Ein Engel, der vom Himmel fiel

Ben saß an seinem Schreibtisch und machte Hausaufgaben. Sie lernten gerade die Schreib-schrift und waren beim „M“ angelangt. Er hatte schon drei Reihen „Mama“ in sein Heft ge-schrieben. Nebenbei lauschte er seiner Benjamin-Blümchen-CD. Sein bester Freund Paul hatte zwar gesagt, mit sieben würde man kein Benjamin Blümchen mehr hören, doch das war Ben egal. Er konnte jede Zeile seiner fünf CDs mitsprechen, so oft hatte er sie gehört. Das erzählte er aber Paul nicht. Schließlich wollte er nicht ausgelacht werde, nicht von Paul und schon gar nicht von seiner Klasse.
Ben war gerade beim letzten „Töröö“, als er draußen vor seinem Fenster ein merkwürdig sausendes Geräusch hörte, das mit einem „Pfff“ endete.
Ben schaute raus. Ein paar Schneeflocken tanzen vom Himmel. Jetzt in der Adventszeit nichts Ungewöhnliches. Ein altes Postauto fuhr die Straße hinunter. Nichts war zu sehen, was das Geräusch hätte verursachen können. Ben wollte weiter schreiben, als plötzlich eine kleine Nase sich an seiner Scheibe plattdrückte.
Die Nase saß in einem lieben und zugleich traurigen Gesicht. Ben öffnete sein Fenster und ließ den Engel herein. Er hatte gleich erkannt, dass es ein Engel war, obwohl er vorher noch nie einen gesehen hatte. Jedenfalls keinen, außer seiner Mama.
„Hallo“, sagte Ben, und der Engel antwortete auch nur mit einem „Hallo, Ben!“
„Du kennst ja meinen Namen! Bist du mein Schutzengel?“, fragte Ben. „Nein, deinen Namen hab ich auf deinem Schulheft gelesen, und Schutzengel werde ich nie nie nie sein.“ Das En-gelgesicht wurde noch trauriger.
„Du bist doch ein so wunderschöner Engel. Darf ich dich mal anfassen?“ Ben streckte schon seine kleine Hand aus. Jetzt sah der Engel gar nicht mehr so traurig aus. „Du darfst mich gerne anschauen und berühren. Und dabei wirst du auch gleich merken, was mit mir nicht stimmt und warum ich kein Schutzengel sein kann.“
Der Engel schien von innen zu leuchten. Es sah aus, als würde er ein goldenes Gewand tragen. Und als Ben dem Engel über den Bauch strich, versank seine Hand fast in dem En-gel, so weich war er, viel weicher als Watte. Und warm, viel wärmer als der Kamin bei Opa Bernd im Winter. Und der Flügel, er schien aus lauter Vogelfedern zu bestehen. Aber er war nicht aus Vogelfedern, sondern aus richtigen Engelsfedern eben: glitzernd, funkelnd, schneeweiß und kitzelig weich.
Aber, und das schien wohl das Problem zu sein, es war nur ein Flügel. Der linke Flügel fehlte.
„Wie kannst du denn mit einem Flügel fliegen?“, fragte Ben.
„Ich kann damit überhaupt nicht fliegen. Darum bin ich ja mal wieder vom Himmel gefallen. Direkt aufs Vordach vor deinem Fenster.“
„Aha. Das erklärt das Sssssss und das Pfff.“ Ben kratzte sich auf dem Kopf.
„Als Schutzengel muss man natürlich fliegen können. Sonst ist man nicht schnell genug bei einem Kind, das gerade vom Baum fällt, oder bei einer Oma, die mit dem Fahrrad umkippt. Ich würde auch gern jemanden beschützen. das geht eben leider nicht. Darum bin ich oben im Himmel ein Putzengel. Ich fege die Landebahn für die Schutzengel, auf der sie starten und landen.“
„Aber warum bist du denn vom Himmel gefallen?“, fragte Ben.
„Das passiert mir oft. Ich sehe gern zu, wenn die Schutzengel starten und ich beuge mich dann immer über den Rand der Landebahn, um ihnen nach zu sehen. Manchmal zu weit. Und heute bin ich eben bei dir gelandet.“
„Und wie kommst du immer zurück in den Himmel?“, staunte Ben.
„Nun, wenn ich vom Himmel falle, dann muss ich warten, bis ein Regenbogen scheint. Auf dem kann ich dann zurückklettern.“
Ben konnte nicht aufhören, zu staunen. Schließlich fragte er: „Bist du traurig?“
Der Engel nickte nur. „Traurig-traurig. Aber jetzt muss ich los und mir einen Regenbogen suchen. Es war schön, mit dir zu sprechen. Mach´s gut!“ Und Schwupps, hüpfte der Engel aus dem Fenster, sprang vom Vordach und lief wie ein goldener Blitz die Straße entlang.
Ben dachte den ganzen Tag an den Engel.
Einige Tage später wurde Ben nachts wach, weil ihn irgendwas an der Nase kitzelte. Er schlug die Augen auf und war sofort hellwach. Sein Engel stand am Bett, aber nicht allein.
„Schau mal, Ben, wen ich im Himmel getroffen habe!“ Ben schaute verdutzten auf den zwei-ten Engel, ihm fehlte der rechte Flügel.
„Oh“, seufzte Ben, „seit ihr beide vom Himmel gefallen?“
„O nein“, strahlten beide Engel gleichzeitig, „wir sind geflogen! Schau her!“
Beide legten sich gegenseitig einen Arm um die Schulter. Nun waren sie eng zusammen, wie eins, mit einem rechten und einem linken Flügel. Sie kletterten auf Bens Fensterbank und sprangen ab. Zusammen flogen sie jetzt draußen in den Sternenhimmel. Kreuz und quer durch die Luft, drehten Loopings. Dabei schimmerten und strahlten sie. Ben hatte Freude ihnen zu sehen.
„Ich hab gesehen, wie deine Mama dich in den Arm genommen hat. Und wir beiden einflüge-ligen Engeln wollten uns trösten. Wir waren beide traurig-traurig und haben uns in den Arm genommen. Und dabei haben wir gemerkt, dass wir zusammen fliegen können.“ Beide Engel strahlten um die Wette. „Wir haben ein Team gegründet und gestern haben wir einem kleinen Mädchen das Leben gerettet, als es vom Balkon fiel. Danke, kleiner Ben.“ Der Engel gab Ben einen Kuss und dann flogen zwei fröhliche Engel in den Sternenhimmel.
Übrigens Engelküsse schmecken nach Zuckerwatte
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