Große Kunst - zu sehen im Detail

"Eigentlich liebt man ja jeden in der Familie, mit dem man sich beschäftigt", sinniert Professor Dr. Martin Eberle, Stiftungsdirektor im Schloss Friedenstein, nach seinem liebsten Ausstellungsstück befragt. Sämtliche Stücke haben einen ganz besonderen Platz in seinem Herzen, jedes einzelne von ihnen. Doch auf einen Favoriten könne er sich schon festlegen, gibt er schließlich zu. Eigentlich sind es sechs an der Zahl: Kleine, etwa 19 Zentimeter in der Höhe messende, Komödienfiguren. Gefertigt aus einem Stein, den der spätere Porzellan-Erfinder Johann Friedrich Böttger vor seiner Entdeckung des 'weißen Goldes' entwickelte. Dieses Steinzeug wurde einst bei besonders hohen Temperaturen gebrannt, ist wasserundurchlässig und eignet sich wunderbar zum Modellieren.

Die rotbraunen, im Herzoglichen Museum in Gotha ausgestellten, Figuren aus Böttger-Stein wurden zwischen 1710 und 1712 hergestellt. Sie sollen - das ist ziemlich sicher, aber nicht zu einhundert Prozent erwiesen - von Balthasar Permoser, Johann Benjamin Thomae und Paul Heermann gefertigt worden sein. Weltweit gibt es von diesen Figuren nur zehn Exemplare. Sechs davon in Gotha.


Dr. Eberle kann kaum den Blick von den steinernen Kunstwerken abwenden. Beinahe täglich begegnet er ihnen, jedesmal ist er aufs Neue von ihnen fasziniert. Es sind die Effekte, mit denen die Künstler spielen und denen sich kein Betrachter zu entziehen vermag. Ein Teil der Oberfläche naturbelassen, andere, wenige, sind poliert. Jede Figur für sich scheint lebendig zu sein. Kurz verharrend inmitten einer Bewegung, nimmt sie Kontakt auf zu jedem, der sie besieht. Der Betrachter staunt über die vielen wunderbaren Kleinigkeiten. Die vorgehaltene Maske, das Schnürloch, die Borte, die Falten der Kleidung, eine Knopfleiste, dazu die Gesten der sechs... Dr. Martin Eberle schwärmt von einer "unglaublichen künstlerischen Detailversessenheit". Bei jedem seiner Besuche entdeckt er Neues, mit jedem neuen Lichteinfall scheint sich auch die kleine Komödiengruppe immer zu verändern. Die pure Faszination. Jedesmal wieder.


"Es gibt immer einen neuen Blickwinkel", schwärmt Dr. Eberle, der sich an der Figurengruppe nicht sattsehen kann. Genau wie dem Stiftungsdirektor ergeht es auch den Besuchern im Herzoglichen Museum. Die Gruppe der kleinen Figuren steht in einer Vitrine in einem eigenen Raum. Besucher bleiben stehen, lassen sich verzaubern. Selbst jene, die nichts davon wissen, wie kostbar diese Kunstwerke sind. "Wie es eben so ist mit großer Kunst", überlegt Dr. Eberle laut. Große Kunst, Kunst von Weltrang, muss man nicht erklären. Sie wirkt.




Hintergrund:


Schon seit 1720 befindet sich die Figurengruppe im Besitz vom Schloss Friedenstein. War sie lange Zeit dort zu sehen, befindet sie sich nach dessen Sanierung nun im Herzoglichen Museum.

Das 1708 erfundene Böttger-Steinzeug war nur etwa 15 Jahre lang gefragt. Aus diesem Material wurden auch Gebrauchsgegenstände wie Kannen und Töpfe gefertigt.
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