Das Quäntchen zur Genialität: Der Gothaer Fotostammtisch setzt in Zeiten der Selfie-Manie und der „Gefällt mir“-Klickerei einen Gegentrend

Etwa ein Dutzend Aktive des Gothaer Fotostammtischs kommt ­monatlich zusammen, meist in der Kneipe „The Londoner“. Der nächste Termin ist der 27. Februar. (Foto: Christian Bomberg)
 
Die Mitglieder des Fotostammtischs nehmen wieder in den Fokus, was heutzutage zum Hintergrund verkümmert. (Foto: Björn Trautmann)
 
Heute hält sich jeder selbst für das beste Motiv. Dieses Bild ist endlich mal kein Selfie. (Foto: Björn Trautmann)
Gotha: Londoner, Schlachthofbühne |

In ihrem Leben waren Fotos schon immer digital. Sie haben nie Bilder in einer Dunkelkammer entwickelt. Tagelang auf die Abzüge zu warten oder Filme, auf die nur 36 Fotos passten – für Christian Bomberg und Björn Trautmann sind dies nur verschwommene Kindheits­erinnerungen.

Die beiden gehören zu den Gründern des Gothaer Fotostammtischs. Etwa ein Dutzend Aktive kommt seit rund einem halben Jahr ­monatlich zusammen, meist in der Kneipe „The Londoner“. Die lockere Facebookgruppe hat keine Vereinsstatuten, keinen Vorstand und keinen Mitgliedsbeitrag. Was sie gemein haben, ist die Lust am Fotografieren. „Einige haben sich gerade erst eine Kamera gekauft. Andere besitzen eine Ausstattung im Wert von 20 000 Euro und arbeiten als Hochzeits- oder Pressefotograf“, erläutert Stammtischler Björn Trautmann, der sich seit 2012 intensiv der Fotografie widmet.

Ob Laie oder Experte – jeder ist hier willkommen. „Für die Anfänger ist das geballte Wissen am Tisch von Vorteil, weil sie viel lernen können“, weiß Christian Bomberg, der neben seinem Studium unter anderem Sportfotos für ­Gothas Basketballprofis schießt. Für die einen ist Fotografieren reines Hobby. Manche arbeiten im Journalismus. Andere sind gelernte Grafiker, die genau wissen, wie man ein Bild bearbeitet, aber nicht, wie es entsteht. Die Profis wiederum nutzen das Netzwerk, um sich mit Kollegen über Berufsaufträge auszutauschen. „Es ist ein Geben und Nehmen“, sagt Bomberg.

Der Fotostammtisch setzt einen Gegenpol in einer Zeit, in der die Welt immer mehr auf Armlänge zusammenschrumpft. Die Mitglieder nehmen wieder in den Fokus, was heutzutage zum Hintergrund verkümmert. Zwar hat im Selfie-Universum fast jeder eine Kamera dabei und schießt mehr Fotos als je zuvor – am Ende hält sich aber doch jeder selbst für das beste Motiv.

Bomberg schockt diese Entwicklung nicht: „Ich finde es sogar ganz lustig und grundsätzlich gut, wenn die Leute ständig Fotos machen. Dadurch werden viele ­Momente eingefangen.“ Er weiß, dass der Fotostammtisch dennoch seine Berechtigung hat. „Der Einstieg in die Fotografie ist leicht: Jeder macht heutzutage sehr schnell sehr schöne Fotos. Aber das letzte Quäntchen, das zum genialen Bild fehlt – dafür braucht man oft Jahre.“ Zeit, die nicht jeder investieren möchte.

„Ehrgeiz gehört dazu“, bestätigt Trautmann. „Ich habe mich dahintergeklemmt, mich belesen und andere Leute gefragt. Ich steigere mich von Monat zu Monat.“ Sein Ehrgeiz ist sogar ein bisschen zu groß. „Manchmal könnte ich mir selbst einen Kinnhaken geben. Dann sehe ich ein zwei Jahre altes Foto von mir und finde es so schrecklich.“

Die Faszination fürs Fotografieren hat bei beiden verschiedene Gründe. Für Trautmann, der gerne einmal eine Frau im Regen als Schwarz-Weiß-Bild ablichten würde, ist ein Foto manchmal wie ein Gemälde: „Das richtige Motiv und die richtige Kompensation zu finden, ist ein schwerer Weg. Wir leben in einer schnelllebigen Zeit, werden von Informationen überflutet. Mit den Fotos erschaffen wir etwas, das man nicht jeden Tag sieht.“

Bomberg ist eher ein Jäger von Momenten: „Wenn ich abdrücke und weiß: Ich habe ein geiles Bild. Das ist fast wie ein Rausch, etwas ganz Besonderes.“ Mit seinen Fotos möchte er die Emotionen und Erinnerungen konservieren.

Christian Bomberg: "Wenn die Queen nach Gotha kommt, stehe ich in der ersten Reihe und halte ihr das Objektiv – wenn nötig – direkt in die Nase."


