Nur geträumt

Ich saß im schicken Büro meiner Bankberaterin, die mit geübtem Mausgeklicke Informatio-nen über mein Bankkonto zusammentrug. Plötzlich sagte sie, gemäß Systemanforderungen sei es notwendig, sofort alle Belege beginnend mit dem Jahr 1987, also mit Kontoeröffnung auszudrucken und von mir unterschreiben zu lassen.
Ich wehrte höflich ab. Ein Ausdrucken der Belege sei nicht erforderlich, weil ich seit jeher je-den Monat alle aktuell anfallenden Belege bei mir daheim am Computer über OnlineBan-kingServer ausgedruckt hätte, um meine private Buchhaltung zeitnah zu erledigen und einen guten Überblick zu haben.
Das sei unerheblich, entgegnete Frau Zuckerbaum, das System verlange meine Unterschrift und zwar jetzt vor ihren Augen hier im Büro. Sie drückte die ENTER-Befehlstaste. Unverzüg-lich fing der Drucker auf dem Beistelltisch an zu surren und ein bedrucktes Blatt Papier nach dem anderen auszuspucken: Kontoauszüge, Kreditkartenabrechnungen, Dividentengut-schriften, Währungswechsel, Tod und Teufel – ich erinnere mich schon gar nicht mehr an je-den einzelnen Beleg, obwohl ich sie alle abgeheftet hatte und die älteren noch auf dem Boden lagerten.
Ich sah den Papierstabel im Druckerfach in Windeseile wachsen und höher werden und frag-te höflich, ob nicht mein Kürzel genüge, so gehe es rascher mit dem Abzeichnen der vielen Blätter.
„Nein“, beschied Frau Zuckerbaum, und ihre Augenlider flatterten, „die rechtsgültige Unter-schrift bitte sehr, hier auf den Dokumenten rechts unten.“ Ergeben fing ich an meinen Namen zu schreiben.
Frau Zuckerbaum blickte sogleich prüfend auf mein Werk und runzelte die Stirn. „Da stimmt so nicht“, rügte sie. „Sehen Sie.“ – und sie drehte den Monitor frontal zu mir – „Ihre Unter-schrift hat so auszusehen wie auf dem Unterschriftenprobenblatt hier. Sie müssen Ihren zweiten Namen ausschreiben. Keine Abkürzungen bitte.“
Am Monitor las ich das eingescannte Faksimile: Maria Simone Wertmeyer. Mir sagte der Name nichts. Wer war Maria Simone Wertmeyer? Sollte das ich sein?
Die Augenlider meiner Bankberaterin flatterten mich bedrohlich an. Sie schob mir den nächs-ten Kontoauszug zu. Ich beugte mich darüber und krakelte mit schweißnassen Finger: Maria Simone Wertmeyer. Das letzte r war kaum auf dem Papier, als mir Frau Zuckerbaum das Blatt unterm Kugelschreiber wegzog und das nächste unterschob.
„Bitte“, sagte sie genervt, „wir wollen doch um 17:00 Uhr fertig sein. Es sind noch8.348 Do-kumente.“ Ich legte los und schrieb und schrieb. Maria Simone Wertmeyer. Immer schneller: Das Handgelenk begann zu schmerzen- Ich schrieb und schrieb. Die Buchstaben flirrten. Ich schrieb und schrieb. Die Finger krampften. Es tat so weh. …
Da wache ich auf. Wo war ich? Ich liege bäuchlings in meinem Bett und keuche. Das rechte Handgelenk schmerzt. Es steckt verdreht unter meinem Hüftknochen. Vorsichtig ziehe ich meinem Arm unter dem Bauch hervor, schüttle die Finger und massiere das Gelenk, bis die Durchblutung halbwegs wieder im Gange ist.
Es ist Sonntagmorgen. Ich höre das vertraute Glockengeläut der nahen Kirche und ziehe die Daunendecke hoch bis über die Ohren. Ich sollte noch eine Runde schlafen, tief und fest, ohne (Alb-)Traum.
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Hannelore Grünler aus Artern | 15.08.2014 | 00:22  
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