Sehenswerte Ausstellung im Landhaus Studnitz: "Wechmar – Adel, Bach und fleißige Bürger”

Gothas Oberbürgermeister und 1. Vorsitzender des Wechmarer Heimatvereins Knut Kreuch (li.), Minister Holger Poppenhäger und Landrat Konrad Gießmann (re.) bei der Eröffnung der Ausstellung.
   
Die Wechmarer Mühlenpfeiffer in Aktion.
Günthersleben-Wechmar: Landhaus Studnitz | Thüringens Justizminister Dr. Holger Poppenhäger hat dem Wechmarer Heimatverein einen Besuch abgestattet. Als Vertreter der Thüringer Landesregierung hat der Minister gemeinsam mit Gothas Landrat Gießmann die eindrucksvolle Ausstellung des Wechmarer Heimatvereins „Wechmar – Adel, Bach und fleißige Bürger“ im Landhaus Studnitz eröffnet.

Der Wechmarer Heimatverein e.V. hat sich natürlich auch im neunundzwanzigsten Jahr seines Bestehens, zum Geburtstag seines Heimatortes Wechmar, etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Waren es im Jahre 1982 die ersten sieben Mitglieder des Vereins, die Wechmars Bürgermeister Günther Gäbler den Anstoß gaben, die 1.200 Jahrfeier des Ortes Wechmar 1986 vorzubereiten, weil sie die Urkunde des Heiligen Lullus von Mainz aus dem Jahre 786 entdeckten, so sind es fast drei Jahrzehnte später wieder die engagierten Heimatfreunde um Knut Kreuch, die Neuigkeiten der Wechmarer Ortsgeschichte für die Öffentlichkeit präsentieren.

In der Ausstellungshalle des vom Gothaer Hofmarschall Hans Adam von Studnitz (1711-1788) geschaffenen Wechmarer Landhauses mit dem schönsten Rokokosaal Mitteldeutschlands, entsteht in den nächsten Wochen eine kunstvolle Ausstellung, in deren Mittelpunkt die Premiere verschiedenster Ausstellungsstücke stehen wird, die bisher noch nie öffentlich ausgestellt worden sind. Unter dem Thema „Wechmar - Adel, Bach und fleißige Bürger“ widmet sich das Ausstellungskonzept drei verschiedenen Personengruppen, die jede auf ihre Art und Weise die 1.225jährige Entwicklung des Dorfes, rechts und links des Apfelstädtflusses bestimmten.

Die Schwierigkeiten in der Vorbereitung der Ausstellung lagen natürlich ganz besonders darin, dass es fast unmöglich schien, Bilder der genannten Personen zu finden, wer sollte zwölfhundert Jahre alte Gemälde oder Fotografien des 19. Jahrhunderts besitzen, wo die Menschen manchmal kaum genug Geld zum Leben besaßen. Das es den Ausstellungsmachern trotzdem gelungen ist, fast zwei Dutzend Bildnisse auszustellen, gleicht einem Wunder.

Es war eine Vielzahl adeliger Familien, die vom Jahre 786 bis 1805 in Wechmar lebten, und heute kaum noch bekannt sind. Was mit der Familie der Herren von Wechmar um das Jahr 1000 begann, endete im Jahre 1805 mit dem Tode des letzten männlichen Erben aus dem Geschlecht der Familie von Berga.

So findet sich in der Ausstellung das aus Mitteln der Regionalstiftung der Kreissparkasse Gotha restaurierte Bild des Phillipus von Wechmar (1621-1698), dessen Großvater Claus im 16.Jahrhundert der letzte Namensträger der Familie im Dorf Wechmar war. Phillipus von Wechmar, der Zeit seines Lebens im südthüringischen wohnte, führte 1675 beim Tode von Herzog Ernst dem Frommen in Gotha das Pferd des Leichenzuges.

Im anhaltinischen Zeitz und in Berlin konnten Bilder der Wechmarer Familie von Volgstädt entdeckt werden, die Jürgen Thieme aus Zeitz freundlicher Weise erstmals einer öffentlichen Präsentation zugänglich machte. Anna Margarethe aus dem Hause von Ziegler in Ingersleben, heiratete im 18. Jahrhundert nach Wechmar, zuerst war es der Erbherr von Berga, als dieser starb folgte der Erbherr von Volgstädt. Die großen Ölgemälde, insbesondere von der schönen Anna Margaretha und ihrem Gatten Friedrich Wilhelm von Volgstädt werden erstmals in dieser Ausstellung zu bestaunen sein.

Die Stiftung Schloss Friedenstein zu Gotha ermöglicht den Besuch des ersten Menschen von Wechmar, dessen spektakulärer Schädel eigentlich zu den krönenden Ausstellungshöhepunkten im Gothaer Museum für Regionalgeschichte und Volkskunde gehört. Der 3.600 Jahre alte Schädel mit zwei Operationsöffnungen wird erstmalig außerhalb der Räume des Schlosses Friedenstein zu besichtigen sein.

Dass, dem Ehepaar Johanne Friedericke und Julius Roth, einmal eine besondere Bedeutung zukommen wird, das hat sich der Maler von zwei Ölgemälden im Jahre 1859 sicherlich nicht gedacht. Der bisher unbekannte Maler zeichnete das wohlhabende bäuerliche Ehepaar in ihren Festtagstrachten und lieferte somit das älteste Wechmarer Trachtenbildnis – zwei ganz besondere Kostbarkeiten, die erkennen lassen, wie original getreu die Mitglieder des Wechmarer Heimatvereins seit 1994 ihre originalen Trachten restaurieren lassen.

In der Mitte der Ausstellungshalle entdecken die Besucher eine alte Gruftplatte, die den Wechmarer Pfarrer Melchior Mengewein (1576-1630) als ertastbares Bildnis zeigt. Er starb 1630, ruhte in der alten Wechmarer Kirche und musste 1843 dem Neubau der Kirche weichen. Seine Grabplatte zerschlug man und legte eine Hälfte davon als Abdeckplatte auf die Klogruben in der alten Schule. Dort entdeckte sie am 6.April 2004 das Ehepaar Renate und Elmar von Kolson, der Wechmarer Heimatverein ließ sie restaurieren und nun wird sie erstmals öffentlich in einer Ausstellung gezeigt. Melchior Mengewein stiftete 1621 mit seinem Bruder Bernhard eine Glocke, die noch heute auf dem Turm der Wechmarer Sankt Viti Kirche hängt und wohl zu den ältesten Kirchenglocken des Gothaer Landes zählt.

Er war es auch, der 1618 mit der Führung der Wechmarer Kirchenbücher begann und dem die internationale Bachforschung, die Todeseinträge der Stammväter der Musikerfamilie Bach, Veit und Hans Bach, verdankt.

Natürlich darf in Wechmar keine Geschichtsausstellung stattfinden, in der nicht der Familie Bach ein besonderer Platz eingeräumt wird. Der Wechmarer Heimatverein gibt der Familie, für deren Häuser und Geschichte er sich seit 1982 verantwortlich fühlt, dieses Mal einen ganz besonderen Platz. Was bisher undenkbar war, geschieht in der neuen Exposition. Von den Wechmarer Mitgliedern der Familie Bach ist bisher nur ein Bild bekannt, dass den Spielmann Hans Bach zeigen soll. Sowohl von Veit Bach, wie auch von den Mitgliedern der Familie um Johann Sebastian Bachs Ohrdrufer Bruder Christoph, die in Wechmar lebten, sind nur Schattenbilder (Silhouetten) von der Hand des Johann Anton Gottfried Wechmars bekannt.

Mit der Wechmarer Ausstellung ändert sich dieser Zustand. Die Ausstellungsmacher haben von der Gothaer Künstlerin Nathalie Schmidt, anhand der Beschreibung Johann Sebastian Bachs ein Bild des in der Obermühle auf dem Cythringen spielenden Bäckers Veit Bach fertigen lassen.

Noch spektakulärer sind die Bilder von Ernst Christian Bach und seiner Ehefrau Johanna Dorothea Luise Bach geb. Mäder, vom Kantor Ernst Carl Gottfried Bach und seinem Sohn dem Superintendenten Ernst Carl Christian Bach, sowie vom Pfarrer Philip Christian Bach und seiner Ehefrau Johanne Christiane Elisabeth Bach geb. Wechmar – Bilder einer Weltpremiere. Vorlage für die farbigen Zeichnungen waren schwarze Scherenschnitte.

Der 1866 gegründete Turnverein Gut Heil kann im Jahr 2011 auf sein 145jähriges Bestehen zurückblicken, mit der Würdigung des Mitbegründers des Vereins August Rosenbaum erhält der Turnverein eine außergewöhnliche Wertschätzung.

Mit der Persönlichkeit von Rosenbaum wird auch die Fahne des Wechmarer Kriegervereins von 1871, die fast siebzig Jahre auf dem Boden der Wechmarer Kirche schlummerte, erstmals ausgestellt.

Wie schwer die Arbeit eines Frisörs in Wechmar von 1928 bis 1953 war, das spürt der Ausstellungsbesucher, der sich auf einen der zwei Frisierstühle setzen darf, der einmal eine Brennschere für die Locken der Damen in den Händen hält oder einfach die Geschichte liest, die über Wilhelm Johann Adam Rath erzählt wird, jenen Mann, der die Damenkaltwelle nach Wechmar brachte und der Hunde so liebte, das er einen zur Rasur eingeseiften Kunden schnell einmal vergessen konnte.

Das Jahr 1945 war sicherlich ein Wendepunkt in der deutschen Geschichte und bescherte der heute lebenden Generation mehr als sechs Jahrzehnte Frieden. Als am 1. Oktober 1945 der Schulunterricht nach den längsten Ferien des 20.Jahrhunderts wieder begann, war ein neues Schulfach auf der Tagesordnung – das Erlernen der russischen Sprache. Da es keine Lehrer gab, die dieses Schulfach lehren konnten, holte man in Wechmar die „Babuschka“, eine 63jährige Frau, die jungen Menschen eine neue, vielen sogar verhasste Sprache lernen sollte. Elisabeth von Creytz war die erste Lehrerin der russischen Sprache im Gothaer Land, auch sie wird erstmals mit einem Beitrag in der aussagestarken und eindrucksvollen Ausstellung „Wechmar - Adel, Bach und fleißige Bürger“ gewürdigt.

Die Ausstellung wird bis zum 30. Oktober 2011 zu sehen sein und die hoffentlich viele Besucher ins Landhaus Studnitz ziehen.
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