Vertrauen ist schön

Schnell und mit einem lauten Knall schob Astrid die Schublade wieder zu. Das kleine Sideboard, in dem ihr Mann seine Socken und anderen Kram aufbewahrt, wackelt bedenklich. Sie sank auf den Fußboden und holte erst mal tief Luft. Sollte sie die Schublade nochmals aufziehen - herein schauen - in der Hoffnung, was sie eben gesehen hatte, wäre dann weg? Oder sollte sie all ihre jahrzehntelangen Prinzipien über den Haufen werfen und genauer hinsehen? Schon als sie sich vor gefühlten hundert Jahren kennenlernten, waren sie sich einig, immer offen zueinander zu sein - niemals den anderen zu kontrollieren und unabdingbares Vertrauen zueinander zu entwickeln und auch zu pflegen. Dies war ihnen auch in all den Jahren auf wundersame Weise gelungen. Wenn sie hörten, dass es in anderen Ehen an der Tagesordnung war, mal einen Blick in das Handy des Partners zu werfen, so sträubte sich ihnen das Nackenhaar. Und niemals wäre einer von ihnen beiden auf die Idee gekommen in Taschen oder Schränken zu wühlen. Wonach hätten sie denn auch gesucht?
Und heute hatte Astrid die Sockenschublade geöffnet, um sich ein paar besonders dicke Socken zu mopsen. Sie war förmlich erstarrt- als sich im Schubfach etwas befand, was sie dort nicht vermutet hatte.
Also saß sie wie ein Häufchen Unglück auf dem Fußboden und sah selbst im geschlossenen Schrank dieses kleine Bündel Briefe vor sich. Obenauf sogar einer in rosa - wie geschmacklos. Das ganze Bündel war liebevoll umwickelt mit einer glänzenden Schleife. Immer wieder überlegte sie, was sie tun sollte. Sollte sie wirklich diese - vielleicht das Ende einer sehr harmonischen Beziehung bergende Schublade, aufziehen und den Dingen auf den Grund gehen? Alles in ihr sträubte sich dagegen - sie wollte ihm einfach weiterhin vertrauen - diesem Mann an ihrer Seite. Mit dem fast jeder Tag mit einem Lächeln begann und auch wieder aufhörte. Der sie immer noch so anschaut wie vor vielen Jahren - mit diesem Blitzen in den dunklen Augen.
Aber was bedeuten diese Briefe?
Astrid erschrak als die Terassentür geöffnet wurde und er laut nach ihr rief - damit sie ihm schon mal die Brötchen abnehme. Wie eine Marionette und mit einem eingefrorenem Lächeln erledigte sie alle Handgriffe, die sonst so ein geliebtes Ritual an einem Sonntagmorgen waren. Der gedeckte Tisch sah aus wie immer, der Kaffee schmeckte wie immer und es duftete auch wie immer. Der Orangensaft war genauso gut gekühlt wie immer und die lustigen Eierwärmer saßen wie immer vorwitzig auf den Eierbechern. Nur in Astrid war nichts mehr wie immer. Sie versuchte ihren Mann unauffällig zu mustern - nach Anzeichen zu suchen. Aber wie sollten denn solche aussehen? Er benutzte kein anderes Parfum - er hatte seinen modischen Stil nicht verändert, seine Stimme hatte keinen anderen Klang als sonst, auch sein Lächeln erschien ihr wie immer. Ihr fiel sogar auf, dass er sie etwas besorgt musterte - so wie er sie anschaute, wenn sie krank war.
Lustlos hob Astrid die Kaffeetasse an, schlürfte von dem heißen Getränk. Aus dem Radio kam eine leise Melodie. Ohne seinem durchdringenden Blick von ihr zu nehmen köpfte Norbert sein Ei. „Reichst du mir bitte das Salz“, fragte er. Humorvoller Spruch
Astrid brauchte einen Moment, ehe sie begriff, was ihr Mann von ihr wollte. Sie reichte den Salzstreuer über den Tisch, beeilte sich aber ihre Hand zurückzuziehen. Verwundert schaute Norbert auf Astrids Hand und sie schob sie unter den Tisch. Sie versuchte seinem Blick auszuweichen. …
Irgendwann erkundigte sich Norbert, was heute mit ihr los sei - warum sie so traurige Augen habe.
Astrid schaute direkt in seine Augen und fragte ob er sich wirklich nichts denken könne. Erstaunt schaute er sie an - als sie wortlos einen ihrer Füße hochhielt an dem eine seiner dicken Arbeitssocken rumschlotterte. Auf das Erstaunen erfolgte ein verständnisloser Blick - er fragte, was seine Arbeitssocken mit meinem Zustand zu tun hätten - schließlich sollten sie ja wohl ihrer Füße wärmen und sie nicht traurig machen.
Kopfschüttel, Wut stieg in ihr hoch. Und plötzlich sah sie es in seinem Blick. Er wußte, was sie gefunden hatte, schlagartig war ihm eingefallen, was seine Sockenschublade verbarg.
Astrid schaute ihn an wie gelähmt und erwartete nun tausend Entschuldigungen, Ausreden - und alles, was man so darüber je gehört hatte - was in solchen Situationen passiert... Stattdessen nahm er sie an die Hand und zog sie ins Schlafzimmer - störrisch wie ein Esel folgte sie ihm. Er öffnete die Schublade und nahm dieses Bündel heraus – sie hielt sich die Augen zu - wollte dieses eklige rosa nicht sehen... Wie durch einen Schleier vernahm sie seine Stimme. Er erzählte von einer unglaublichen Frau, die ihm diese Briefe schrieb. Es wäre schon lange her - er sei damals zur Kur gefahren und er hätte sich zum ersten Mal für längere Zeit von ihr trennen müssen. Stur wollte sie sich die Ohren zuhalten - sie wollte nix weiter von dieser Frau wissen...
Astrid hörte es knistern und sah wie in Zeitlupe - dass er genau diesen rosa Brief nahm und ihn in ihre Richtung hielt – sie wich zurück...
Wie von ferne hörte sie ihn sagen - dass dies sein Lieblingsbrief sei - denn dieser würde selbst heute - nach so vielen Jahren noch immer den Duft dieser geliebten Frau haben. Und dann hielt er ihr den Brief dicht vor meine Nase. Was sie dort wahrnahm - versetzte sie in ungläubiges Erstaunen - denn sie roch - wenn auch ganz schwach - ihr eigenes Lieblingsparfum. Und er erzählte, dass er diese Briefe immer im Dienst, in seinem Schreibtisch hatte, all die Jahre. Beim Aufräumen hatte er sie nun mit nach Hause gebracht - wo sie auch hingehören würden. Früher habe ihn die Angst, dass sie ihn für albern und melancholisch halten würde, davon abgehalten sie ganz offensichtlich aufzubewahren...
Mit einem lauten Plumps fiel Astrid ein großer Stein von ihrer Seele und sie schaute Norbert zärtlich an - diesen Mann der nach so vielen Jahren immer noch für eine Überraschung gut war. Und sie schämte sich - für das in ihr aufgekeimte Misstrauen - welches er so gar nicht verdient hatte.
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2 Kommentare
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Hannelore Grünler aus Artern | 20.09.2013 | 01:06  
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Uwe Zerbst aus Gotha | 22.10.2013 | 21:23  
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