Heute Whatsapp, früher Fächer? Das Ding zum Wedeln übermittelte auch geheime Botschaften

Wann? 13.12.2015 15:00 Uhr

Wo? Herzogliches Museum, Parkallee 15, 99867 Gotha DE
Ute Däberitz mit zwei Stücken aus der Stiftung Michaels: Faltfächer „Europa auf dem Stier“ (Frankreich um 1740, Deckfarbenmalerei auf Papier, Gestell: Perlmutt mit Gold- und Silber-Auflagen) und ein Werbefächer für Champagner (Frankreich um 1910, Blatt: Bedrucktes Papier, Gestell: Holz).
 
Ute Däberitz, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Stiftung Schloss Friedenstein, außer für die Fächer dort auch für das europäische Kunsthandwerk und die außereuropäischen Sammlungen zuständig.
 
Derzeit in der Ausstellung zu sehen: Ein chinesischer Radfächer (Bambus mit Schwarz- und Goldlackdekor, um 1800), den Herzog August von der russischen Zarin als Geschenk erhalten hat. (Foto: Stiftung Schloss Friedenstein)
Gotha: Herzogliches Museum | Sie sind kleine Kunstwerke und hübsch anzuschauen im Herzoglichen Museum in Gotha: Fächer. Doch diese Luxusobjekte konnten sogar mehr, zum Beispiel geheime Botschaften übermitteln. Die aktuelle Ausstellung dort zeigt noch bis Ende Januar Briséfächer.


Ohne ging die Dame von Welt nie. Zumindest im 18. Jahrhundert gehörte in den besser gestellten Kreisen ein Fächer zum perfekten Auftritt einfach dazu. Sogar, wenn es nur zum Gottesdienst in die Kirche ging. Doch der Fächer, von denen es unzählige Varianten gibt, war mehr als nur ein modisches Accessoire. „Gerade in Zeiten, zu denen die Damen ziemlich eingeschnürt daherkamen, war die praktische Seite des Fächers nicht zu verachten - beim Luftzufächeln hat er gute Dienste geleistet, ihre Trägerin wohl vor mancher Ohnmacht bewahrt“, weiß Ute Däberitz. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Stiftung Schloss Friedenstein in Gotha, als diese dort auch für die Fächersammlung zuständig. Doch so ein Fächer kann noch mehr, weiß sie: zum Beispiel unauffällig geheime Botschaften überbringen, Verabredungen treffen. Und das Jahrhunderte vor Whatsapp und Co.

Allein, wie der Fächer gehalten wird, spricht Bände. Oder wie schnell die Dame mit ihm wedelt. An der Anzahl der hochgehaltenen Stäbe kann das Gegenüber mit einem kurzen Blick die Uhrzeit für das heimliche Rendezvous erfassen. Oder der Fingerzeig auf ein bestimmtes Symbol auf dem Fächer legt die Absichten klar. Ist es der Hahn, heißt das wohl, dass das Treffen nur für eine Nacht geplant ist. Mit dem beginnenden Morgen ist alles wieder vorbei. „In den großen Metropolen soll es sogar Fächerakademien gegeben haben, um die Kommunikation mit dem Fächer zu erlernen“, spricht Ute Däberitz von überlieferten Gerüchten.

Raum für Geschichte & Geschichten


Die Fächersammlung der Stiftung Schloss Friedenstein bietet viel Raum für Geschichten und Geschichte. Dass es sie gibt, ist Herzog August von Sachsen-Gotha-Altenburg (1772-1822) zu verdanken. Der Herrscher mit dem Sinn für feine Kunst hatte auch ein Faible für Fächer unterschiedlichster Herkunft, hatte mit Joseph Meyer sogar einen Kunstagenten für das Beschaffen beauftragt. Gut 300 Exemplare sind so und als Geschenke zusammengetragen worden. Schon damals zog es Gäste aus ganz Europa nach Gotha, um die Sammlung zu bewundern. Vor vier Jahren vervollständigte eine Dauerleihgabe der Münchner Stiftung Ute Michaels mit fast 500 Fächern den Gothaer Schatz. Der war zwischenzeitlich fast in Vergessenheit geraten. Viele der Fächer bestehen aus hochempfindlichen Materialien, dürfen auch nur kurz dem Licht ausgesetzt werden, deshalb waren sie im Schloss sicher - und nicht sichtbar - verwahrt. Ute Däberitz erweckte sie in den 90-er Jahren aus ihrem Dornröschenschlaf. Nicht alle mit einem Mal. Ihren wohlverpackten, lichtundurchlässigen Schlaf brauchen die kleinen Kunstwerke nach wie vor.

