Wie das Lütschedorf verschwand: Der „Lütscheschulze“ erstmals als Open Air in Gräfenroda

Die Lütscher kämpfen verzweifelt um ihre Heimat. (Foto: Christoph Vogel)
Gräfenroda: Alte Lache | Durch die geöffnete Kirchentür in Frankenhain dringt Gezeter. Ein Mann, der sich als Forstmeister ausgibt, bezichtigt zwei Frauen mit einem Handwagen dem Holzdiebstahl. Sie wehren sich, denn allein die Not der treibt sie zu dieser Tat. Der mitfühlende Grünrock lässt sie wieder einmal laufen. Die Szene klappt, die gehobene Axt blitzt kurz im Scheinwerferlicht auf. Die Regisseurin zeigt sich zufrieden. Weiter geht es im Text, denn in den zwei Stunden Probe pro Woche ist nicht viel Zeit und der Durchlauf für das Theaterstück „Der letzte Schulze von der Lütsche“ muss klappen. Alle Akteure der Theatergruppe Frankenhain sind hochkonzentriert und fast vollständig textsicher – auch bei den großen Monologen. Bei kleinen Hängern hilft die Souffleuse sofort aus.

Vom Wald wechselt die Szene in die armselige Schenke in der Lütsche. Der sogenannte „Übersiedlungsagent“ treibt hier ein böses, verräterisches Spiel. Der neue Schulze versucht mit allen legalen Mitteln das Lütschedorf über viele Jahre noch zu retten und wird doch am Ende selbst zum Opfer. Auf der Bühne geht es dabei oftmals turbulent zu. „Es gibt Häuser, ein Mühlrad, einen echten Rehbock, echte Waffen, alte Kostüme und in der Waldschenke wird Dünnbier ausgeschenkt“, verrät eine Darstellerin.

Die Proben laufen momentan wieder auf Hochtouren, fünf ausverkaufte Vorstellungen gab es seit 2008. 50 Jahre wurde das Stück des Heimatdichters Julius Kober nicht aufgeführt. Am 8. Juli zeigt die Theatergruppe das eng mit ihrer Heimat verbundene Stück erstmals außerhalb von Frankenhain - in Gräfenroda auf der Bühne in der Alten Lache im Rahmen der 725 Jahrfeier des Ortes.

Termin: 8. Juli, 19 Uhr, Bühne Alte Lache Gräfenroda, Theaterstück "Der letzte Schulze von der Lütsche", Karten an der Abendkasse erhältlich


Hintergrund:

Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit: 1849 kann das Lütschedorf seine 128 Seelen nicht ernähren. Die Männer arbeiten als Steinbrecher, die Kinder graben mit den Fingern die kleinen unreifen Kartoffeln aus, um den größten Hunger zu stillen. Schuhe und Wäsche sind Luxus, die Hütten verpfändet. Nachts werden bei Kienrußbeleuchtung Haushaltsgegenstände aus Holz angefertigt. Herzog Ernst II. schickt seine Forstmeister aus, um die Wildbestände vor den hungernden Lütschern zu schützen. Intrigen und Ränkespiele führen zum Konflikt mit der Gothaischen Regierung. 1864 lässt der Herzog das Dorf schleifen. Heute erinnert nur noch eine große Wiese im Lütschegrund daran, dass sich hier einst das Dorf befunden hatte.
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Renate Jung aus Erfurt | 24.06.2015 | 20:05  
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