Der Öko-Künstler-Ingenieur: Philosoph und Weltverbesserer Thomas Johannes Drolshagen schafft Kunstwerke, die auch noch Strom erzeugen

Thomas Johannes Drolshagen wartet sein Kunstobjekt "Seelenturbine". Seine Objekte sind immer in Bewegung - wie auch der Künstler selbst.
 
Wind im Haar, Sonne im Gesicht - ThoJoh Drolshagen lebt im Einklang mit Mutter Natur.
 
In diesem Mini-Amphitheater lädt ThoJoh Drolshagen unter anderem zu philosophischen Symposien ein.
Drei Gleichen: Thomas Drolshagen |

Sein ganzes Leben passt in einen alten Bauwagen, als Thomas Johannes (ThoJoh) Drolshagen im Jahr 2006 nach Thüringen kommt. Ein Herbststurm tobt, als er ihn mit seinem roten Traktor entlang der Serpentinstraßen durch den Harz zieht. 22 Stunden benötigt er im Schleichtempo von Rostock nach Cobstädt.

Irgendwie kommt er durch. Und er kommt an im kleinen Ortsteil der Gemeinde Drei Gleichen. Hier hat der heimatlose Rumtreiber eine Basisstation gefunden, wie er es nennt. "Das war mein letztes Abenteuer", sagt er. Doch er schummelt. Der Künstler, Freigeist und Weltverbesserer hat noch viel vor.

Cobstädt liegt nicht weit von Landstraße und Autobahn entfernt. Doch wer im alten Dorfkern ankommt, wähnt sich in einer anderen Welt. ThoJoh Drolshagen steht auf einem Feld. Der Wind zerzaust ihm das Haar. Sein Pulli, seine Hosen - ganz offensichtlich dürfen sie bei der Arbeit in der Natur ruhig dreckig werden. Wer die Kunst von Drolshagen verstehen will, muss sein Lebensumfeld verstehen.

Idyllische Öko-Insel


Stolz zeigt er in alle Richtungen - auf das, was die Gemeinschaft hier in zehn Jahren auf rund zwölf Hektar geschaffen hat. Die befreundeten Familien, im Verein "LebensGut Cobstädt" vereint, widmen sich der Biodiversität und Nachhaltigkeit. Sperrige Begriffe. Gemeint ist damit, die Vielfalt von Mutter Natur zu schützen, zu fördern und zu erhalten. Auf dieser idyllischen Öko-Insel gibt es eine Baumschule, eine Gärtnerei, eine Schmiede, eine Imkerei, eine Backstube, eine Wirtschaftsküche und eine Käserei. Es gibt sogar ein kleines Amphitheater, ein Steinstufenkreis, in dem philosophische Symposien stattfinden.

Die Vereinsmitglieder halten Ziegen, Hühner, Schafe und Ponys. Vieles läuft ohne Geld, nur auf ideeller Basis. Geht es nicht anders, werden Spenden oder Fördergelder gesucht. Drolshagen sinniert: "Die Sinnhaftigkeit des Tuns wird immer durch das Kapital beschränkt." Die neueste Initiative ist ein Obstraritätenpfad, der entlang des Jakobweges führt. 1000 Bäume mit bedrohten Obstsorten werden ihn flankieren. "Das ist europaweit einzigartig", schwärmt Drolshagen. "Wenn ich nur eine Apfelsorte habe, hängt sie mir zum Hals raus. Aber es gibt Hunderte verschiedene." Für die Bäume können Patenschaften übernommen und verschenkt werden.

"Die eigene Möhre schmeckt einfach anders!"


Viele Jahre dauerte es, den kargen Boden wieder fruchtbar zu machen. Auf den Feldern wachsen jetzt Kräuter und Heilpflanzen sowie beinahe ausgestorbene Weintrauben, Getreide- und Gemüsesorten. "Alles, was der Rettung bedarf", fasst Drolshagen zusammen. Ein Stück des Beets kann jeder Interessierte selbst pachten und bepflanzen. "Die eigene Möhre schmeckt einfach anders", weiß der kauzige Künstler. Das Wissen zum Ökoanbau wird in Seminaren oder auch mal auf Zuruf vermittelt.

Überall zwischen Beeten und Gewächshäusern stehen die Werke des Künstlers ThoJoh Drolshagen. Seine Kunst passt perfekt zum ökologischen Gedanken, der hier alles durchzieht. Es ist die Nähe zur Schöpfung, die er hier erlebt. Ein Beispiel: "Wa-Pu-Co" heißt eines seiner Objekte, das am Rande des Feldes steht. Hier quellt das Wasser aus dem Boden. Drolshagen errichtete einen Wasserturm, der zehn Kubikmeter für die trockenen Tage speichert. Und um das Wasser in den Turm zu pumpen, baute er die Wasser-Pumpe Cobstädt (Wa-Pu-CO). Sein Objekt ist ein Kunstwerk, das Strom produziert.

