Mord im Ahnensaal - ein kleiner Reinhardsbrunnkrimi

    Als Sebastian den Ahnensaal des Schlosses betrat, durchfuhr ihn ein heiliger Schauer. Das war also der schönste Raum von Schloss Reinhardsbrunn, von dem sein Großvater immer geschwärmt hatte. Er stellte sich mitten in den Saal und ließ den erhabenen Eindruck auf sich wirken. 32 Bildnisse von Grafen und Landgrafen aus dem Geschlecht der Ludowinger und Herzögen der Wettinerzeit. Ach, ihr erwürdigen Herrschaften wart Zeugen der Ereignisse in den letzten Tagen des 2. Weltkrieges.

In diesem Moment versank er in Erinnerungen an seinen geliebten Großvater Heinz, an dessen Sterbebett
er als ganz junger Mann gesessen hatte. Mit großer Anstrengung und sichtbar erregt erzählte sein Opa
vom Tieffliegerangriff auf den LKW- Konvoi, der sich im Frühjahr 1945, aus Ostpreußen kommend,
in Richtung Mitteldeutschland bewegte.

Heinz Leppert saß auf der Ladepritsche, mit dem Gewehr im Anschlag. Neben ihn standen Kisten mit der
Aufschrift „ streng geheim „. Sie waren schon lange unterwegs, total übermüdet und abgeschnitten von
jeglicher Information.

Plötzlich verspürte er Einschläge, der Lastkraftwagen kam ins Schlingern und fuhr in den
Strassengraben. Heinz Leppert konnte noch rechtzeitig von der Pritsche abspringen. Nachdem der LKW in den Graben gestürzt war, rannte er zur Führerkabine, wo er Fahrer und Beifahrer blutüberströmt vorfand. Sie schienen vom massiven Aufschlag sofort tot gewesen zu sein. Eine Aktentasche lag
neben Leutnant Wolfgang Lehmann. Der Verschluss hatte sich gelöst und ein brauner Umschlag mit dem Heinz Leppert mittlerweile geläufigen Aufdruck „ streng geheim“ wurde sichtbar. Er überlegte nicht lange und steckte den Umschlag in seine Armeejacke. Nach dem rasanten Umladen der Kisten in andere LKW ging die Fahrt weiter. Viele Stunden danach, spät in der Nacht, kamen sie in Schloss Reinhardsbrunn an. Die Kisten wurden abgeladen und stark ermüdet fiel Heinz Leppert in das vorbereitete Nachtlager.

In den Morgenstunden öffnete er in einem unbeobachteten Moment den braunen Umschlag.
Sein Herz schlug bis zum Hals, als er den Inhalt gelesen hatte. In dem Schreiben wurde angegeben, wohin bestimmte Kunstschätze verbracht werden sollten. Ein detailgetreuer Lageplan ergänzte das Schreiben.
„ Oh Gott „ dachte Heinz Leppert „ dieses Schreiben konnte ihn das Leben kosten“. Er musste es so schnell wie möglich wieder loswerden. Heinz Leppert steckte den Umschlag wieder in seine Jacke. Bei einem Rundgang im Schloss besichtigten er und die anderen Soldaten den Ahnensaal. Alle waren so begeistert von den Abbildungen der adligen Herren und Damen in den Deckennischen.
Nur Heinz Leppert musste ständig an den braunen Umschlag denken, der an seinem Herzen lag. Trotz seiner großen Anspannung war doch sein Verstand messerscharf , und er suchte nach einem Ausweg. Er musste den Umschlag einfach loswerden. Aber wie? Dicht angelehnt an einen großen Spiegel des Ahnensaals erblickte er plötzlich einen Spalt. Dieser Spalt könnte passen, fuhr es ihm blitzartig durchs Gehirn. Er handelte schnell und schob den Umschlag in den Ritz, der ihn begierig aufzunehmen schien.

Die nächsten Wochen waren bestimmt von Flucht und nachfolgender Gefangenschaft bei den Amerikanern. Das Leben ging weiter und in all den Jahrzehnten, die folgten, gründete Heinz Leppert eine Familie und ging einer geregelten, gut bezahlten Arbeit nach.









Dann kam dieser verhängnisvolle Abend in den 60er Jahren, an dem er bierseelig in einer Kneipe bei Korbach von den letzten Kriegstagen und dem braunen Umschlag erzählte. Die Stammtischgesellschaft lauschte gespannt seinen Ausführungen. Besonders Horst Schütter, ein Kegelbruder, löcherte ihn mit vielen Fragen. Immer wieder wollte Horst Einzelheiten wissen. Heinz Leppert wusste, dass er einen Fehler gemacht hatte, versuchte vergeblich abzuwiegeln und behauptete, sich die Geschichte nur ausgedacht zu haben. Doch er konnte sagen was er wollte, Horst Schütter schien von Heinz Lepperts

Geschichte überzeugt zu sein. ,Was soll’s, dachte Heinz Leppert, dieses verdammte Schloss lag ja sowieso in der Ostzone und somit außerhalb der Reichweite irgendwelcher Schatzsucher.

