Cyber-Christmas

Alles fing so harmlos an. Vor zwanzig Jahren besaßen wir einen Fernseher, eine Stereoanlage, einen Stapel Schallplatten und in Schuppen jeder ein Fahrrad. Damals, als wir noch mit Arbeitskollegen grillten, ins Kino gingen und Karten spielten, damals also infizierten uns Peter, ein Arbeitskollege, uns mit der Idee uns einen Computer ins Haus zu holen.
Zuerst standen wir der Sache keineswegs positiv gegenüber. Im Gegenteil. Wir hatten allerlei Bedenken, wurden aber von den Argumenten der gegnerischen Partei, die aus Peter und unserem Ältesten bestand, überrollt und gaben nach.
Damit brachten wir eine Lawine ins Rollen, deren Ausmaß wir leider nicht abschätzen konnten. Alles klang harmlos. Peter schenkte uns seinen alten Rechner. Maus und Tastatur kauften wir dazu. Und schließlich auch einen Monitor, da man das Ganze nicht an unseren alten Fernseher anschließen konnte, was wir in unserer Unwissenheit angenommen hatten, aber es sollte schließlich der Bildung unserer gesamten Familie dienen.
Peter nahm sich einen Nachmittag Zeit, um uns mit unserer neuen Errungenschaft vertraut zu machen. Dabei stellten wir fest, dass wir offensichtlich mehr Probleme mit der Technik hatten als unser Nachwuchs. Besonders für mich, als Elektriker, war das peinlich. Ich Trottel vergaß ständig, was ich zu tun hatte, und war nicht in der Lage, die Maus auch nur annähernd an die vorgeschriebene Stelle auf dem Bildschirm zu bewegen.
Drei Tage quengelten die Kinder, dann ging ich mit ihnen in die Stadt, Computerspiele kaufen, während meine Frau über heftige Kopfschmerzen klagte, mir aber wohlweislich einen Zettel mitgab, ja keine Kriegsspiele zu kaufen.
Die nächsten Wochen drehte sich alles um unsere neue Errungenschaft. Wer durfte zuerst an den PC? Wie viele Stunden durfte jeder spielen? …
Es war eine regelrechte Sucht. Moorhuhnjagd vor dem Frühstück, Moorhuhnjagd am Nachmittag, Moorhuhnjagd am Abend. Zwischendurch schafften wir es zu essen und das Allernötigste zu erledigen. So ging das einfach nicht weiter. Aber während meine Frau meinte, wir müssten mal wieder gemeinsam spazieren gehen, dachten meine Kinder und ich, der PC hat einfach nicht genug Speicherplatz. „Man Mama Lernspiele brauchen mehr GB.“, argumentierte unser Ältester.
Kurzum: Nach drei Monaten hatten wir einen nagelneuen PC mit allem Zubehör gekauft. Das alte Schätzchen erhielt meine Frau als bessere Schreibmaschine zugewiesen mit der Option, am Sonntag nach dem Mittagessen auf Moorhuhnjagd gehen zu können.
Das Thema „Lernspiele“ war allerdings erledigt, vielmehr kaufte ich mir mit meinem Sohn ein Strategiespiel, Anne bekam ein Pferdespiel und als „Alibi“ kaufte ich ein Word-Programm. Gleichzeitig belegte ich einen Computerkurs an der Volkshochschule und nutzte jede freie Minuten am Abend und am Wochenende für das PC-Training, während die Kinder am Nachmittag „trainierten“.
Jeder hatte ein Marmeladeglas in seinem Zimmer und sparte auf einen eigenen PC, den man nicht teilen musste. Weihnachten brachte unseren Ältesten der Sache schnell näher, und so stand nach einem halben Jahr ein weiterer PC in unserem Haus. Ein Model, der neuesten Generation, wie Peter sehr neidisch beäugte. Allerdings konnte auch ich es nicht ertragen, dass mein Sohn über das veraltete Modell neben unserem Fernseher lästerte. Sechs Wochen schob ich Überstunde über Überstunde, schnurrte wie ein Kätzchen, damit meine Holdeste erlaubte, die Urlaubskasse zu plündern. Dann toppte ich meinen Sohn mit dem neuesten Schrei auf dem Computermarkt und dem Zugang zum Internet.
Nach nunmehr die Jahren besitzt nun jeder von uns einen PC. Meine Frau hatte am längsten gespart, sich dafür aber einen Laptop gekauft, bei dem wir anderen grün vor Neid wurden.
Ich will nicht unerwähnt lassen, dass sich zwischen den Käufen Ehe- und Familienkrisen abspielten, wie wir sie nur aus dem Fernsehen kannten, aber wir waren nicht mehr in der Lage, diesen Teufelskreis zu durchbrechen.
Heute ist Heiligabend. Unsere Kinder erinnern sich nur noch schwach, wie es früher war. Wir haben uns alle ein klein wenig verändert. Früher gingen wir gemeinsam in die Kirche, schlenderten über den Weihnachtsmarkt und aßen zusammen. Heute habe ich im Internet an einer Messe in Wien teilgenommen. Unsere Kinde chatten mit Freunden, statt sie zu treffen. Und meine Frau – keine Ahnung. Am Abend bestellten wir zusammen per Email einen Imbiss und trafen uns dann gemeinsam in einem Chatroom, um uns die bei eBay erstandenen Geschenke zu geben.
Nachdenklich wurde ich dann doch, als Anne fragte: „Was machen eigentlich Oma und Opa heute? Sie waren doch jedes Jahr bei uns?“
Das machte mich doch traurig. ich hatte gar nicht mehr an meine Eltern gedacht. Wie konnte ich nur vergessen ihnen auch einen PC zu schenken?
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4 Kommentare
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Renate Jung aus Erfurt | 23.11.2015 | 10:00  
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Birgit Baier aus Gotha | 23.11.2015 | 13:35  
12.762
Renate Jung aus Erfurt | 23.11.2015 | 18:01  
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Heidrun Stödtler aus Saalfeld | 24.11.2015 | 12:41  
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