Wandern, atmen, kneippen

Friedrichroda: Heilklimapark | Zweimal pro Woche führt Klimatherapeutin Bettina Stötzer in Friedrichroda Gruppen mehrere Stunden durch den Wald:

FRIEDRICHSRODA. Sie sind das schon sehnsüchtig erwartete Zwischenziel der kleinen Wandergruppe: die Liegen, die auf einer drehbaren und teilweise überdachten Holzplattform im warmen Sonnenschein stehen und zum Ausruhen einladen. „Machen Sie es sich bequem. Wer mag, kann auch noch eine zweite Decke haben“, sagt Bettina Stötzer. „Jetzt haben Sie eine halbe Stunde absolute Ruhe.“

Stötzer arbeitet bei der Touristinformation Friedrichroda, darf sich seit 2007 Klimatherapeutin nennen und führt regelmäßig Heilklimawanderungen. Zweimal pro Woche, erzählt sie, geht es dabei auf verschiedenen Routen mehrere Stunden durch den Wald. Ein Teil der Strecke führt durch das Heilklima des staatlich anerkannten Kurortes Finsterbergen, einem Ortsteil von Friedrichroda. Dabei wird nicht nur gegangen. Es stehen während der Wanderung auch Dehn- und Atemübungen, die Messung der Hauttemperatur, Kneipen und ähnliches auf dem Programm.

 Worum es dabei geht: „Der Aufenthalt im Wald ist immer gesund“, sagt Stötzers Chef, Friedrichrodas Kurdirektor Hagen Schierz. Und das gilt umso mehr, da die Luft besonders in Finsterbergen sehr rein, also kaum von Schadstoffen belastet ist. Deshalb hat die Bewegung dort einen therapeutischen Charakter. Für welche Krankheitsbilder das gelten soll, da wollen sich allerdings weder Schierz noch Stötzer festlegen.

 Klingt alles ein bisschen esoterisch? Mag sein. Doch Schierz und Stötzer verweisen darauf, dass die Wirksamkeit des Heilklimas von Finsterbergen sowie auch das Konzept der heilklimatischen Wanderungen durch wissenschaftliche Studien belegbar sei. Und: Auch in Mecklenburg-Vorpommern gibt es ernsthafte Anstrengungen, den Wald nicht nur zu Erholungszwecken, sondern auch zur Heilung zu nutzen. Dort wird die Idee „Heilwald“ genant. Freilich, so heißt es auch von dort, sei das alles wissenschaftlich nachweisbar.

 Mit der Novellierung des entsprechenden Landeswaldgesetzes 2011 wurde der Begriff Heilwald in den Gesetzestext aufgenommen, sagt Bernhard von Finckenstein, der bei der Landesforstanstalt Mecklenburg-Vorpommern federführend mit dem Thema befasst ist. Zwar ändert man den Wald nicht und verleiht ihm keine übernatürlichen Kräfte, nur weil man ihn von nun an Heilwald nennt, räumt er ein. Doch bietet die Ausweisung von bestimmten Arealen als Heilwälder die Möglichkeit, zum Beispiel den Holzeinschlag oder das Mountainbiken zu untersagen oder stark einzuschränken, damit Kranke einen Rückzugsraum finden. Denkbar ist dies zum Beispiel in unmittelbarer Umgebung von Kurkliniken. 2013 oder 2014, sagt er, sollten die ersten Heilwälder ausgewiesen werden.

 Dass damit ein Wettlauf um Heilsamkeit suchende Touristen einsetzen könnte, davon wollen weder von Finckenstein noch Stötzer oder Schierz etwas wissen. Auch wenn der Kurdirektor sagt: „Das, was sich hinter dem Heilwald-Konzept verbirgt, ist für einen heilklimatischen Kurort schon lange Alltagsgeschäft.“

 Von Finckenstein spricht lieber von einem Erfahrungsaustausch, den es zwischen all jenen geben müsse, die die therapeutische Kraft des Waldes nutzten. Und auch Schierz und Stötzer spielen eine etwaige Konkurrenz um Besucher herunter. Wer im Flachland durch den Wald wandert, hat ganz andere Zielvorstellungen als jemand, der ins Mittelgebirge kommt, sagen sie. Wichtig ist doch, dass sich die Menschen durch die Bewegung an der frischen, reinen Luft besser fühlten. Egal wo. Stötzer: „Da, wo sie sich besser gefühlt haben, dahin kommen sie wieder.“

HINWEIS: Die kleine Stadt Friedrich­roda gehört nach den Zahlen des Thüringer Landesamtes für Statistik zu den beliebtesten Zielen von Touristen, die in den Freistaat kommen. Gemessen an der Zahl der Übernachtungen im Jahr 2011 belegt Friedrichroda Platz vier. Im vergangenen Jahr kam die Stadt auf mehr als 377 000 Übernachtungen. Wie viele Touristen ­eigens wegen des Heil­klimas im Stadtteil Finsterbergen nach Friedrichroda kommen, kann Kurdirektor Hagen Schierz nicht exakt beziffern. Aber er ist sich sicher: „Dass Finsterbergen seit 2003 ein staatlich anerkannter heilklimatischer Kurort ist, ist für den Tourismus bei uns sehr wichtig.“
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