Jürgen von der Lippe fragt: "Wie soll ich sagen ..."

  Auch wenn als erstes ein Urschrei ertönt, als der Mann im Hawaii-Hemd auf die Bühne des Kulturhauses kommt, Tarzan ist er nicht. Obwohl dieser sein Kinderheld war. Ansonsten haben die Promis nichts zu lachen bei ihm. Und wer den 65-Jährigen kennt, der weiß, dass auch das Publikum ab der ersten Minute mit im Boot ist, ähm im Internet, nämlich bei Facebook. Denn ganz freiwillig macht der Saal mit und lässt sich auch genauso bereitwillig fotografieren – fürs Gesichtsbuch. Dafür gibt’s „gleich zu Anfang Standing Ovations für mich. Danke.“

Ob Heidi Klum, Marco Huck oder Uli Wegener, alle bekommen eine ordentliche Portion Fett ab und in gekonnter Rhetorik zieht der ehemalige Student des Lehramtes mit „Harmoniebedürfnis und Helfersyndrom“ vom Leder. So erklärt von der Lippe auch frei heraus, dass man nicht drei Liter Wasser am Tag trinken solle. Sonst habe man am Jahresende ein Kilo Kolibakterien im Körper. „Bei Bier kann dir das nicht passieren.“

Auch über seine Beerdigung hat sich der Hawaii-Hemdler Gedanken gemacht. Denn „hinterher, ergibt das ja keinen Sinn mehr.“ Weil seine Frau zunächst eine Stripp-Party ablehnt, findet er eine Hindernis-Rallye bei seiner Beerdigung schick. Als 50. Station könnte ein Starkstrommast stehen, an dessen oberem Ende sich die Urne befindet. „Wer zuerst oben ist, kann sie behalten.“ Die Holde sagt: „Quatsch, wir machen das mit den Strippern …“

Die Besucher in die Sketsche, ja sogar in die Performance auf der Bühne einbinden, dass ist bei von der Lippe usus. So auch in Gotha. Darum dürfen vier Gäste aus dem Publikum bei einem Paarspiel aus den einzelnen Buchstaben vorgegebener Worte Sätze bilden, und alle haben Spaß. Erst Recht der Künstler selbst. So wird mal eben aus dem braven Märchen der Gebrüder Grimm mit drei Hauptpersonen die Jürgen-von-der-Lippe-Spezialversion mit vier Titelhelden: Hänsel, Gretel, der bösen Hexe und dem Zalando-Mann. Spaß für alle inbegriffen.

Doch auch für die Kommunikation zwischen Mann und Frau ist der Comedian mit der feinen Ader für Zwischentöne bekannt. Dem interessierten Besucher erklärt er auf seine Art, über welches besondere Arsenal an Geräuschen eine Frau im Bett beim Sex verfügt. Auch die andere Seite, also der Mann, bekommt noch einen flotten Seitenhieb mit. Denn „angegriffene Männer schalten meist auf Reptilmodus - entweder Flucht, sich tot stellen oder zum Gegenangriff übergehen.“ Darüber hinaus sind wir Männer „zu blöd für eine Beziehung“, was er natürlich auf seine Art begründet und die Gäste einen deeskalierenden männlichen Satz auswendig lernen lässt: „Geht mir genauso.“ Freimütig stellt er fest, dass Frauen zehn Tage, also 240 Stunden, im Jahr schlecht drauf sind – immer unter dem Applaus der Besucher. Auch der weiblichen.

Jürgen von der Lippe agiert ohne Hektik, spricht langsam, gewählt, abgeklärt. Er zieht abwechselnd weise Worte („unsere Sprache verrottet, der Brief darf nicht sterben“) und schlüpfrige Halbwahrheiten aus seinem Repertoire. Irgendwie ist man sogar dankbar, dass die deutsche Sprache so großartige Wortspiele, Namen für Restaurants, Frisörstuben und Biermarken bereithält und er sie alle in seine Lieder einbindet.

Das Publikum lässt er singen, aufstehen, mitmachen. Als Peter-Maffay oder Howard-Carpendale-Verschnitt glänzend, findet er immer den Weg zurück aus den Verkleidungen in sein Blümchen-Hemd und zu seinen Alltagsgeschichten. Das steht ihm am Besten und wird gebührend mit Applaus honoriert.
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