Christmas echt; echt besinnlich

Als untrügliches Zeichen des herannahenden Weihnachtsfestes tauchten akkordeonbewaffente russische Straßenmusiker in der Fußgängerzone auf. Das konnte ich in diesem Jahr schon mal gar nicht ab, so ganz und gar nicht. Nachdem ich meinen Job verloren hatte, und ich Jan in unserem Schlafzimmer mit meiner besten Freundin Heike erwischt hatte, war ich in ein winziges Dachgeschosszimmer direkt hinterm Markt gezogen. Mein einziger Wunsch war, den Rest des Jahres ohne weitere Katastrophen hinter mich zu bringen. Auf „Stille Nacht, heilige Nacht“ und Co. konnte ich verzichten.
In meiner jetzigen Situation war Einkaufen ohnehin auf das Nötige begrenzt. Familie und Freunden schickte ich anstandshalber Grußkarten und zog mich mit einer vorgetäuschten Grippe aus der Weihnachtsduselei.
Da war er nun, der 24. Dezember. Den Fernseher hatte ich genauso wie das Telefon ausgestöpselt. Im Gefrierfach lag eine Tiefkühlpizza, obwohl ich Pizza haste.
Es klingelte. Wer sollte das sein? Der Weihnachtsmann? Oder der Heilige Geist auf der Suche nach einer weihnachtsfreien Zone? Ich zögerte. Ununterbrochen tönte die Klingel. Vielleicht war es doch wichtig?
Vor der Tür stand Frau Augusta, eine zierliche alte Dame von neunzig oder mehr. Sie hob ihr Sektglas und schmetterte mir „Frohe Ostern“ entgegen. „Ja klar“, stammelte ich und steckte die alte Dame in die Alzheimerschublade. „Ich wollte Kaffee kochen, aber ich kann den Kaffee nicht finden, können sie mir helfen?“ Na toll, dachte ich. Aber dann folgte ich ihr die Treppe nach unten in ihre Wohnung.
Im Wohnzimmer stand eine symmetrisch geschmückte Blautanne, liebevoll mit kunterbunten Ostereiern und gelben Küken. Hat was, war mein erster Gedanke. Die alte Dame lotste mich in die Küche, peinlich aufgeräumt. Der Kaffee fand sich schließlich zwischen einer Packung Nudeln und einem Sixpack. Die Zubereitung des Kaffees machte ihr im Übrigens keine Mühe und kurz darauf saßen wir auf ihrem alten Plüschsofa. Versonnen blickte Frau Augusta auf ihren Osterbaum.
Das Telefon klingelte. „Wollen Sie nicht rangehen?“, fragte ich nach dem gefühlt hundertsten Klingeln. „Nee, ist nur mein Sohn.“ Aber schließlich ging sie doch ran.
„Ich bin doch am Apparat.“
„Was? Eh?“
„Bescherung?“ Warum warten Sie, wer sind Sie überhaupt?“
„MUTTER, ICH BIN DEIN SOHN!“
Der Anrufer brüllte so laut, dass Frau Augusta der Hörer aus der Hand fiel. Mühsam bückte sie sich und hob ihn auf. Nun kläffte sie ihrerseits „Schreien Sie mich nicht so an, junger Mann“ und legte auf.
„Die Familie meines Sohnes ist nervtötend, das können Sie mir glauben.“ Die Dame gefiel mir zunehmend.
Eine knappe Stunde später, wir waren mittlerweile zu einem gar nicht üblen Rotwein übergegangen, klingelte es an der Wohnungstür Sturm. Kurz darauf drehte sich ein Schlüssel im Schloss, und ein sichtlich genervter Mittvierziger kam ins Zimmer.
Frau Augusta hob ihr Glas, prostete ihrem Sohn zu.
Die Augen verdrehend fragte der: „Was ist das?“ Er zeigte auf den Baum. Wir beide blickten seinem Zeigefinger nach. Schweigen.
Resigniert ließ er sich in den grünen Sessel fallen und griff nach der Weinflasche.
„Na, na, na, Rolfi, so ein Wein trinkt man doch nicht aus der Flasche. Möchte mal wissen, von wem du solch schlechte Manieren hast. Von mir nicht. Energisch nahm ihm Frau Augusta die Flasche aus der Hand und holte ihm ein Rotweinglas aus dem Stubenbüfet.
„So, So, Alzheimer“, Rolfi nahm einen Schluck Wein und grinste. „Pass mal auf, dass wir dich nicht doch ins Heim bringen. – Pause – Du willst also nicht mit uns feiern?“
„Nee.“
Rolfi nickte und nahm noch einen Schluck. „Na gut, dann nicht. Ehrlich gesagt, dein Wein ist gut.“ Er zog sein Handy aus der Hosentasche. „Ja hallo, Schatz. Fangt bitte ohne mich an. Ich glaube, ich sollte lieber bei Mutter bleiben.“ Offenkundig wurde am anderen Ende aufgelegt. Rolfi zuckte mit den Schultern, griff sein Glas und prostete mir zu: „Ich bin Rolf“.
Es wurde dann noch ein netter Osterabend mit Wein und Pizza. Nachdem Frau Augusta irgendwann ins Bett gegangen war, fachsimpelten Rolf und ich noch eine Weile über gescheiterte Beziehungen. Wir gaben uns gegenseitig gutgemeinte Ratschläge und tranken noch ein Fläschchen. Mitten im Satz nickte Rolf in seinem grünen Sessel ein. Mein gesunder Menschenverstand reichte noch aus, um mich in meine eigene Wohnung zurückzubringen.
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2 Kommentare
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Eberhard :Dürselen aus Weimar | 18.12.2015 | 09:25  
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Birgit Baier aus Gotha | 18.12.2015 | 20:31  
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