen Abiturs“.

„Grünes Abitur“?

Gemeint ist damit die Jägerausbildung. Im Lehrbuch „Jagdliche Praxis“ steht im Vorwort „Jagd muss heute mehr denn je ökologisch vertretbar, wildbiologisch fundiert und gesellschaftlich akzeptiert sein.“

Das sieht nach hohen Anforderungen aus und lässt vermuten, dass das „grüne Abitur“ nicht an einem Wochenende abzulegen ist, oder?

Korrekt. Die Ausbildung dauert etwa acht Monate. Zu den vermittelten Themenschwerpunkten zählen unter anderem Tierarten/Wildbiologie, Jagdbetrieb, Jagdhundewesen, Natur- und Umweltschutz, Jagd- und Waffenrecht, Wildkrankheiten und Wildbrethygiene und jagdliches Brauchtum. Wir können in der Jägerschaft Gera auf eine 25-jährige Erfahrung als bestätigte Ausbildungsstätte zurück blicken. Die nächste Jungjägerausbildung beginnt am 16. August, 10 Uhr, in der Jagdhütte Burkersdorf bei Weida.

Jungjägerausbildung? Das ist also nur etwas für junge Leute?

Nein. Das Wort Jungjäger hat nichts mit dem Lebensalter zu tun. Eine Altersbegrenzung nach oben gibt es nicht. Unser jüngster Teilnehmer war 15 Jahre, der älteste 68 Jahre. Seit zehn Jahren stellt sich auch immer eine Frau der Ausbildung.

Kann man sich noch anmelden?

Ja, bei mir, Telefon 01799220451, E-Mail widling@hotmail.de. Interessenten können zudem ohne Anmeldung zum Ausbildungsbeginn nach Burkersdorf kommen. Mehr Informationen über unsere Jägerschaft gibt es auch im Internet: www.jaegerschaft-gera.de.



Hintergrund

Es gibt in Thüringen insgesamt 881.419 ha landwirtschaftlich genutzte Fläche, 547.000 ha Wald, 19.400 ha Wasserfläche. Die Jagdfläche beträgt 1.434.169 ha, es gibt 11.304 Jagdscheininhaber, davon sind im Landesjagdverband Thüringen 8.085 Jäger organisiert. Der LJV Thüringen e. V. ist ein staatlich anerkannter Naturschutzverband. In ihm sind 34 Jägerschaften organisiert. Region Ost: Gera, Geiz, Eisenberg, Schmölln, Altenburg, Jena, Stadtroda, Saalfeld, Rudolstadt, Schleiz, Lobenstein, Pößneck.

Interessante Gesamtstrecken des Jagdjahres 01.04.2013 bis 31.03.2014 für Thüringen insgesamt: 23.468 Stück Schwarzwild (Wildschweine), 34.846 Rehwild, Waschbär 6.409 (im Vergleich zur Strecke des Vorjahres 30 % höher!!!, im Verlauf exponentiell ansteigend, erste Ermittlung im Jahr 1995/1996 ca. 250 Waschbären).
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2 Kommentare
6
Susi Scharf aus Heiligenstadt | 13.08.2015 | 15:28  
7.498
Johannes Leichsenring aus Hermsdorf | 14.02.2016 | 19:36  
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