Bei ihren Treffen diskutieren die Stammtischler ihre Bilder, wie sie aufgenommen, wie sie bearbeitet wurden. Björn Trautmann schätzt die Kritik: „Viele publizieren auf Facebook oder auf Fotocommunities ihre Werke. Aber gerade im Internet erhält man keine ehrlichen Meinungen.“ Bomberg fügt hinzu: „Ein »Gefällt mir« dauert ein paar Millisekunden. Aber sich wirklich zu überlegen: Was genau gefällt mir, interessiert oder stört mich an diesem Bild? Dies in Worte zu fassen und wiederzugeben, dauert einfach viel länger. Diese Zeit, die man sich dafür nimmt, ist viel mehr wert.“

Vor zu harter Kritik muss niemand Angst haben. „Kein Hobbyfotograf sollte sich mit einem Profi vergleichen“, sagt Trautmann. „Nicht jeder hat auch die gleichen Möglichkeiten“, ergänzt Bomberg. „Ich bin bei den Heimspielen der Oettinger Rockets direkt am Spielfeldrand und kann ganz andere Bilder erzielen als jemand aus dem Publikum.“ Aber auch die Erfahrung und die Ausstattung machen den Unterschied. „Wir passen die Kritik entsprechend an. Und schließlich lernt man nur aus Fehlern.“

Das erlangte Wissen durch den Erfahrungsaustausch kostet nichts. „Die Preise für Fotografie-Workshops sind meist horrend“, ärgert sich Bomberg. „Wir haben uns daher gefragt: Warum sollten wir Profit daraus schlagen? Wir wollen lieber anderen helfen.“ In diesem Jahr ist ein Einsteiger-Workshop ebenso geplant wie ein Kurs zur Bildbearbeitung am Computer. Zu Fotoausflügen brechen die Stammtischler ebenso auf, wollen bald Autos in den Fokus nehmen. Auch eine Foto-Ausstellung reizt die ­Gruppe, die gerne das kulturelle Angebot der Residenzstadt bereichern würde.

Kontakt

www.facebook.com/GTHFotostammtisch


Tipps von den "Stammtischbrüdern"


So werfen Sie sich auf einem Foto gekonnt in Pose:


• Immer an die Haltung denken: Selbstbewusst stehen, Schultern zurück, Brust raus, Bauch rein. Am besten nicht frontal, sondern etwas eingedreht stehen. Wer nicht weiß, wohin mit den Armen: ruhig verschränken oder in die Seite stützen.

• Lächeln will gekonnt sein. Das bedeutet nicht, den Mund zuzupressen. Lieber die Lippen einen kleinen Spalt öffnen, das sorgt für einen lockeren Gesichtsausdruck.

• Die besten Posingprofis sind die Prominenten auf dem roten Teppich. Von ihnen lassen sich Mimik und Gestik in den Promizeitschriften abschauen.

• Wer die Augen aufreißt, sieht aus wie ein Reh im Scheinwerferlicht, kurz bevor es umgefahren wird. Besser ist es, die Augen leicht zuzukneifen.

• Schlupflieder oder eine ungleiche Nase? Schwächen, die einen selbst stören, fallen anderen gar nicht unbedingt auf.


Tipps für gelungene Fotos:

• Wer jemanden porträtiert, sollte zwischen den Fotos keine langen Pausen aufkommen lassen und sie mit einem lockeren Gespräch ausfüllen. Am schlimmsten ist es, wenn der Fotograf unentwegt nach jedem Foto auf den Bildschirm seiner Kamera blickt und möglicherweise noch das Gesicht verzieht, weil er mit dem eigenen Bild unzufrieden ist.

• Nicht verwirren lassen: Viele Faustregeln wie „Bei Nacht, Blende 8“ kommen noch aus der Analogzeit und sind mittlerweile hinfällig.

• Die tollste Pose kann nur gekünstelt und gestellt wirken. Bieten Sie den Fotografierten also eine natürliche Umgebung, in der sie sich nicht verstellen können und ihre wahre Persönlichkeit zeigen. Oft hilft ein Vorgespräch, um den Porträtierten kennenzulernen. Und keine Sorge: Oft sind die ersten Fotos nicht zu gebrauchen und nur für den Papierkorb. Dies ist ganz normal, bis sich beide quasi aufgewärmt haben.

• Die Kamera und die Technik dahinter muss der Fotograf beherrschen, vor allem wenn er innerhalb von Sekunden reagieren muss. Also: Wie ist das Licht? Welche Blende, welcher ISO-Wert bieten sich an? Wann sollte geblitzt werden?

• Lieber im RAW-Format fotografieren, also im Rohdatenformat. So schießt man das rohe Bild, das quasi erst noch entwickelt werden muss. Ein JPEG ist im Vergleich wie ein Polaroid.

• Immer die Perspektive wechseln, zum Beispiel auf die Leiter steigen oder auf den Boden legen und Motive suchen, die man nicht jeden Tag sieht.

• Die Linienführung beachten. Das Auge sucht ganz automatisch nach Ordnungs- und Orientierungspunkten im Bild. Die Linien, wie sie beispielsweise durch die Natur oder Architektur vorgegeben werden, lenken den Blick meist auf das Wesentliche. Immer versuchen, die Symmetrie in den Dingen zu sehen, damit zu spielen und experimentierfreudig zu sein.

• Wer Ideen zur Fotografie sucht, kann sich auch bei Kunstwerken oder im Kino eine Menge abschauen.
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4 Kommentare
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Renate Jung aus Erfurt | 10.02.2015 | 21:55  
231
Gernot Harnisch aus Gotha | 11.02.2015 | 10:09  
9.688
Hannelore Grünler aus Artern | 14.02.2015 | 13:23  
6
Dieter Dr. Schitky aus Gotha | 23.02.2015 | 10:19  
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