Das Konstrukt mit seinen drei Flügeln erinnert nur schwach an eine Windkraftanlage. "Das ist kein 0815-Spargel, der zwar sicherlich wirksamer und wirtschaftlicher den Strom generiert", sagt Drolshagen, "Allerdings geht dabei die Ästhetik verloren. Wichtiger ist auch die Dankbarkeit, dass uns die Natur die Energie kostenlos zur Verfügung stellt."

Vom Ingenieur zum Künstler


Der Wahlthüringer gerät ins Philosophieren, spricht über Energiekrisen, den Klimawandel, die unnötigen Kriege um fossile Brennstoffe, über die Monopolmachtstellung einzelner Firmen, "die versuchen, die ganze Welt im Griff zu haben" - sogar über die Entstehung des Lebens. Manchmal verheddert er sich so in seinen Gedanken, dass er vergisst, wie seine Sätze begonnen haben. Aber eins ist ihm in Sachen Energie und Natur glasklar: "Wir müssen eine andere Lösung finden."

Künstler wollte Drolshagen schon immer werden. Sein Lebensweg ist ein anderer: "An der Kunsthochschule wollte mich keiner, weil ich zu progressiv war." Stattdessen wird er also Wirtschaftsingenieur. Erst berät er für die Handwerkskammer Unternehmen in Rostock. Dann macht er sich selbstständig, um die Welt mit regenerativer Energie zu verbessern. Sein Resümee: "Es war ein Tropfen auf dem heißen Stein. Aber wenigstens war ich dabei."

Ende der 90er-Jahre ereilt ihn dann die schwarze Phase seiner Lebens: Seine Tochter stirbt, seine Beziehung scheitert, sein Unternehmen geht in die Insolvenz. Burn-out, Filmriss. Dann der Neuanfang: Auf Spaniens Frühlingsinsel Teneriffa findet er in der Finca eines Freundes Unterschlupf und hört die Geschichte über zwei verfeindete Bürgermeisterkandidaten. Diese Fehde inspiriert Drolshagen zu einem Kunstwerk, dem Schmetterlingsdrachenbaum. Jetzt ist der Ingenieur auch Künstler.

Wie im alten Job skizziert er erst seine Objekte, baut Modelle im Maßstab 1:10. Er kennt sich aus mit Festigkeit, Biege- und Drehmomenten, kombiniert verschiedene Motoren. Und doch weiß er: "Man kann nicht alles berechnen. Interessant wird es, wenn man an die Grenzen der Sicherheit gerät. Alles ändert sich, nichts bleibt, wie es ist. Sicherheit gibt Ruhe und Zufriedenheit, aber auch Langeweile. Der Mensch lernt nur aus Fehlern."

Das Genie beherrscht das Chaos.


Drolshagen verbindet sein technisches Wissen und seinen spielerischen Drang. Er mag den Kontrast zwischen Holz und Metall, experimentiert gern mit Materialien. Sein Atelier ist eine Mischung aus Schreinerei und Schmiede, vor allem aber ist es absolut aufgeräumt. Das Genie beherrscht das Chaos.

Kunst und Energie nennt er seine "kinetischen Skulpturen", die sich - wie der Name schon sagt - alle bewegen. Seine Kunst hat zugleich eine Funktion. "Doch die künstlerische Aussage steht im Vordergrund", sagt er. Drei Dimensionen sind ihm bei der Arbeit nicht genug: Energie und Zeit sind die beiden anderen. Denn: "Ohne Zeit stände der Raum still. Der bewegte Raum bedeutet also Zeit. Und das funktioniert nicht ohne Energie."

Wird es ihm zu stressig, zieht er sich wie einst TV-Öko Peter Lustig in seinen Bauwagen zurück. Dann denkt Drolshagen über die Kunst nach oder über Nachhaltigkeit. Dabei passt der Blick in die Zukunft der Natur doch gar nicht zu seinem kurzweiligen, unsteten Leben. Er zuckt mit den Schultern: "Diese Paradoxie des Lebens sollte man gelten lassen."


HINTERGRUND
• Kontakt: www.seelenobjekte.de, www.lebensgut-cobstaedt.de
• Symposion zu dem Thema "Kunst und Energie" mit ThoJo Dorlshagen, 15. bis 18. August
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1 Kommentar
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Gabriele Wetzel aus Zeulenroda-Triebes | 11.06.2014 | 10:12  
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