Ehrenamtlich engagiert für die Erinnerung

Der Hohenkircher Lothar Köllner beim Aufarbeiten der Geschichte seiner Heimat (Foto: Meister)
 
Am 23. Juli 2011 fand die vorgezogene Glockenweihe statt. In einem feierlichen Gottesdienst gedachten Einwohner und Gäste des Ortes der bewegten Geschichte der Kirche. Sie entstand in den Jahren 1510/11 als Saalkirche mit eingezogenem Chor. Nach Einführung der Reformation 1532 wurde aus den Abbruchsteinen des Klosters Georgenthal 1576 bis 1579 der Kirchturm errichtet. (Foto: Meister)
Hohenkirchen: Kirche | Die Kirche in Hohenkirchen blickt auf eine bewegte, 500-jährige Geschichte zurück. Insbesondere der 2. Weltkrieg setzte dem Bauwerk und der Gemeinde sehr zu. Aber auch die Einwohner der Gemeinde Hohenkirchen wollen die Vergangenheit in Erinnerung behalten und sich dafür einsetzen, dass altes Wissen nicht verloren geht.
Lothar Köllner aus Hohenkirchen engagiert sich besonders aktiv für den weiteren Aufbau eines lückenlosen Kirchenarchives. Er sammelt unzählige Informationen der Mitbürger der Gemeinde, Fotos und schreibt selber Tagebuch über seine Erlebnisse der Vergangenheit. Der Angriff amerikanischer Tiefflieger, das Einrücken der Panzer und Soldaten, die Feuergefechte vom Turm der Kirche, die folgende Brandkatastrophe und die Ermordung von Einheimischen und Soldaten sollen nie in Vergessenheit geraten. Dafür, aber auch für die Dokumentation der positiven Ereignisse der Nachkriegsjahre in der Geschichte der Kirche, setzt sich Lothar Köllner ein.

Einen ganz besonders bewegenden und berührenden Bericht über die schwere Zeit des 2. Weltkrieges übergab er der Redaktion Gotha:

Am 17. Oktober 2009 wurde die neue Kirchturmhaube der St. Gangloff Kirche zu Hohenkirchen aufgesetzt. Danach begann die Beschieferung der Haube. Der gesamte Turm war bis zur Spitze eingerüstet und somit konnten die ausgewaschenen Außenfugen des Turmes bis zum 24. November 2009 neu verputzt und verfugt werden. Die Arbeit erledigten ehrenamtliche Hohenkircher Bürger.

Bei diesen Verputzarbeiten fanden sich im Mauerwerk des Turmes Geschosse vom Tieffliegerangriff der US-Armee. Diese flog am 1. April 1945 gegen 12:30 Uhr den ersten Angriff auf Hohenkirchen. Der Grund dieses Angriffes waren die Dorf stehenden Militärfahrzeuge der deutschen Wehrmacht. Am selben Tag wurden auch die Konfirmanden des Geburtsjahres 1929/30 eingesegnet. Während des Gottesdienstes erfolgte der Angriff der amerikanischen Tiefflieger. Glücklicherweise wurde niemand verletzt und alle kamen mit Angst und Schrecken davon. In den Nachmittagsstunden des 4. April 1945 rückten Soldaten und Panzereinheiten der US-Armee von General Eisenhower von Schwabhausen kommend in Hohenkirchen ein. Der größte Teil der Wehrmacht hatte sich bereits Richtung Thüringer Wald zurückgezogen, so dass sich die Gegenwehr in Grenzen hielt. Vor dem Einmarsch der US-Armee hissten Einwohner der Gemeinde auf dem Kirchturm eine weiße Fahne. Noch im Ort verbliebene SS-Soldaten sperrten mehrere Hohenkircher Männer in der Saalstube der Schenke ein und beabsichtigte, zwei dieser Männer im Dorf zu hängen oder zu erschießen. Die schnell heranrückenden US-Truppen ermöglichten den Männern die Flucht aus der Schenke. Sie versteckten sich bis zu deren Eintreffen im Dorf. Vermutlich begaben sich Angehörige der Wehrmacht oder der SS auf den Kirchturm und schossen auf die heranrückenden Amerikaner. Während der Feuergefechte geriet, vermutlich durch die verwendeten Leuchtspuren oder Phosphorgeschosse) die Kirchturmhaube in Brand.

2009 fanden sich bei den Verputzarbeiten unterschiedliche Geschosse der Tieffliegerangriffe vom 1. und vom 4. April 1945. In den Nachmittagsstunden des 4. Aprils brannte der Turm schließlich. Der anschließende Löschversuch durch Einwohner des Dorfes misslang. Die später verhängte Ausgangssperre durch die US-Armee führte dazu, dass der Kirchturm in der Nacht zum 5. April 1945 ausbrannte. Die vorhandene Glocke schmolz dabei ein. Auch benachbarte Grundstücke waren durch Funkenflug gefährdet. Der unermüdliche Einsatz der Anwohner verhinderte eine noch größere Katastrophe und lediglich eine Scheune brannte bei den Kampfhandlungen ab.

Die Besetzung des Ortes forderte 12 deutsche Tote, darunter zwei Zivilisten. Die Soldaten und Einwohner wurden auf dem Friedhof zu Hohenkirchen in einem Massengrab, an der linken oberen Grundstücksgrenze zum Riedberg, beigesetzt. Wie hoch der Verlust der amerikanischen Truppen in Hohenkirchen war ist nicht bekannt.

Bereits 1946 begann der Wiederaufbau des Innenturmes und die Aufsetzung eines Notdaches durch Hohenkircher Tischler und Zimmerleute. Die kleine Glocke wurde in Apolda neu gegossen und 1947 eingeweiht. Die zweite größere Glocke wurde bereits in Kriegsjahren zu Rüstungszwecken abtransportiert und später unversehrt wieder aufgefunden. Sie fand im Glockenstuhl ihren alten Platz. Das Notdach und das Dach über dem Altar deckten Dachdecker und Helfer des Ortes 1973 mit Schiefer neu ein.

Anlässlich des Aufsetzens der Kirchturmhaube am 17. Oktober 2009 dichtete Brunhild Hetzer das Lied vom Kirchturm. Die Rehberglerchenübernahmen die Uraufführung bei der Festveranstaltung.

Auszug aus dem Kirchenbuch zu Hohenkirchen, vom 13. April 1945:
Pfarrer Küßelbach, Schwabhausen

Todesursache: Erschossen durch feindliches Maschinengewehrfeuer beim Einmarsch der Amerikaner in Hohenkirchen am 4.4.1945. Beerdigt ohne Teilnahme nur Gemeinde (?) am 7.4.45 auf dem Friedhof zu Hohenkirchen. Nachträglich Gedenkrede und Einsegnung am 11.4.45 15 Uhr. Mit ihm erschossen durch Eindringen einer MG-Kugel in den Luftschutzstollen am gleichen Tag. Beigesetzt im Massengrab der zehn gefallenen deutschen Soldaten. Flüchtling vor den Banden aus Kroatien. Volksdeutscher. Während der Nacht vom 4.4.45 zum 5.4.45 ist zufolge steckengebliebener Leuchspur-Munition der Kirchturm zu Hohenkirchen abgebrannt. Turmknopf, Turmuhr und 2. zum Teil noch verbliebene Glocke zerstört. Der Pfarrer (…) aus Schwabhausen
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