Total ossifiziert

Wann? 15.02.2012 19:45 Uhr

Wo? Stadtbiliothek "Heinrich Heine", Friedrichstraße 6, 99867 Gotha DE
„Klar bin ich eine Ost-Frau“ heißt das Buch, das Autorin Martina Rellin am 15. Februar in Gotha vorstellt. (Foto: Martina Rellin)
 
Das Buch von Martina Rellin: „Klar bin ich eine Ost-Frau! Frauen erzählen aus dem richtigen Leben.“ (Foto: Martina Rellin)
Gotha: Stadtbiliothek "Heinrich Heine" | Erfolgsautorin Martina Rellin, die ehemalige Chefredakteurin der Zeitschrift „Das Magazin“, stellt in Gotha ein Buch vor, das als Taschenbuch schon fast ein moderner Klassiker ist. Nun liegt es wieder als gebundenes Buch vor, neu gestaltet, neu gedruckt. Mit AA-Redakteur Michael Steinfeld sprach die Autorin über starke Ostfrauen.

„Klar bin ich eine Ost-Frau!“ heißt Ihr Buch, für dessen Neuauflage sie extra einen eigenen Verlag gegründet haben.. Aber Sie sind doch eine Hamburgerin?
Falsch. Ich bin in Hamburg geboren. Ich bin mittlerweile 49 Jahre alt und habe die Hälfte meines Lebens in Berlin verbracht. Und das sind 80 Prozent meines denkenden Lebens. Ich bin Berlinerin durch und durch.

Aber eine Ostfrau sind Sie nicht?
Ost-Frauen sind im Osten aufgewachsen, haben also die DDR miterlebt. Also bin ich keine Ostfrau. Ein Kollege vom Magazin sagte immer den schönen Satz: „Du bist total ossifiziert.“ Das empfand ich durchaus als Kompliment. Im Übrigen: In dem Buch erzählen 14 Frauen – nicht ich!

Die F.A.Z bezeichnete Sie sogar als Wostalgikerin. Das ist „eine Westdeutsche, die im Osten Überreste einer Ideal-Gesellschaft zu erkennen glaubt“.
Die F.A.Z.-Rezensentin meinte, dieses Wort sei nach der Wende gebräuchlich gewesen – aber kein Mensch kennt es! Und auf mich bezogen wäre es inhaltlich auch völlig falsch. Wostalgiker sollen ewig gestrige Wessis sein, die die DDR zurück haben wollen? Diese Definition ist Schwachsinn hoch drei. Und so ein Mensch bin ich ganz bestimmt nicht.

Was sind Sie denn für ein Mensch?
Ich finde, dass wir zu Wendezeiten große Fehler gemacht haben. Wir hatten ja zwei deutsche Staaten, und wir haben nicht geguckt, wenn wir aus zwei Staaten einen daraus machen wollen: Was ist gut und was ist schlecht? Was machen wir jetzt anders? Wir haben stattdessen ein Drittel der Bevölkerung eingepasst in das schon bestehende System. Dabei hätte es sehr gute Beispiele gegeben, wo man darüber hätte nachdenken können: Welche Dinge sind in der alten Bundesrepublik verbesserungsfähig?

Zum Beispiel?
Da fällt mir als erstes das Gesundheitssystem ein. Also nicht, dass die Leute im Westen kranker waren als in der DDR. Aber es war damals schon so, dass die Finanzierung des Gesundheitssystems aus dem letzten Loch pfiff. Da hätte man ja mal gucken können: Wie hat die DDR das Gesundheitswesen organisiert? Wie funktioniert das mit den Polykliniken? Müssen jetzt alle Ärzte in die Niederlassungen gedrängt werden? Wenn man heute mit Ärzten aus dem Osten spricht, die beide Systeme vergleichen können, verdrehen viele die Augen und sagen: Ja, das ist heute ganz furchtbar, dass ich ein Drittel meiner Zeit für Verwaltung und Rechte aufwenden muss. Früher habe ich mich 100 Prozent meiner Zeit um die Patienten gekümmert. Da leiden viele Ärzte sehr.

Oder das Schulsystem: Jedes Bundesland entscheidet alleine, wie es mit den Schülern und mit den Eltern umgehen möchte. Auf der anderen Seite wird erwartet, dass die Menschen mobil sind. Dass sie problemlos von Thüringen nach Hamburg umziehen können. Das können sie aber nicht, wenn sie schulpflichtige Kinder haben. Da prallen immer die unterschiedlichsten Schulabläufe aufeinander. Bis heute gibt es sehr, sehr viel Kritik daran. Da hätte man vielleicht auch mal 89 / 90 gucken können: Wie ist das eigentlich in der DDR organisiert? Wie ist es in der Bundesrepublik organisiert? Wie machen wir das künftig? Nicht einfach sagen: Wir fahren denselben Stiefel wie im Westen. Dieses einfache Schwarz-Weiß, das eine ist gut, das andere schlecht, dass man Dinge von Vornherein angeblich weiß, das finde ich immer sehr verdächtig.

Treiben Sie mit Ihrem Buch mehr als 20 Jahre nach der Wende nicht wieder einen Keil zwischen Ost und West?
Das Buch treibt bestimmt keinen Keil in irgendetwas. Es ist eine Bestandsaufnahme von Befindlichkeiten, von Erfahrungen. Fragen Sie Menschen im Osten, ob Ost / West noch ein Thema ist, dass sagen 90 Prozent: „Ja, ist es.“ Und fragen Sie jemanden in Baden-Württemberg, der sagt zu ihnen: „Wie? Was meinen Sie damit?“ Für Menschen in Baden-Württemberg sind wir hier in Sachsen, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern oder Berlin fast Sibirien. Das ist ganz weit weg. Die orientieren sich nach Westen, nach Paris.

Ich bin keine Missionarin, will also mit meinen Büchern den Leserinnen nicht irgend eine Meinung aufdrängen, ich bin Chronistin: ich halte fest, was Menschen denken, wie sie leben, wie sie fühlen - das alles in ihrer eigenen Sprache. Nach der Wende konnte man tatsächlich in Zeitungen lesen: „Ostfrauen sind die Verliererinnen der Einheit.“ Na hören Sie mal – wenn in Regionen, in denen es vor der Wende eine hohe Frauen-Erwerbstätigenquote gab, ganze Industrien wegbrechen, dann haben Sie schwuppdiwupp eine hohe Arbeitslosigkeit unter Frauen Ich hatte aber keinesfalls das Gefühl, dass Ost-Frauen mir als Verliererinnen begegneten. Im Gegenteil: Die krempelten die Ärmel hoch und machten und taten – und das noch mit Humor. Da musste ich mal was gerade rücken.

Der Titel Ihres Buches klingt trotzig.
Der Titel ist selbstbewusst und erklärt etwas. Dieser Satz steht ja in einem Zusammenhang. Ich hörte diesen Satz von einer Ärztin, die unmittelbar nach der Wende mit ihrem Mann, der auch Arzt ist, in den Westen gegangen ist. Die beiden hatten sich innerhalb kürzester Zeit etabliert. Sie waren schnell mit allen Dingen des gehobenen Weststandards gesegnet, also Haus, Ferienwohnung, Kinder auf Privatschulen, zwei Autos. Diese Ärztin sagte: „Natürlich möchte ich meinen Kindern vermitteln, dass es Dinge gibt, die wichtiger sind als Geld oder Ansehen. Das sind Dinge, die ich vermisse: Man hat im Westen weniger Zeit für Freunde und Familie. Ich will aber, dass dies meinen Kindern nicht verloren geht.“ Und dann sagte sie diesen schönen Satz: „Das ist bei mir eben so, denn klar bin ich eine Ost-Frau.“

Ostdeutsche sind geselliger?
Familie und Freunde haben im Westen nicht mehr die Bedeutung wie im Osten. Das merken Sie zum Beispiel bei Familienfeiern. Im Westen der 70er-Jahre wurden fröhlich-große Feste gefeiert, silberne und goldene Hochzeiten. Das hat stark abgenommen. Im Osten ist das Feiern immer noch gang und gäbe. Man ist im Osten insgesamt geselliger und bringt lockerer Leute zusammen. Im Westen wird mehr überlegt: „Passen die jetzt zusammen?“ Da wirkt noch etwas fort, es war ja in der DDR nicht unüblich, dass der Hochschullehrer mit dem Elektriker befreundet war. Und warum war er das? Weil sie sich gut verstanden haben, weil sie gleiche Interessen hatten, weil sie Nachbarn waren, weil sie schon zusammen zur Schule gegangen sind. Und warum war das so gut möglich? Ihre Gehaltsklassen waren kaum auseinander. Das ist im heutigen System auch anders.

Stützen sich diese Aussagen auf wissenschaftliche Untersuchungen oder nur auf persönliche Erfahrungen?
Das sind persönliche Erfahrungen, aber sicher finden Sie auch wissenschaftliche Untersuchungen dazu.

Haben Sie noch ein Beispiel, wo sich West und Ost bis heute sehr unterscheiden – ob nun persönlich oder wissenschaftlich erforscht?
Ja, wir haben im Westen zum Beispiel den ganz klaren Schnitt zwischen Frauen, die arbeiten und Kinder haben, und Frauen, die zu Hause bleiben und ihre Kinder betreuen. In irgendwelchen ländlichen Gegenden in Schleswig-Holstein ist es Frauen kaum möglich, kleine Kinder zu haben und zu arbeiten. Weil sie gar keine Betreuung für ihre Kinder finden. Weil die Frau möglicherweise auch die einzige in ihrem Dorf ist, die diesen Wunsch überhaupt hat. Im kleinen Ort in Mecklenburg-Vorpommern sieht das ganz anders aus. Da wird eine Frau, die ein kleines Kind hat, arbeiten wollen. Und diese Frau wird auch kein schlechtes Gewissen dabei haben, ihr Kind betreuen zu lassen. Denn sie selbst war auch im Kindergarten, und nie hat sie das Gefühl gehabt, dass ihre Mutter deswegen eine Rabenmutter war. Im Osten ist das kein Thema. Im Westen ist diese Rabenmutter-Frage durchaus debattenfähig.

Dafür ist es im Osten doch genau anders herum: Da wird von Herdprämie gesprochen. Da gilt die Mutter, die ihr Kind nicht gleich in den Kindergarten gibt, fast als Rabenmutter – weil sie ihr Kind nicht sozialisiert.
Wir haben doch eine Tendenz zu Einzelkindern. Mein Sohn ist auch Einzelkind. Ich bin sehr froh, dass er – als er klein war – im Kindergarten war. Weil er dort den Umgang mit anderen kleinen Kindern lernte.

Sie haben die Lebensgeschichten von 14 Frauen festgehalten. Gibt es eine, die Sie am meisten bewegt hat?
Jede Geschichte für sich hat ihren Reiz, ist auf ihre Weise interessant. Ich habe gestaunt, was für kluge Sätze, was für Alltagswahrheiten die Frauen gesprochen haben. Mir gefällt da sehr, sehr viel.

Eine Ost-Bäurin klagt: „Im Westen sind viele zu faul zum Arbeiten“. Sprechen Ihnen die Frauen mit solchen Aussagen aus dem Herzen?
Jetzt zitieren Sie schon wieder die F.A.Z., das ist nicht ungefährlich, denn: So einen Satz darf man nicht aus dem Zusammenhang reißen. Der Satz geht weiter: „Wenn es darum geht, etwas Neues anzufangen, wird im Westen erst einmal gefragt: Was bringt das und was kostet das? Wenn ich so gedacht hätte, als ich anfing, dann hätte ich heute nicht einen funktionierenden Bio-Bauernhof.“ Dieses Probieren und einfach Anfangen ist im Osten nach der Wende ganz weit verbreitet gewesen. Oft natürlich zwangsweise – wenn es im alten Beruf nicht mehr ging, musste etwas Neues her.

Ihr Buch wurde auch auf die Theaterbühne gebracht.
Die Texte sind zum Vorlesen wunderbar geeignet. Schauspielerinnen haben ja noch andere Möglichkeiten als ich in meinen Lesungen. Was ich besonders toll fand: Es waren am Premierenabend drei Frauen aus dem Buch im Publikum. Wo gibt es so etwas sonst: Frauen auf der Bühne spielen das Leben der Zuschauerinnen? Ich hatte Tränen in den Augen, weil es so schön war. Für die Schauspielerinnen muss es belastend gewesen sein: Nicht nur, dass die Autorin im Saal war, da saßen auch noch die Originale. Es war höchst lebendig und beeindruckend – und am Ende lagen sich alle in den Armen, wirklich.


TERMIN
• „Klar bin ich eine Ost-Frau! Frauen erzählen aus dem richtigen Leben“, Lesung mit der Autorin und ehemaligen „Das Magazin“-Chefredakteurin Martina Rellin
• Termin: Mittwoch, 15. Februar, 19.45 Uhr, Stadtbibliothek „Heinrich Heine, Friedrichstraße 6, Gotha
• Karten: Stadtbibliothek sowie Tourist-Information
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10 Kommentare
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Jürgen Wesiger aus Nordhausen | 01.02.2012 | 10:17  
7.498
Johannes Leichsenring aus Hermsdorf | 01.02.2012 | 11:39  
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Karin Jordanland aus Artern | 01.02.2012 | 12:19  
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Silke Dokter aus Erfurt | 03.02.2012 | 17:55  
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Renate Jung aus Erfurt | 04.02.2012 | 15:08  
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Silke Dokter aus Erfurt | 04.02.2012 | 17:46  
Michael Steinfeld aus Erfurt | 10.02.2012 | 12:24  
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