Mutter, Vater, Kind

(Schon 2012 geschrieben, aber heute sehr aktuel)
Sie kamen durch die große Tür und zitterten am ganzen Körper. Sicher erhofften sie, dass es hier drinnen wärmer ist als draußen. Das kleine Kind, das die Hand seines Vaters hielt, sah mich großen Augen an. Es schien doch tatsächlich irgendetwas von mir zu wollen. Doch ich kümmerte mich nicht weiter darum. Ich ließ meine Augen durch den Raum schweifen. Sie blieben bei der Mutter mit dem Säugling stehen. Sie wiegte ihn sanft. Allerdings konnte ich nicht erkennen, ob es ein Mädchen oder ein Junge ist. Auf jeden Fall schlief es gerade tief und fest. Wahrscheinlich träumte der kleine Wurm von einem warmen zuhause.
Plötzlich riss mich ein Gezerre aus meinen Gedanken. Erschrocken blickte ich nach unten. Und wer stand da? – Das kleine Kind von der Familie. Erst jetzt sah ich, dass es ein niedliches Mädchen war. Kurze schwarze Locken umrahmten ihr Gesicht. Ihre Haut war etwas dunkler als meine. Und schon wieder zerrte sie an meinem Mantel.
„Was willst du?“, fragte ich sie. Die Kleine blickte mich nur fragend an.
„Was möchtest du? Kann ich dir helfen?“ Wieder keine Antwort, nur traurige dunkle Augen starrte zu mir hoch.
Da, sie zog schon wieder an meinen Mantel, versuchte meinen Schal zu fassen. Zum Glück war sie zu klein. Wer weiß, vielleicht hätte sie mir den Hals abgeschnürt.
Sie zerrte und sprang vor mir herum. Doch sie hatte kein Glück. Mein türkisfarbene Schal hing nur ein kurzes Stück vom Hals herab. Sie sah immer wieder zu mir hoch und zeigte vorsichtig auf meinen dick umschlungenen Hals.
„Der?“, fragte ich und griff an meinen Schal. Die Kleine nickte.
Ich schüttelte den Kopf und sagte: „Das geht leider nicht. Das ist mein Lieblingsschal, den habe ich von meiner Mutter geschenkt bekommen.“
Sie sah mich traurig an, fing an zu weinen und lief zu ihrem Vater. Sie fiel in seine Arme und schien sich nicht zu beruhigen. Wie sie so in den Armen ihres Vaters weinte und zitterte, da kamen mir fast die Tränen. Ich bekam einen Kloss im Hals. Stillschweigend ging ich zu einer Bank, die am Fenster gleich neben der Tür stand. Dort setzte ich mich. Ab und zu schaute ich auf zu der Familie. Irgendwie schämte ich mich. ´Aber warum sollte ich mich schämen? ´, ging es durch meinen Kopf. ´Ich habe doch nur behalten, was mir gehört. ´
Ich wandte mich um und sah aus dem Fenster. Draußen hasteten die Menschen über die Straße. Autos fuhren vorbei. Zwei Jungen spielten mit einer verbeulten Büchse auf dem Fußweg. Oh ja, es war schon recht kalt, aber geschneit hatte es noch nicht. Mir wurde langweilig. Ich schaute zu meinem Schalter. Dort stand immer noch so eine lange Schlange wie vor zehn Minuten und dabei wollte ich nur ein paar Briefmarken kaufen. Das kleine Mädchen hatte aufgehört zu weinen. Ihr Vater hielt es in seinen Armen.
Gelangweilt sah ich erneut aus dem Fenster. Gegenüber von der Post war ein Ge-schäft. Es musste neu sein. Bisher war es mir noch nicht aufgefallen. Durch die schmutzigen Scheiben konnte ich die Schrift „Wintersachen für jedermann“ erken-nen.
Plötzlich schoss mir ein Gedanke durch den Kopf. Ich sah zum Schalter – immer noch dieselbe Schlange. Mein Blick ging zur Uhr über der Tür – kurz vor sechs. ´Das könnte ich noch schaffen. ´ Ich sprang auf, ging durch die große Tür und lief über die Straße. Hinter mir hörte ich nur noch ein Hupen. Als ich vor dem Geschäft ankam, wollte die Verkäuferin gerade zuschließen. Ich klopfte an die Türscheibe und rief: „Moment!“
Die Verkäuferin zuckte zusammen.
Ich sagte: „Ich brauche noch etwas sehr sehr Wichtiges aus ihrem Geschäft.“
„Muss das unbedingt heute sein? Ich wollte gerade schließen.“, meinte sie ganz verdutzt.
„Es geht auch ganz schnell.“, versicherte ich ihr.
Die Verkäuferin öffnete die Tür einen Spalt und ließ mich herein. „Was wollen Sie denn?“
„Ich suche einen schönen, langen Schal. So einen wie ich gerade um habe. Farbig und genauso weich, vielleicht aus Kaschmir.“
Die Verkäuferin sah mich nur fragend an. Sie schüttelte den Kopf, ging zu einem Regal und holte einen langen, roten Schal. Ich schluckte, als ich den Preis sah. Entweder oder. Wenn ich mich nicht beeile, ist die Familie vielleicht weg und die Verkäuferin sauer, weil ich den Schal zurückbringe. Also nahm ich ihn kurzentschlossen. Im Hinausgehen kam mir noch ein Gedanke: „Können Sie mir den schal noch schön einpacken?“
Die Verkäuferin verdrehte die Augen und wurde sichtlich ungehalten. Sie griff unter den Ladentisch und griff eine bunte Tüte, tat den schal hinein und schob ihn mir zu. Ich griff die Tüte, verließ den Laden und flitzte wieder über die Straße und geradewegs in die Post.
Ich blickte überall herum, aber keine Familie. Immer noch außer Atem setzte ich mich auf die Bank. Traurig starrte ich auf meine Schuhe. Ich seufzte und wollte gerade wieder aufstehen und nach Hause gehen, als mich jemand auf die Schulter tippte. Ich erschrak, drehte mich um. Da stand ein Mann, der aussah, wie der Vater von dem kleinen Mädchen. In gebrochenen Deutsch sagte er: „Entschuldigen Sie das Vorfall meiner Tochter!“
Verdutzt sah ich ihn an und fragte: „Wo ist denn ihre Kleine?“
Er drehte sich um und zeigte auf eine Bank in der Ecke hinter den Auslagen. da saß die Kleine und zitterte. Langsam ging ich auf sie zu und gab ihr mein Geschenk. Überrascht griff sie die Tüte und ihre Augen begannen zu strahlen. Sie holte den Schal heraus und lachte von ganzen Herzen.
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3 Kommentare
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Renate Jung aus Erfurt | 07.12.2015 | 22:37  
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Birgit Baier aus Gotha | 08.12.2015 | 15:19  
12.763
Renate Jung aus Erfurt | 13.12.2015 | 00:49  
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