Das Gebiss in der Dachrinne

Nicht selten gibt es schlimme Dnge, denen man auch eine andere Seite abgewinnen kann und sollte. Mitunter ist dadurch die Sicht deutlicher. Ich möchte es hier mit der Krankheit „Alzheimer“ versuchen – wohl wissend, dass sie den Erkrankten belastet und den Betreuern alles abverlangt, was allzu oft unterschätzt wird.
____________

Zuerst war ich verwundert, als die ältere Dame ständig von einer Handtasche in eine andere umpackte. Und bald darauf wieder alles zurück.
Freunden einen Besuch zusagen und dann doch nicht gehen. Am liebsten die eigenen vier Wände nicht verlassen. Einkäufe delegieren und sich ständig damit entschuldigen, dass noch viel für die Sauberkeit der Wohnung zu tun sei.
Fehlt etwas auf dem Frühstückstisch, wird der Erkrankte alle hart ansprechen, doch endlich ihre Aufgaben ordentlich zu erfüllen und nicht immer alles zu vergessen
Das alles sind deutliche Anzeichen für Alzheimer. Man kann sie nicht früh genug erkennen, sollte sie ernst nehmen und auf jeden Fall die Initiative ergreifen, medizinische Untersuchung und Bewertung zu bekommen. Der Erkrankte wird sich sträuben und alle Gründe (er)finden, „in Ruhe gelassen zu werden“.

Doch es gibt auch Schmunzelmomente!
(1) Stadtbummel
Beim Besuch der älteren Dame im Pflegeheim, erzählte sie, dass sie wieder einen schönen Stadtbummel gemacht habe, das herrliche Wetter ausnutzend und sich über die meist freundlichen Verkäuferinnen freuend.
Erschrecken meinerseits, dass man im Heim nicht darauf achtet, wenn Insassen einfach "mal in die Stadt gehen"!
Doch Halt! Ich sollte mal zeitiger wiederkommen und solchen Stadtbummel begleiten! Als ich kam, sah ich, dass die ältere Dame mit ihren drei Handtaschen in den Gängen der Etage hin und her lief. Später sprach sie von einem erneut sehr schönen Stadtbummel.

(2) Fremde Männer im Bett
Erschrocken war ich, als die ältere Dame aufgelöst davon berichtete, dass sie wieder fremde Männer aus ihrem Bett rauswerfen musste, die offensichtlich wohl Alzheimer hätten.
Als ich sie anderntags wieder nur beobachtend besuchte, traute ich meinen Augen kaum: Sie ging durch den Gang und verschwand in einem Zimmer, aus dem bald darauf ein verstörter wie entrüsteter Mann kam. Dann kam die Dame auch und ging kurz darauf in ein weiteres fremdes Zimmer, aus dem – schon erwartet! – der Insasse wieder „flüchtete“. Aber immernoch war sie später der Meinung, leider erneut fremde Männer aus „ihrem Bett“ geschmissen zu haben.

(3) Gebiss in der Dachrinne
Die ältere Dame wohnte eine Weile im Dachgeschoss des Pflegeheimes.
Als ich sie besuchte, stellte ich fest, dass sie so komisch sprach. Das untere Gebißteil war weg! Wo? Sie wusste es nicht. Das Personal klärte mich auf, dass sie es auch den ganzen Vormittag nicht wussten, wo dieses Teil abgekommen war, bis es eine Schwester in der Dachrinne entdeckte. Der Hausmeister sei schon informiert, wüsste aber momentan auch nicht so recht, wie er „das Ding bergen“ könne.
Daraufhin schaute ich mir die Sache an und sah kaum etwa 3 Zähne unter einer Dachrinnenabdeckung links hervorgucken. Als ich die Schwester bat, mir einen Spazierstock und eine große und lange Suppenkelle zu bringen, sah ich in ein deutlich verständnisloses Gesicht.
Dann zog ich mit dem Spazierstoch das Gebissteil in den Nahbereich und schaufelte es anschließend mit dem Griff auf/in die Suppenkelle. Beihnahe wäre das Teil über den Dachrinnenrand 3 Strockwerke tief gefallen.
Schließlich war das Teil geborgen, gesäubert und passte zum Erstaunen der älteren Dame wunderbar in ihren Mund.
Erleichterndes Lächeln auch in den Gesichtern der Schwestern.

Bleibt vielleicht die Frage, wie das Gebiss in die Dachrinne kam?
Die Dame hatte es herausgenommen und gesäubert, mit dem Handtuch getrocknet, dieses dann gedankenverloren aus dem Fenster ausgeschüttelt - und da rutschte es dann in die Dachrinne.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige