Grüß dich, Neues Jahr!

Entsetzt schaute ich meine Freundin an.
„Hätte ich dir von seiner Zusage erzählt, wärst du jetzt nicht hier. Und ich wollte, dass du mit uns Silvester feierst. Still – sie kommen.“ Antje drückte mir etwas zum Trinken in die Hand und wandte sich lächelnd an Jo und Michael, die gerade bei uns ankamen. Kaum waren die beiden da, entführte Jo Antje auch schon auf die Tanzfläche. Ungläubig starrte ich ihnen hinterher.
Da stand ich nun allein mit Michael Schuster, dem unerreichbaren Mädchenschwarm unserer Ex-Schule. Mir gingen die Worte meiner Großmutter durch den Sinn: Wie man das neue Jahr begrüßt, so wird man es verbringen. Vor Michaels erscheinen war ich fest entschlossen, das kommende Jahr fröhlich zu beginnen. Nun schwand meine Entschlossenheit.
„Hallo Grit“, durchbrach Michael die peinliche Stille. “Es scheint, es ist eine Verschwörung gegen uns im Gange im Gange.“ Lächelnd deutete er auf die Geflüchteten.
„Hallo. Entschuldige. Ich habe keine Ahnung, was in die beiden gefahren ist.“ Ich schüttelte den Kopf und war um weitere Worte verlegen. Früher hatte ich unsere Gespräche genossen. Dies hörte auf, als Isabella auf unsere Schule kam. Sie und Michael sah man seither nie getrennt. Sie war eine Schönheit und ich verstand, warum er sich für sie entschieden hatte. Jedes Mal, wenn sie in Sicht kamen, zog ich mich zurück. Um keinen Preis wollte ich, dass man mir meine Gefühle ansah. Nun, Jahre später, hatte die Situation mich wieder eingeholt. Die Uhr zeigte 23:50 Uhr. Ich würde wohl in dieser Gemütsverfassung das Neujahr begrüßen. Ich sah schon das kommende Jahr vor mir: ein Gefühlschaos, ständige Anspannung und ewiges Bemühen beides zu verbergen. Das Jahr würde furchtbar werden.
„Schon in Ordnung“, unterbrach Michael meine Gedanken. „Setzen wir uns?“ Er führte mich zu einem Sofa, das etwas abseits stand. „Wie ist es dir seit unserem letzten Wiedersehen beim Abi-Ball ergangen?“
„Ich habe mich an der Humboldt-Uni eingeschrieben. Biochemie wie geplant“, antwortete ich und klammerte mich an meinen Drink. „Und wie war es in Neuseeland?“
„Das halbe Jahr war super. Ich habe auf einem Weingut gearbeitet und viel vom Land gesehen.“ Plötzlich lachte er: „Wunderst du dich nicht, dass ich allein hier bin?“
Der abrupte Themawechsel verwirrte mich.
„Ach, ja. Wo ist deine Isabella? Noch in Neuseeland?“
Ausdruckslos nippte er an seinem Bier. „Meine Cousine“, er betonte das Wort, „feiert heute mit ihrem neuen Freund.“ Er lächelte verschmilzt und auf meine verdutzte Miene hin prustete er los. „Entschuldige. Ich dachte mir schon, dass du von unserem Verwandtschaftsverhältnis nichts weißt. – PAUSE – Aber eine solche Wirkung hatte ich nicht erwartet“, sagte er immer noch lachend.
„Warum dieses Theater?“, fragte ich ein wenig gereizt und dachte an mein selbstauferlegtes Versteckspiel.
„Ich zeigte Isabella die Schule und sofort ging das Gerücht rum, wir seien ein Paar. ich sah einen Vorteil darin es dabei zu belassen, denn ich hatte es satt, von den Mädels verfolgt zu werden. Die Fuchsjagd hatte ein Ende.“ Einen großen Schluck aus seinem Glas nehmend, fuhr er fort: „Allerdings brachte der Schwindel einen Nachteil.“ Er musterte mich von der Seite. „Das Mädchen, für das ich mich interessiere, ging ebenfalls auf Abstand.“
Ich spürte seinen Blick bis tief in mein Inneres. `Verdammt`, dachte ich und nippte an meinem Drink. „Wenn ich mich mit einem Tier vergleichen müsste, würde ich das grauen Mäuschen wählen“, scherzte ich.
„Und ich wäre wohl die böse Katze, vor der du davonläufst?“
Zum zweiten Mal an diesem Abend sah ich ihn verdutzt an.
„Ich laufe vor niemanden davon!“, log ich und stand auf, um mir an der provisorisch errichteten Bar einen weiteren Drink zu holen.
„Ach ja? Wenn du könntest, würdest du jetzt Antjes Party verlassen und rennen, so schnell du kannst!“ Michael trat hinter mich. „Und das passiert mir immer, wenn ich deine Nähe suche.“ Er legte seine Hände auf meine Schultern und drehte mich um. „Ich dachte, es läge an der Geschichte mit meiner Cousine. Aber das ist ja nun geklärt. Wovor hast du Angst?“
Ich presste die Lippen zusammen und schwieg. Er nahm mir das Glas aus der Hand und stellte es hinter mir ab. Sanft berührten seine warmen Finger mein Kinn, als er es anhob, bis ich ihn anschauen musste. Ich sah wie bedrückt er war.
„Bitte, antwortete mir, Grit!“
Ich presste die Lippen fester zusammen, spürte seinen bittenden Blick. „Ich fürchte mich davor, zum Gespött der Leute zu werden, wenn sie meine Reaktion auf dich richtig deuten.“ Laut zog ich die Luft tief ein. „Und man würde mich unweigerlich auslachen, denn du interessierst dich bereits für ein anderes Mädchen“, fügte ich leise, sehr leise hinzu.
Die Musik verstummte und Antje kündigte die letzten 10 Sekunden des Jahres an.
Michael nahm meine Hand, als der Countdown begann.
„Wie kommst du darauf, dass es ein anders Mädchen ist?“, sagte einfach.
„… zwei, eins, jäh“, jubelten die Leute. Die Korken knallten und Sekt floss. Ringsum umarmten sich alle, küssten sich die Paare und wünschten einander alles Gute im Neuen Jahr. Ich sah Michael grinsen.
Plötzlich wurde ich hoch gehoben und herumgewirbelt. Dann stellte er mich ab. „Frohes Neues!“, verkündete er und stupste zärtlich mit der Nase gegen meine.
„Ja. Das wird ein gutes Jahr werden!“
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9 Kommentare
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Hannelore Grünler aus Artern | 30.12.2012 | 22:03  
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Renate Jung aus Erfurt | 31.12.2012 | 00:06  
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Birgit Baier aus Gotha | 31.12.2012 | 10:03  
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Renate Jung aus Erfurt | 31.12.2012 | 12:52  
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Antje Hellmann aus Jena | 31.12.2012 | 12:59  
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Petra Seidel aus Weimar | 31.12.2012 | 19:51  
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Birgit Baier aus Gotha | 01.01.2013 | 10:13  
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Gunter Linke aus Saalfeld | 01.01.2013 | 12:21  
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Renate Jung aus Erfurt | 03.01.2013 | 23:48  
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