"Die Geschichte meines Selbstmords: und wie ich das Leben wiederfand"

  Viktor Staudt sprach über seinen Suizidversuch und seine zweites Leben:

Die Stille im Bürgersaal des Historischen Rathauses lässt sich nicht greifen – das Thema für Außenstehende nur schwer begreifen: Suizid.

Viktor Staudt fährt durch die Stuhlreihen. Er hebt sich aus seinem Rollstuhl und setzt sich scheinbar schwerelos auf einen Tisch im Präsidium. Seine leeren Hosenbeine schiebt er unter seine Beinstümpfe. Ergebnis eines Suzidversuchs – er hatte sich vor einen Zug geworfen. Die gut 60 Besucher verfolgen gebannt jeden seiner Handgriffe. Dann beginnt er zu erzählen, in nahezu perfektem deutsch, für einen Holländer nicht leicht. „Manche sagen, meine Stimme klingt fast wie die von Rudi Carrell. Manche sagen aber auch, ich spreche ein bisschen wie Linda de Mol“, nimmt er sich selbst auf die Schippe, während er seine Geschichte erzählt. Eine Geschichte, die auch die von jedem anderen der rund 200.000 Menschen sein kann, die jedes Jahr einen Suizidversuch unternehmen.

Im Rahmen der Woche der seelischen Gesundheit des sozialpsychiatrischen Dienstes fand nach dem Erfolg im vergangenen Jahr auch jetzt wieder eine Lesung statt. Aktuelles Thema: Suizid und Suizidprävention. In ihren einleitenden Worten machte Dr. Karin Kästner, Leiterin des sozialpsychiatrischen Dienstes in Gotha, an Hand von erschütternden Zahlen auf die Dringlichkeit des Themas aufmerksam. „In Deutschland nimmt sich alle 45 Minuten ein Mensch das Leben, alle 4 Minuten gibt es einen Suizidversuch. Jedes Jahr sterben mehr Menschen durch Selbsttötung als durch Drogen, AIDS und Verkehrsunfälle zusammen.“ Nur allein im Landkreis Gotha gab es im Jahr 2014 21 Suizide und 23 versuchte Suizide. Im laufenden Jahr schieden im Wirkungsbereich des sozialpsychiatrischen Dienstes Gotha schon 23 Menschen durch eigene Hand aus dem Leben, elf Versuche endeten nicht mit dem Tot.
„Heute kann ich darüber sprechen, meine Geschichte erzählen“, sagt Viktor Staudt, der als Kind Schriftsteller werden wollte. Ironie des Schicksals, dass er heute aus seinem eigenen Buch liest und aus seinem Leben erzählt. Es ist die bewegende Geschichte des Mannes, der in seinem Leben keinen Ausweg mehr fand. Es war jung und ehrgeizig, trieb Sport und liebte seinen Job. Ein ganz normales Leben, wären da nicht immer diese Ängste. Ängste zu versagen, die Ohnmacht etwas nicht zu schaffen, die Minderwertigkeitsgefühle.

„Angefangen hat es aus heutiger Sicht schon in der Grundschule. Eines Tages sagten meine Lehrer zu meiner Mutter, ich könne nicht lachen – ich wäre zu ernst. Da hat sich meine Depression zum ersten Mal gemeldet. Ich stellte mir immer vor, dass in der Schule die Welt schwarz/weiß und draußen farbig ist. Wahrscheinlich lag das auch am Leistungsdruck. Für mich war dieser Zustand normal. Mit dem Abitur begann ich zu stottern. Ohnmächtig und hilflos suchte ich Trost in mir selbst und in der Dunkelheit. Hier fand ich Ruhe, in dem ich mich in die Ecke setzte und den Kopf zwischen die Knie nahm“, erzählt Viktor Staudt mit fester Stimme und fesselt jeder einzelnen der Besucher. „Heute weiß ich, dass ich unter der Borderline-Persönlichkeitsstörung litt.

Über viele Jahre hat Viktor erzählt, er hätte einen Motorradunfall gehabt, hat aus Angst, abgewiesen werden, nicht zu sich und seiner Geschichte gestanden. Erst nach dem Freitod von Robert Enke und dem Suizid eines bekannten niederländischen Schauspielers fasste er den Mut, seine Geschichte aufzuschreiben. Mit seinem Buch möchte er zum Gespräch anregen, möchte, dass das Thema aktuell bleibt, möchte Betroffene und Angehörige aber auch Außenstehende zum Nachdenken animieren.
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