Wie viel mensch ... ? Gedanken und Briefe aus dem Jahr 1989

  Die öffentliche Erinnerungsmaschine läuft auf vollen Touren. Fernsehen, Radio, Zeitungen – alle Medien überschlagen sich bei dem Versuch, die letzten Tage der DDR, die Wendezeit, im kollektiven Gedächtnis der Deutschen wieder ein wenig in den Vordergrund zu rücken.
Aber wie bringt man Jugendlichen eine Zeit wirklich nachvollziehbar näher, die schon Jahre zurück lag, als sie geboren wurden?
Eine gelungene Antwort auf diese Frage konnte man am 05.11.2014 in der Turnhalle der Staatlichen Regelschule „Am Rennsteig“ in Tambach-Dietharz erleben.
„Wie viel mensch ...“, so lautet der Titel des Ein-Personen Stücks des Gothaer Autors Mathias Wienecke, das vor Schülern der 9. Und 10. Klassen zur Aufführung kam und die turbulenten Tage der Wende in Gotha lebendig werden lässt. Im Vorfeld der Aufführung haben wir als Lehrer bereits im Unterricht versucht, die Schüler für diese Thematik zu sensibilisieren
Im Mittelpunkt des eigentlichen Stückes steht die fiktive Figur Micha, verkörpert von dem 32-jährigen Weimarer Schauspieler Martin Bertram, die im Wendejahr 1989 Briefe an Verwandte und Freunde schreibt. Dabei spannt sich der zeitliche Bogen von April bis Dezember 1989.
Der Zuschauer erlebt zunächst einen hoch emotionalen aber ratlosen Menschen, dessen Schwester von einer Westreise nicht mehr zurückkehrte. Um sich seiner eigenen Gedanken und Gefühle zu vergewissern, schreibt er Briefe an die räumlich so ferne Schwester.
Er klagt an, verlangt nach Antworten. Aber die Inhalte der Briefe und Gedanken wandeln sich schnell. Man merkt: Hier will einer in einer von Ängsten und Hoffnungen geprägten Existenz Veränderungen erreichen. Hier möchte einer gestalten und nicht nur in vorgegebenen und ungeliebten Bahnen dahinleben.
Und dies alles vor dem Hintergrund eines Landes, eines Systems, das in rasantem Tempo seinem Untergang entgegen taumelt.
Ein Kalender, der eine zentrale Rolle im spartanischen Bühnenbild spielt, verortet die wichtigsten Ereignisse der Handlung.
So werden die entscheidenden Etappen der Wende in Gotha noch einmal lebendig: Wahlbetrug bei den Kommunalwahlen, erste Demonstrationen in der 18. März-Straße und auf dem Hauptmarkt, Maueröffnung, Besetzung der Stasi-Kreisstelle u.u.u.
Das emotionale Spiel Bertrams und die kluge Inszenierung des Erfurter Regisseurs C.W.Olafson lassen keine Sekunde Langeweile aufkommen. Auf diese Weise erhalten die Schüler und Schülerinnen eine Geschichtslektion und gleichzeitig eine Lehrstunde über Zivilcourage, die kein Geschichtsunterricht in solcher Eindringlichkeit leisten kann. So folgten die Zuschauer dem Geschehen auf der Bühne gebannt und der lang anhaltende Beifall am Ende des Stücks zeigte, in welch großem Maße man das junge Publikum erreicht hatte.
Die Veranstaltung mündete in eine Podiumsdiskussion, bei der der Autor Mathias Wienecke und der ebenfalls an den Bürgerprotesten des Herbstes 1989 in Gotha beteiligte stellvertretende Schulleiter Frank Sikorski zu Wort kamen.
Die beiden Zeitzeugen berichteten äußerst emotional über ihre Erlebnisse in den Gothaer Wendetagen. Immer wieder warfen sie sich die Erinnerungsbälle zu, so dass auch dieser abschließende Programmpunkt für das jugendliche Publikum interessant blieb.
Abschließend machte Matthias Wienecke deutlich, dass es ihm eine Herzensangelegenheit ist, Kindern und Jugendlichen Wissen über die Wendezeit und die zu Recht untergegangene DDR zu vermitteln. Er betonte aber auch, dass gesellschaftliches Engagement und Zivilcourage heute genauso wichtig sind wie 1989.
Am Ende der Veranstaltung konnte man an den Reaktionen der Schüler und Schülerinnen erkennen, dass der Versuch, ihnen die Gefühle und Gedanken der Menschen in den Wendetagen des Jahres 1989 näher zu bringen, gelungen ist.

M. Hofmann
(Lehrer für Deutsch und Geschichte)
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