Die Sperlich-Zwillinge aus Gotha-Sundhausen zieht es fast täglich in die Kirche

Manfred (vorn) und Siegfried Sperlich an der kleinen Orgel in der St.-Nikolai-Kirche in Gotha-Sundhausen. Manfred hat diese Orgel selbst gebaut.
 
Manchmal haut Manfred auch auf die Pauke.
Gotha: St. Nikolai Kirche | Das ist wirklich eine ganz schöne Liebhaberei: Die 81-jährigen Zwillinge Manfred und Siegfried Sperlich sind mit der Kirche in Gotha-Sundhausen sozusagen verwachsen und bringen sich dort seit Jahrzehnten ein.


Jeden Sonntag in die Kirche, überpünktlich. Ohne Orgelspieler kann die Predigt schließlich nicht beginnen. „Das war nicht immer einfach, als junger Mann mit Anfang 20 hast du manchmal ganz andere Sachen im Kopf.“ Manfred Sperlich lächelt verschmitzt. Heute ist er 81. Und immer noch der, der die Orgel spielt. „Da gewöhnst du dich halt dran in 60 Jahren!“ Es ist nicht nur das Orgelspiel, das ihn so oft den Weg in die St-Nikolai-Kirche von Gotha-Sundhausen finden lässt. Ein wenig ist es so, als haben er und sein Zwillingsbruder Siegfried hier ihr zweites Wohnzimmer, nur wenige Meter von ihren eigentlichen Häusern entfernt.


“Es ist einfach schön hier, so, wie es jetzt ist“, wirft Siegfried einen zufriedenen Blick in das Kirchenrund. Manfred, der zwei Stunden Ältere, stimmt ihm zu und versetzt sich fast dreißig Jahre zurück. Damals befand sich die Kirche in einem katastrophalen Zustand. Die Fenster kaputt, riesige Löcher im Dach. „Wenn wir länger zugucken, können wir dichtmachen“, erinnert er sich ans Ärmelhochkrempeln. Einer musste das Ganze ja in die Hand nehmen, einen Pfarrer hatten sie in Sundhausen damals nicht. Manfred schafft es, die Arbeit anzustoßen, Bruder Siegfried und andere fleißige Helfer sind mit von der Partie, Manfreds damaliger Chef bringt sich auch mächtig ein. Im gleichen Atemzug mit den Reparaturarbeiten versetzen sie nicht nur die Treppenaufgänge, sondern mit unglaublichem Aufwand die große Orgel von der zweiten auf die erste Empore. So kommt mehr Luft an das altehrwürdige Musikinstrument, der Klang wird besser, und vor allem können sich die Giebelwände nun nicht weiter neigen, werden von acht neuen Zugankern in Zaum gehalten.

Die kleine Orgel hat Manfred selbst gebaut


Die kleine Orgel unten im Kirchenraum behält ihren Platz. An ihr hängt Manfreds Herz besonders. Die hat er einst selbst gebaut, sie trägt den Klang der Barockzeit in sich. „Ach, das ist schon 50 Jahre her“, winkt er ab. Dabei war er damals noch gar kein Orgelbauer. Erst war er Lehrer, dann arbeitete er in einer Druckerei, schließlich machte er seine Liebe zu Musik und Holz zum Beruf, 25 Jahre lang als Orgelbauer. Auch Bruder Siegfried hat sichtbare Spuren in der Kirche hinterlassen, als Dreher war er für alles Metallene zuständig, fertigte zum Beispiel die Leuchter in der Kirche. „Da ergänzen wir uns perfekt“, sagt er. Manfred nickt: „Das ist Gold wert!“


Spuren, die hörbar sind, hinterlassen die Sperlich-Zwillinge noch immer in der Sundhäuser Kirche. Manfred leitet schon ein Vierteljahrhundert lang die Chorgemeinschaft der Boxberggemeinde. Er setzt mit seinen Sängerinnen und Sängern - von denen er sich liebend gern noch ein paar mehr wünschen würde - auf stilistische Vielfalt. Ab und zu treten sie auch in anderen Orten auf. Besonders freut es den Chorleiter, wenn sie ein Lied singen, für das er selbst den Text geschrieben hat.

Bruder Siegfried trällert lautstark mit. Auch er hatte mal einen Chor angeführt, vor Jahren. Theoretisch könnte er einspringen und eine Probe leiten, wenn der Bruder mal verhindert wäre. „Ach, so ehrgeizig bin ich nicht mehr“, tritt er lieber einen Schritt zurück. An die Orgel setzt er sich aber doch noch ab und zu. Manfred tut das regelmäßig, zu jedem Gottesdient und anderen festlichen Anlässen. Wenn dann einer von ihnen oben die große Orgel spielt und der andere unten die kleine, dann verspricht das einen besonderen Zweiklang. Abgestimmt aufeinander, obwohl die Brüder beim gemeinsamen Spiel wegen der Anordnung der Instrumente keinen Blickkontakt haben. „Das können eben nur Zwillinge“, ist Manfred Sperlich überzeugt.


Noch heute sind die Brüder Sperlich ihrer Patentante dankbar, dass sie sie einst zum Klavierspielenlernen schickte. Sie konnte damals nicht ahnen, welche Leidenschaft Manfred und auch sein Bruder für die Kirche und die Musik entwickeln würden. „Ja, das ist schon eine ganz schöne Liebhaberei, das hier alles zu machen“, gibt Manfred zu. Aber irgendwie, so überlegt er laut, sind sie eben verwachsen. Mit ihrer Kirche.

Termin:



6. Dezember, 16 Uhr, Adventsmusik in der Begegnungsstätte (Pfarrhof) in Gotha-Sundhausen.
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3 Kommentare
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Joachim Kerst aus Erfurt | 26.11.2015 | 09:17  
Helke Floeckner aus Erfurt | 26.11.2015 | 17:04  
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Joachim Kerst aus Erfurt | 27.11.2015 | 09:22  
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