Die Geschichte führte ihre eigene Regie und Deutschland war wieder einig Vaterland. Heinz Leppert erkrankte schwer, lange Krankenhausaufenthalte und fortschreitende Gebrechlichkeit bestimmten sein Leben.

Zu den regelmäßigen Besuchern im Krankenhaus gehörte auch Horst Schütter. Bei einem Besuch platzte es dann Horst Schütter regelrecht heraus:“ Mensch Heinz, ich habe deine Geschichte der Kameradschaft ehemaliger Wehrmachtsoldaten „ Einigkeit „ erzählt. Sie waren total von den Socken und jetzt könnte man ja doch mal sehen, ob es noch da ist. Jetzt wo der Russe ja das Weite gesucht hat.“ Heinz bat Horst „Bitte lass die Sache ruhen.“

Auch sein Enkel Sebastian besuchte ihn oft, und bevor er die Augen für immer schloss, sagte er: „ Sebastian finde den Umschlag, bevor es andere tun. Wenn du ihn gefunden hast, gib ihn an die Behörden weiter. An den geraubten Kunstschätze klebt Blut, und sie sollten in öffentliche Hand und nicht an windige Privatpersonen fallen.“

Ja, und jetzt stand Sebastian in dem Saal, in dem sich auch der Umschlag befinden soll. Versunken in die Betrachtung des Ahnensaals, merkte Sebastian nicht, wie sich zwei dunkel gekleidete Männer ihm näherten. Als er es merkte, war es zu spät, um den Raum zu verlassen.

„ Sebastian Leppert, wenn ich richtig annehme?“ So wurde Sebastian angesprochen.
„ Was wollen Sie von mir?“ fragte Sebastian erschrocken. „ Wir wollen das, was ihr Großvater vor Jahrzehnten hier liegen gelassen hat.“ „ Woher wissen sie das?“ - „ Ach junger Mann, Kameradschaften wissen so manches. Wir ahnten, dass sie eines Tages hierher kommen würden. Es war ein Leichtes ihnen zu folgen.“

Sebastian hatte Angst – Todesangst. Er musste hier raus aus diesem verdammten Saal. Sebastian versuchte durch belanglose Gespräche die beiden Männer abzulenken, und als diese einen Moment unaufmerksam waren, rannte er zur Tür des Ahnensaals. Sebastian war jung im Vergleich zu den zwei Männern, die bereits im gesetzten Alter waren. So räumte er sich eine große Erfolgsaussicht für seinen Fluchtversuch ein.

Was er befürchtet hatte, sollte sich auf tragische Weise bewahrheiten. Seine Verfolger waren bewaffnet. In dem Moment, als er über das gewölbte Parkett stolperte und zu fallen drohte, verspürte er einen unerträglichen Schmerz in seiner Brust. Eigentlich sollte der Schuss nur das Bein treffen und die Flucht verhindern. Ein unglücklicher Umstand wollte es, das durch das Stolpern
Sebastians Körper herunter-sackte und so von der abgefeuerten Kugel getroffen wurde. Mit weit geöffneten Augen und den Worten: „ Ach, Großvater“ verstarb Sebastian und lag am Rande des Ahnensaals.







Von dem unglücklichen Versuch, die Flucht zu verhindern, schockiert, verließen die zwei Männer den Raum. Mit einem großen Schritt überquerten sie Sebastian Richtung Tür. Die Blutlache, die aus
Sebastians Körper drang, verbreitete sich unaufhaltsam auf dem Parkett. Einer der zwei Männer trat in die Blutlache, verbreitete es im Treppenhaus des Hohen Hauses. Ihr Versuch, das Geheimnis des Umschlags zu lüften, war missglückt. Sebastian hatte das Wissen seines Großvaters mit in den Tod genommen.

Die regelmäßige Schlossparkführung führte auch über den Schlosshof. Auch wenn das Schloss verwaist und nur von außen zu besichtigen war, gab es viele Interessierte an dessen wechselvoller Geschichte.
Dem Schlossparkführer Wilfried Füssler fiel sofort die geöffnete Tür des Hohen Hauses auf. Bei näherer Betrachtung der Tür sah er die blutverschmierte Türschwelle. Wilfried Füssler überlegte nicht lange und


benachrichtigte mit seinem Mobiltelefon die Polizei. Was die Polizei fand, ähnelte einem schlechten Theaterstück. Da lag ein junger Mann in seiner Blutlache, umgeben von 32 adligen Herrschaften:

32 Zeugen, die keine sachdienlichen Hinweise geben konnten.
Ein Mord ,der manche Fragen offen ließ, im Ahnensaal von Schloss Reinhardsbrunn.

PS: Alle handelnden Personen und die Geschichte sind frei erfunden.
Alles ist ein Produkt meiner Phantasie :)
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1 Kommentar
2.016
Andreas Paasche aus Gotha | 03.03.2013 | 10:24  
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