Der Schlossgeist: Wolf Christoph Zorn von Plobsheim geistert ruhelos über seiner ehemaligen Gruft und erzählt Gothaer Stadtgeschichte aus der Sicht eines Barockgespenstes

Vor rund 300 Jahren lebte Wolf Christoph Zorn von Plobsheim auf Schloss Friedenstein. Heute spukt er hier.
 
Unverkennbar ist der untote Adelige ein Mann des Barocks.
Gotha: Schloss Friedenstein |

Ein Geist spukt durch Gotha – nicht nur in diesen Tagen vor Halloween.

Doch keine Angst, dieses Gespenst hat Manieren und stellt sich standesgemäß vor: „Mein Name ist Wolf Christoph Zorn von Plobsheim, meines durchlauchtigsten Fürsten und Herren oberster Baudirektor, Schlosshauptmann des Friedenstein und Generalmajor.“ Vor rund 300 Jahren lebte der Beamte auf Schloss Friedenstein. Doch leider wurde direkt über dem Friedhof, auf dem er begraben liegt, die Arnoldischule gebaut. Seither geistert er ruhelos über seiner ehemaligen Gruft, wo heute die Räume der fünften und sechsten Klasse liegen.

Unverkennbar ist der untote Adelige ein Mann des Barocks. Auf dem Leib trägt er die Kleidung, in der er damals starb, samt Kniebundhosen mit weißen Strümpfen, rotem Wams und Allongeperücke auf dem Haupt. Nur das Gesicht ist nicht etwa so blass, weil es weiß getüncht wurde. „Das kam erst nach meiner Zeit in Mode, im Rokoko. Ich bin so weiß, weil ich tot bin.“

In der Verkleidung steckt Stephan Freitag. Der Literaturwissenschaftler und Kulturhistoriker ist seit rund zwei Jahren als Stadtführer unterwegs. Auch ohne Kostüm führt er die Gruppen durch Gotha, Schloss Friedenstein, den Schlosspark, das Herzogliche Museum und die Kasematten. Doch die Zeit des Barocks hat es dem 35-Jährigen besonders angetan. „Im Barock war der ganze Tag ein hochdurchdachtes und bis ins Feinste gestaltetes Spiel auf hohem Niveau. Man hat das Leben nicht allzu ernst genommen.“ Zudem erlebte Gotha damals einen kulturellen Höhepunkt. „Hier war die höchste Blüte des Barocks.“ Als Beispiel nennt er die Orangerie. „Der letzte Rest der barocken Gartenkunst. Wir hatten früher riesige Gärten. Es gab sogar einen Kanal, auf dem man mit der Gondel umherfahren konnte.“

Freitags Rolle ist keine Erfindung. „Heute ist von Plobsheim relativ unbekannt. Obwohl er ein recht bedeutender Barockarchitekt in Mitteldeutschland war. Ich versuche, seinen Namen in Ehren zu halten.“ So erfährt der Besucher der besonderen Stadtführung nicht nur Geistergeschichten. Es geht vor allem um die Stadtgeschichte vom 16. bis zum 19. Jahrhundert. „Aber immer aus der Sicht eines Barockgespenstes.“ Die Geisterstunde ist ihm dabei völlig schnuppe. „Wir halten uns nicht mehr an diese alte Regel“, schlüpft Freitag wieder in seine Rolle. „Da ohnehin kaum noch jemand an uns glaubt, ist es völlig gleich, wann wir uns den Leuten zeigen.“

Wir, damit meint er seine Geisterfreunde wie die weiße Frau von Schloss Friedenstein. Zu Lebzeiten war sie die Mutter von Ernst dem Frommen, dem Erbauer des Schlosses. Der Sage nach geschieht jedem Lebenden, der sie erblickt, ein Unglück. Eine zweite weiße Frau lebt auf Schloss Tenneberg in Waltershausen. Die Hochstaplerin gab sich als englische Adelige aus, wurde aber entlarvt und bis zum Tode eingekerkert.

Gar nicht beliebt im Gespenster-Kollektiv ist der Poltergeist. Von Plobsheim klärt auf: „Er ist immer schlecht gelaunt, treibt nur Unsinn und ist relativ dumm.“ Doktor Faustus persönlich zauberte den Poltergeist aus Rache in ein Gasthaus. Der Wirt hatte ihn zuvor aus dem Schankraum geworfen, weil er dessen Tochter im betrunkenen Kopf schöne Augen gemacht hatte.

Auch wenn von Plobsheim seit seinem Tod 1721 aus dem Rennen ist, bleibt er immer noch ein genauer Beobachter und ärgert sich beispielsweise über den heutigen Lärm der Blechkisten, die so gar nichts gemein haben mit den vornehmen Kutschen seiner Zeit. „Apropos Kutsche: Die muss ich jetzt besteigen, denn in Weimar erwartet mich eine hübsche Hofdame - natürlich nur zum illustren Literatursalon, versteht sich.“ So spricht von Plobsheim und verschwindet elegant mitten durch die Mauer von Schloss Friedenstein.



Hintergrund:

- Wolf Christoph Zorn von Plobsheim (1665 – 1721) war unter Friedrich II. ein Gothaer Barock-Architekt. Unter anderem baute er Schloss Friedenstahl in Gotha, den Festsaal auf Schloss Tenneberg und die Stadtkirche in Waltershausen mit der größten Barockorgel des Freistaats.

- Zu buchen sind die Stadtführungen von Stephan Freitag über die Gothaer Touristinformation: Telefon 03621/50785712

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