Jetzt zu sehen: Briséfächer


Von Zeit zu Zeit dürfen einige Exemplare dennoch ans Licht, sie sind jeweils für kurze Zeit in thematischen Kabinettausstellungen im Herzoglichen Museum zu sehen. Derzeit sind es 32 Briséfächer, die gezeigt werden. Im Gegensatz zum Faltfächer hat er kein gefälteltes Blatt, sondern besteht ausschließlich aus Stäben, die unten mit einem Dorn und am oberen Rand von einem Band - meist aus Seide - zusammengehalten werden.

Die verwendeten Materialien sind so vielfältig wie die Motive auf den Fächern: barocke Elfenbeinarbeiten, Schildpatt, Horn, Silberfiligran und Holz bis hin zu Kunststoffen des frühen 20. Jahrhunderts. Auch Materialkombinationen sind zu bewundern. „Mit Hilfe von speziellen Säge- und Stanzwerkzeugen entstanden filigrane Durchbruchmuster, die Elfenbein, Schildpatt oder Horn wie zarte Klöppelspitzen erscheinen ließen“, weiß Ute Däberitz, die auch diese Ausstellung konzipiert hat. Zu jedem einzelnen Stück weiß sie eine Menge zu erzählen. Zum Beispiel auch davon, dass eines Tages der Fächer nicht mehr nur der feineren Gesellschaft vorbehalten war. Zu Zeiten der Französischen Revolution wurden nun preiswerte Fächer gefertigt, deren Dekore auch auf aktuelle politische Ereignisse wie den Sturm auf die Bastille Bezug nahmen.


Ute Däberitz kann die Begeisterung von Herzog August für die filigranen Kunstwerke nachvollziehen. Auch ihre Faszination hält seit der Wiederentdeckung der Gothaer Sammlung bis heute an. „Es ist einfach phantastisch, was für Schätze wir hier haben“, freut sie sich. Vor allem darüber, dass einige der Fächer auch immer ausgestellt und zu sehen sind.



Die Fächersammlung Herzog Augusts von Sachsen-Gotha-Altenburg


- Die Stiftung Schloss Friedenstein Gotha besitzt eine der bedeutendsten musealen Fächersammlungen Deutschlands. Bereits im frühen 19. Jahrhundert unter Herzog August von Sachsen-Gotha-Altenburg (er regierte von 1804 bis 1822) angelegt und später noch geringfügig erweitert, umfasst sie annähernd 300 Fächer europäischer und ostasiatischer Provenienz des 16. bis 20. Jahrhunderts sowie einige ethnographische Exemplare des 19. Jahrhunderts aus dem Orient, aus Südostasien und aus Amerika.


- Ein großer Teil der Sammlung wurde Herzog August von Joseph Meyer (1796-1856) vermittelt. Der spätere Verleger und Begründer des weltberühmten Bibliographischen Instituts war von 1817 bis 1820 in einem Londoner Exportgeschäft tätig und erwarb in dieser Zeit zahlreiche Objekte für das „Chinesische Cabinett“ des Gothaer Herzogs.


- Zu den sammlungsgeschichtlich prominentesten Stücken zählen zwei um 1800 in China entstandene Brisé-Radfächer, die Herzog August 1817 von der russischen Zarin Elisabeth (1779-1862) als Geschenk erhielt (zur Zeit im Fächerkabinett ausgestellt).


- Im Jahr 2011wurde die Gothaer Sammlung durch eine großzügige Dauerleihgabe der Münchner Stiftung Ute Michaels um 473 Fächer aus vier Jahrhunderten erweitert.


Kabinettausstellung & Führungen:


“Zerbrechliche Schönheiten am seidenen Band – Briséfächer aus China und Europa“, zu sehen bis zum 31. Januar 2016.


Am 13. Dezember und am 31. Januar, jeweils ab 15 Uhr, führt Ute Däberitz interessierte Besucher durch die Ausstellung.


Weitere Ausstellungen im Fächerkabinett des Herzogliches Museum:


- Pagoden, Paradiesvögel und Pflaumenblüten - Chinoiserien auf europäischen Fächern des 18. Jahrhunderts13. Februar - 29. Mai 2016


- Bleu-Blanc-Rouge. In den Farben der Tricolore - Französische Revolutionsfächer11. Juni - 3. Oktober 2016


- Very British - Englische Fächer aus drei Jahrhunderten15. Oktober 2016 - 8. Januar 2017



Und hier hat sich noch jemand Gedanken zum Thema gemacht. Seht Euch dieses Video an!
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige