STASI – ein Teil deutscher Geschichte

  Die Möglichkeit, von Mitmenschen, Nachbarn und vielleicht sogar Freunden, ja Familienmitgliedern bespitzelt zu werden, war für viele Bürger der DDR fast schon etwas Alltägliches. Jeder Bericht, der über eine bestimmte Person von einem Spitzel geschrieben wurde, ist in einer Akte abgelegt worden. Im Gebäude der ehemaligen Staatssicherheitsbehörde (STASI) in der Erfurter Andreasstraße ist heute eine eindrucksvolle Gedenkstätte eingerichtet. Im Sozialkundeunterricht besuchten die Schüler der 10. Klasse unserer Schule am 18. März 2015 diese Gedenk- und Bildungsstätte sowie die Stasiunterlagenbehörde auf dem Petersberg in Erfurt. Wir bearbeiteten vier verschiedene Stationen klassenweise.
Meine Klasse begann mit der Quellenarbeit in der ehemaligen Haftanstalt in der Andreasstraße. Bei dieser Station wurden uns Kopien der Originalakten von Dr. Günter Heinzel, der uns am folgenden Tag zum Zeitzeugengespräch gemeinsam mit seiner Frau zur Verfügung stehen sollte, vorgelegt. Die Akten wurden in Form einer Lerntheke präsentiert – jeder Leser konnte sich im Aktenplan orientieren und sich die Schriftstücke aussuchen, die ihm am interessantesten erschienen. In den Stasiakten ist Günter Heinzel als Verbrecher dargestellt. Seinem ersten erfolglosen Fluchtversuch in den Westen im Jahre 1965 folgten Haft, ein erneuter, diesmal erfolgreicher Fluchtversuch und die Ausschleusung seiner damaligen Freundin und heutigen Frau. Wir bereiteten Fragen vor, die wir am nächsten Tag den Zeitzeugen stellen konnten. Es hat uns sehr interessiert, wie sie die Einschätzungen der Stasi empfanden und empfinden. Wir hatten übrigens auch die Möglichkeit, uns mit einer Täterakte eines ehemaligen Lehrers der Arnoldischule zu beschäftigen.
Danach machten wir eine Führung durch die Haftanstalt in der Andreasstraße mit Frau Mayer. Hierbei besichtigten wir die original erhaltenen Haftzellen im ehemaligen Männertrakt. Außerdem wurden wir durch die Ausstellung in der Etage des ehemaligen Frauentraktes geführt. Wir bekamen einen guten Einblick in das tägliche Leben von politischen Häftlingen in der DDR.
In der nächsten Unterrichtseinheit besichtigten wir das Archiv der Stasiakten auf dem Petersberg. Hier wurde uns der Aufbau von Akten und die Funktion und Verwendung von Decknamen erklärt. Außerdem hat ein Mitarbeiter uns anschaulich beschrieben, wie man 1989 versuchte, die Akten zu vernichten.
Im letzten Projektbaustein sahen wir einen Film über einen Antragsteller, der Akteneinsicht beantragt hatte. Im Anschluss konnten wir Einblicke in weitere Originalakten nehmen und uns eine Ausstellung über die Bespitzelungstechniken des Stasi ansehen.
Am 19. März 2015 hatten die 10. Klassen dann ein Zeitzeugengespräch mit Herr Dr. Günter Heinzel und seiner Frau Eva Heinzel. Hierbei konnten die am Vortag erarbeiteten Fragen gestellt werden. Beide berichteten anschaulich über das Leben in der DDR und später in der BRD. Wir konnten gut nachvollziehen, wie und warum sie aus der DDR geflohen sind. Dr. Heinzel berichtete uns auch über seine Schulzeit an der damaligen EOS Arnoldi. Die Unterdrückung seines Strebens nach freiem Denken hat letztlich zu seinem Entschluss geführt, die DDR zu verlassen.
Der Vergleich der Sicht der Stasi auf einen Menschen und sein Umfeld mit dessen Sicht auf das Geschehene war sehr spannend.
Zwei Deutschkursen der 11. Klasse stand Herr Dr. Heinzel übrigens bereits am Vortag zu einer Lesung seiner Kurzgeschichte „BARKAS“, einer Geschichte über Haftbedingungen in der DDR, zur Verfügung. Diese Schüler hatten ihn bereits im Vorjahr als Zeitzeuge erlebt.
Unser besonderer Dank gilt dem Landratsamt Gotha, dem Verein der Freunde und Förderer der Arnoldischule, der Außenstelle Erfurt des Beauftragten für die Unterlage des Staatsicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße und natürlich Dr. Heinzel und seiner Frau für das sehr informative Zeitzeugengespräch und die Lesung.

Sarah Brock, Clemens Festag
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige