Die Stimme aus der Straßenbahn: Schauspielerin Conny Grotsch spricht Haltestellenansagen

Conny Grotsch (Foto: Mittelsächsisches Theater)
"Nächste Haltestelle: Kreiskrankenhaus.“ Kreiskrankenhaus - wie zauberhaft das klingt. Er könnte stundenlang weiterfahren. Alle paar Minuten würde sie ihm dann sagen, wie die nächste Haltestelle heißt. Sie, die Stimme aus der Bahn. In seinen Ohren klingt sie wie Musik. So voller Wärme, ein wenig verheißungsvoll gar.

Die Stimme



Conny Grotsch lächelt. „Manche sagen, ich hätte eine erotische Stimme.“ Die Schauspielerin vom Mittelsächsischen Theater in Freiberg hat das schon öfter gehört. Sie spricht die Haltestellenansagen in der Thüringer Waldbahn, in Thüringen außerdem in den Straßenbahnen von Gera und Jena sowie in den Bussen in Weimar, Eisenach und Suhl. Begonnen hat alles 1993, damals hatte sie ein Engagement an den Bühnen der Stadt Gera. Ein dort ansässiges Technikunternehmen suchte Stimmen für die Haltestellenansagen. Schnell war die Entscheidung gefällt, für Conny Grotsch, die Schauspielerin, die auch schon als Hörspiel- und Synchronsprecherin gearbeitet hatte.

Betonung ist wichtig



Seither spricht sie die Ansagen in mehr als 20 Städten. Dafür kommt sie etwa dreimal im Jahr nach Gera, wenn neue Haltestellen hinzukommen oder alte umbenannt werden. Nicht immer ist es einfach, die Worte richtig auszusprechen. „Es gibt da einige Eigennamen oder lokale Besonderheiten, da muss ich erst mal nachfragen“, gesteht die Sprecherin. Ganz am Anfang beispielsweise wusste sie nicht, auf welcher Silbe „Ernst Abbe“ betont werden müsste. Auch der Trend, Haltestellen nach Gewerbeparkts und Unternehmen mit phantasievollen Namen zu benennen, macht Nachfragen nötig. Werden neue Aufnahmen für Jena oder Dresden gebraucht, bekommt Conny Grotsch sogar extra einen Vertreter der dortigen Verkehrsbetriebe zur Seite. Bei komplizierten englischen und französischen Wortkombinationen hilft ein Dolmetscher. „Aber die meisten Namen sind schon gängig“, sagt sie. Aber nicht unbedingt leicht zu sprechen.

Gut zu verstehen



Die Ansagen müssen hohen Anforderungen genügen, sie sollen perfekt zu verstehen sein. Conny Grotsch ist bei der Aufnahme voller Konzentration, spricht langsam und in angenehmer Tonlage. „Anfangs musste ich mich dabei sogar etwas zurücknehmen“, erinnert sie sich an die erste Zeit. Damals war die Aufnahmetechnik nicht so ausgereift wie heute. Wenn sie dann Worte wie „Postplatz“ einspielte, klangen die Konsonanten laut, hart, knallig.

Sehr erotisch



Vielleicht ist aus diesem Zurücknehmen die Erotik in der Stimme entstanden. Diese bestätigte ihr sogar einmal ein Dresdener Sprachwissenschaftler, der sich mit Conny Grotsch stimmlicher Ausstrahlung befasste. „Das mit der Erotik ist so nicht gewollt.“, sagt sie und nimmt an, dass sie eben von Hause aus eine warme, angenehme Stimme habe. Ihre Alltagsstimme, so ist sie überzeugt, klinge ganz anders. Obwohl ihr Anrufbeantworter eine andere Sprache spricht. Freunde sagen, auch da höre sich die Ansage sehr prickelnd an. „Oh, da fällt mir ein, dass mir ein paar junge Männer geschrieben haben, ihnen muss ich ja noch antworten. Die fanden meine Stimme in der Straßenbahn so toll, dass sie sich unbedingt mit mir auf einen Kaffee verabreden wollen“, erinnert sich Conny Grotsch an ihre neuesten Verehrer. Das passiert immer wieder einmal, ihre Stimme ruft Fans auf den Plan.

Mitten in den Proben



Manchmal hat sie Zeit, ihnen einen Gefallen zu tun und beispielsweise Bahnfreunden, die sich Videos von Fahrten ansehen, ein paar Haltestellenansagen zu machen. Im Moment allerdings kommt sie nicht dazu, Conny Grotsch steckt mitten in den Proben für ein Zwei-Personen-Stück nach einer Vorlage von Stephen King. An jedem Tag steht sie sechs bis acht Stunden auf der Probebühne, dazu kommt die Zeit fürs Textelernen. Trotzdem haben ganz viele Thüringer Tag für Tag ihre Stimme im Ohr.




Zur Person:


Conny Grotsch stammt aus Halle und hat an der Theaterhochschule „Hans Otto“ in Leipzig studiert. Nach einem Engagement in Gera kam sie 1995 ans Mittelsächsische Theater und verkörperte hier eine Vielzahl von ganz unterschieldichen Charakteren, wobei sie immer wieder auch ihr Gesangstalent unter Beweis stellte


So kommt die Stimme in die Bahn

Drei Fragen an Wolfgang Weidner von „Deister Informationstechnik“ in Gera:



Ist es ein langer Weg von der Aufnahme bis in die Bahn?

Für Sprachaufnahmen haben wir einen eigens dafür eingerichteten Raum. Die Ansagetexte werden digital auf Bandkassetten aufgezeichnet und anschließend im Computer mit speziell von uns entwickelter Software bearbeitet. Als Resultat entsteht eine Datei, die alle Textbausteine und die Reihenfolge ihrer Ansage enthält. Diese Datei wird auf einer Speicherkarte in die Ansagegeräte in den Bahnen und Bussen gesteckt.


Sind eher Frauen- oder Männerstimmen gefragt?

Die meisten Kunden bevorzugen eine weibliche Stimme. Als Grund könnte vielleicht der etwas weichere und verständlichere Ton (etwas höhere Tonfrequenzen) angeführt werden. Genau kann ich das nicht sagen. Einige Kunden machen einen Unterschied zwischen Bus und Bahn (männlich - weiblich).


Von wem lassen Sie sich am liebsten die nächste Haltestelle ansagen?

Mir persönlich ist es egal, ob die Stimme weiblich oder männlich ist. Erstens richten wir uns nach den Wünschen des Kunden und zweitens muss die Stimme in den Fahrzeugen neben den Fahr- und Störgeräuschen für die Fahrgäste gut und deutlich zu verstehen sein.
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