"Lange Strümpfe & Blaues Halstuch" - Neues Buch eines Gothaer Autors

    Friedrichroda: 99894 |

Leseprobe:


Man schrieb das Jahr 1945. Deutschland lag in Schutt und Asche.
Was von dem „Tausendjährigen Reich“ einer Clique größenwahnsinniger
Subjekte übrig blieb, waren Ruinen zerstörter Städte und IndustrieAnlagen, waren verstörte Menschen, die mit bloßen Händen begannen,
ihre Häuser und Städte wieder aufzubauen.
Was heißt Menschen? Es waren hauptsächlich Frauen!
Die meisten Männer waren entweder in einem sinnlosen Krieg für
Führer, Volk und Vaterland gefallen, oder befanden sich noch in
Kriegsgefangenschaft in Frankreich, Spanien, Polen oder weit hinter dem
Ural.
SS-Schergen, die sich in den letzten Kriegswochen noch zur Organisation
„Werwolf“ zusammen geschlossen hatten, streiften durch das Land,
suchten nach Männern oder Knaben, die noch taugten,in eine Uniform
gesteckt zu werden, eine Panzerfaust zu tragen und den bereits sinnlos
gewordenen Krieg noch länger hinaus zu zögern...

Auf der Landstraße mitten im Krieg


Mein Vater hatte Glück. Kurz vor dem Ende des Krieges
hatte er Heimaturlaub bekommen um sich von einer
chronischen Herzmuskelentzündung zu erholen, die er
sich nach einer Virusgrippe in einem der unendlichen,
todbringenden, russischen Winter zugezogen hatte.
Trotz aufopferungsvoller Pflege durch meine Mutter wurde
er immer schwächer, und der Tag seiner Meldung zum Dienst an
der Front rückte immer näher.
Die beiden Fronten müssen sich zu diesem Zeitpunkt bereits auf
deutschem Boden befunden haben. Genaue Daten sind mir aber
nicht bekannt.
Einen Arzt zu finden war in den Wirren dieser letzten
Kriegswochen nicht einfach. Zumal mein Vater als Soldat eben
auch verpflichtet war, einen Militärarzt aufzusuchen.
Gehfähig war er nicht und an einen Hausbesuch durch einen
Mediziner war natürlich auch gar nicht zu denken.
So packte die Mutter unseren Papa kurzerhand in mehrere Decken
und in einen Handwagen und machte sich zu Fuß mit dem
Wägelchen im Schlepp auf, um in der 19 km entfernten
Garnisonsstadt einen Militärarzt aufzusuchen.
Eine Fahrt mit dem Zug war nicht angeraten; zum einen, weil der
Transport des todkranken Mannes so nicht möglich gewesen wäre.
Zum anderen, weil es ohnehin keine planmäßigen Verbindungen
mehr gab. Entweder war keine Kohle für die Lokomotiven da oder
es fehlten ganz einfach die Lokomotiven, die anderenorts
kriegswichtige Einsätze zu fahren hatten. Es konnte aber auch sein,
dass die Bahngleise bereits zerbombt waren.
Also, wie auch immer – der Handwagen erwies sich als das beste
und auch das einzige, zur Verfügung stehende Transportmittel.
Nun stelle man sich vor: Eine 24-jährige junge Frau -
schwanger, im Winter auf der Landstraße mit einem
Handwägelchen in welchem ein dick eingemummelter todkranker
junger Mann liegt. Wenigstens vier Stunden Wegezeit,
unterbrochen von anfliegenden Bombergeschwadern, dieauf dem
Weg waren, um über den näheren Klein- oder fernen Großstädten
ihre tödliche Last abzuwerfen. Unterbrochen, weil man sich in
dieser Situation schnellsten in den Straßengraben zu ducken hatte
um dort ganz still auszuharren, bis der Pulk vorübergeflogen war.
Den Schutz der Nacht nutzten sie schon lange nicht mehr, denn die
Flugabwehr und der größte Teil der Luftwaffe des deutschen
Heeres waren bereits ausgeschaltet. Es gab keinen nennenswerten
Widerstand mehr.
Irgendwann war man dann doch in der Flak-Kaserne angekommen
und hatte sich bis zum Feldarzt durchgefragt.
Der stand sodann breitbeinig mit sorgsam gewichsten Stiefeln und
die Daumen im Koppel, vor dem Häufchen Unglück, das von
einem Menschen - von einem verdienten Frontsoldaten übrig
geblieben war, betrachtete meinen Vater geringschätzig und fragte
nach seinem Stellungsbefehl. Alsdann schnauzte der Herr Feldarzt
den Mann an, dass er ja wohl nur simuliere und nun schleunigst
zusehen soll, dass er sich auf den Weg zu seiner Einheit in Marsch
setze. Ansonsten würde er ihn auf der Stelle wegen
Wehrdienstverweigerung vor ein Standgericht bringen.
Also packte Muttchen den Vater wieder in seine Decken, alle
zusammen in das Handwägelchen und machte sich erneut auf den
Weg.
Wohin? Das wusste sie in diesem Moment auch noch nicht...

Kriegsende


Der kleine Luftkurort Friedrichroda am Rande des
Thüringer Waldes wurde massiv von amerikanischen Bombern
attackiert. Zweifellos hatten die Alliierten Kenntnis von einem
geheimen Projekt erlangt, welches hier in der Werkstatt eines
Möbeltischlers das „unsichtbare Flugzeug“, eine immer wieder
angekündigte Wunderwaffe, entwickelte. Es soll sich um einen
„Nurflügler“ mit Holzbeplankung und Radar absorbierendem
Tarn-Anstrich gehandelt haben. Ein Eisenbahntunnel ganz in der
Nähe, unter dem Rheinhardsberg, in welchem bisher Granaten
gedreht wurden, diente jetzt der Teilefertigung für das Flugzeug.
Tatsächlich war man mit der Entwicklung der „HortenIX“ der Zeit
12
schon weit voraus. Aber das Flugzeug ging nie in
Serienproduktion.
135 Einwohner kamen damals im Bombenhagel um. Über 35
Häuser wurden zerstört.
Der damalige fanatische Gauleiter der NSDAP von
Thüringen, Fritz Saukel, hatte noch immer die Vision, dass dieses
Städtchen das Zentrum „seines“ 4. Reiches werden solle, während
sich um Thüringen herum, im übrigen Deutschland, die Alliierten
bereits etabliert hatten.
Unser Städtchen hieß in den Geheimakten der Nazis „Wolfsturm“.
Regierungszentrum von Saukels 4. Reich sollte das bekannte
Schloss „Reinhardsbrunn“ werden.
Der Gauleiter ließ obendrein noch fieberhaft weitere unterirdische
Produktionsanlagen für Waffen und Gerät in ganz Thüringen
errichten.
Aber zu spät...
Als die Amerikaner am 14. April 1945 Friedrichroda erreichten, fiel
ihnen neben den Konstruktionsunterlagen auch der fast fertige
dritte Prototyp des Flugzeugs „Horten IX“ in die Hände. Noch
heute ist das Flugzeug im National Air & Space Museum der
USA zu sehen.

Dieses Buch ist ab sofort beim Verlag tredition, Hamburg oder im Buchhandel erhältlich.

Taschenbuch: ISBN 978-3-8495-8335-4
Hardcover: ISBN 978-3-8495-8336-1
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