Kirche & Erotik? Kirchgemeinde Wandersleben schreibt Preis für erotische Dichtkunst aus

Pfarrer Bernd Kramer und Menantes. Im Pfarrhof von Wandersleben finden sich vier Bronzebüsten von Thüringer Barockschriftstellern, die von der in München ansässigen Künstlerin Helga Viebig-Kruck geschaffen wurden.
  Drei Gleichen: Pfarrhof Wandersleben |

Der Menantes-Förderkreis der Evangelischen Kirchgemeinde Wandersleben und die Literaturzeitschrift "Palmbaum" vergeben zum sechsten Mal einen Preis für erotische Dichtkunst. Die Ausschreibung läuft!



"Kirche lobt Erotikpreis aus“. Bei dieser Schlagzeile ist den Wanderslebenern Aufmerksamkeit sicher. Pfarrer Bernd Kramer lächelt wissend. Aufmerksamkeit sei doch etwas Gutes, schließlich diene sie der Sache. Hinter dem reißerisch klingenden Satz steckt durchaus Tiefsinniges. Prickeln nicht ausgeschlossen. In der Tat, wenn der Menantes-Förderkreis der Evangelischen Kirchgemeinde Wandersleben gemeinsam mit der Thüringer Literaturzeitschrift „Palmbaum“ den Menantes-Preis vergeben möchte, geht es dabei um erotische Dichtung.


Ist das Ansinnen zu gewagt, vertragen sich Kirche und Erotik? „Durchaus!“, ist sich Bernd Kramer sicher. Erotik, so sagt er, ist nicht das Laute, Schrille in einer sexistisch aufgeladenen Werbewelt, in der alles eine Ware zu sein scheint. „Erotik bedeutet viel mehr das Feine, Prickelnde zwischen den Menschen, das, was sich nicht kaufen lässt“, ist er überzeugt. Schon im Alten Testament findet sich eine der schönsten Hymnen auf die sinnliche Liebe - das Hohelied Salomo. Überhaupt, in der Theologie spielen Lust und Leiblichkeit immer wieder eine Rolle. „Man kann nicht etwas verteufeln, das zum Menschen dazugehört“, formuliert der Pfarrer für ihn und seine Kirche Selbstverständliches. Er ist froh über die Offenheit der evangelischen Christen für derlei Themen und lädt gleichzeitig zum verantwortungsvollen Umgang damit ein.


Es ist wohl auch dieser Hintergrund, der den Menantes-Preis bei Autoren derart beliebt macht. Fünfmal wurde er seit 2006 vergeben, nach jeder Ausschreibung landen Hunderte Gedichte und Kurzgeschichten bei der Jury, die Absender kommen aus 15 verschiedenen Ländern. Menantes bleibt auf diese Art lebendig, der in Wandersleben geborene Dichter wirkt so bis in die Gegenwart. Dabei war er schon in Vergessenheit geraten. Pfarrer Bernd Kramer und einige engagierte Mitkämpfer entdeckten den Barockdichter und berühmtesten Sohn des Ortes wieder, errichteten vor zehn Jahren im Pfarrhof die Menantes-Gedenkstätte. Ein Literaturpreis, noch dazu einer für erotische Dichtung, steht Menantes gut zu Gesicht. Seinerzeit galt er als ein Meister der Galanterie, der Verführungskunst mit Worten. Schon als 21-Jähriger war der als Christian Friedrich Hunold Geborene ein erfolgreicher Autor, drei Jahre später schrieb er ein Passionsoratorium, das erste mit freier Textbearbeitung. „Mit seinen Ansichten, seiner Art, sich den Dingen vom Herzen aus zu nähern, war Menantes ein Grenzgänger, ein echter Tausendsassa“, kann sich Bernd Kramer immer wieder für den Barockdichter begeistern. Neben Goethe und Schiller zählte er zu den meistgelesenen Autoren, wusste, wie wichtig Bildung ist, er brachte den galanten Stil in die Kantatenmusik ein und bewahrte sich eine immerwährende Neugier auf das Leben, auf neues Wissen. Er wäre sehr gespannt auf die Geschichten, die sich um den Preis bewerben, der seinen Namen trägt.



Die Ausschreibung:



Eingereicht werden dürfen pro Absender bis zu drei Gedichte oder eine Kurzgeschichte mit maximal fünf Manuskriptseiten (je 2000 Zeichen). Die Texte müssen bislang ungedruckt sein, Veröffentlichungen auf Websites sind möglich. Eine Jury aus fünf Kritikern und Schriftstellern ermittelt unter allen Einsendern die fünf originellsten und lädt deren Verfasser zu einem Lesefest am 11. Juni 2016 in der Wanderslebener Pfarrhof ein. Dort wird der Jury-Preis (2000 Euro) sowie der Preis des Publikums (500 Euro) vergeben.Die Texte sind ohne Verfassernamen, jedoch mit einer separaten Kurzbiografie, unter dem Stichwort „Menantes“ zu senden an: Evangelische Kirchgemeinde Wandersleben, Menantesstraße 31, 99869 Drei Gleichen, Ortsteil Wandersleben. Einsendeschluss ist der 31. März 2016.


Das schrieb Dichter Menantes im Jahr 1702:



“Umarme doch mit wollenweichen Händen


Den heißen Leib, der sich nach Kühlung sehnt;


Erhebe dich mit deinen zarten Lenden,


Schau wie die Lust schon alle Glieder dehnt.“





Wer war Menantes?



Christian Friedrich Hunold wurde 1680 in Wandersleben geboren und ist später in Hamburg unter dem Namen „Menantes“ zum meistgelesenen Autor seiner Zeit aufgestiegen. Er schrieb galante Gedichte und satirische Romane, aber auch Opern- und Kantatentexte, die von Reinhard Keiser und Johann Sebastian Bach vertont wurden. Der Menantes-Förderkreis der Evangelischen Kirchgemeinde Wandersleben hat den spätbarocken Dichter wiederentdeckt. Nun soll er auch in Zukunft wirken - mit dem „Menantes-Preis für erotische Dichtung“. www.menantes-wandersleben.de, www.palmbaum.org
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