Ein ganz besonderer Oleander

(Tagebuchgeschichte)

Als Uwe Ende der 3.Klasse erfuhr, dass er im nächsten Schuljahr eine andere Klassenlehrerin bekommen sollte, Frau Fleischer – die dicke und strenge Lehrerin in den Hofpausen -, da schwor er sich mit seinen Klassenkameraden: „Die machen wir fertig!“

Natürlich kam alles ganz anders, waren sie bald schon von ihr so beeindruckt, dass sie es nicht fassen konnten, diese tolle Lehrerin am Schuljahresende schon wieder abgeben zu müssen.

So lässt es sich erklären, dass zwei große Tische die Abschiedsblumen nicht aufnehmen konnten und mehrere beblumte Stühle davor alles wie ein Blütenmeer erscheinen ließ. Noch heute ist Uwe davon ein farbenprächtiges Bild in Erinnerung.

Nur seine ‚Blume’ stach in ihrem blütenlosen Grün davon ab und hatte er auch verschämt nach hinten gestellt. Als er sein Blumentöpfchen der Frau Fleischer übergab, wäre er am liebsten in der Erde versunken. Uwe, der sie doch ganz besonders mochte, hatte dieses unscheinbare grüne Etwas von Omchen mitbekommen, die dabei sagte, dass sich die Lehrerin darüber ganz bestimmt besonders freuen würde.
Diese umarmte ihn dann auch in vergleichbarer Art und meinte, dass er ihr mit diesem Oleander ein ganz tolles Geschenk gemacht hätte. (Damals sah er das überhaupt nicht so und schob die Schuld daran noch mit Inbrunst auf sein Omchen.)

Bis zur 10.Klasse hat er ‚seine’ Frau Fleischer immer regelmäßig besucht, war auch mal mit in ihrem Schrebergarten gewesen und hatte dort ‚seinen Oleander’ als Strauch oder Busch bewundern können.

Etwa 13 Jahre nach der 4.Klasse besuchte er sie in der Schule und erlebte das, was ihn heute noch stark bewegt, wenn er darauf zu sprechen kommt.

Alt war sie geworden, ging stark auf das Ende ihrer Lehrerzeit zu. Überglücklich umarmten sie sich und spürten, wie ihre herzliche Beziehung immer noch für beide eine große Bedeutung hatte. „Du hast doch etwas Zeit?! Kommst mit in meinen Unterricht – wieder in eine 4.Klasse!“ Und schon zog sie Uwe mit, fühlte er an ihrem bestimmten Auftreten, dass sie sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen wollte, ihren Schülern einen ihrer ‚Ehemaligen’ vorzustellen.

Dann stand er vor der Klasse. Es wurde ganz mucksmäuschenstill. Alle sahen ‚ihre Frau Fleischer’ erwartungsvoll an. Aus dieser flossen voller Stolz die Worte: „Seht, Kinder, das ist ein Schüler aus meiner besten Klasse, von der ich Euch schon soviel erzählt habe. Und Uwe besucht mich noch heute über all die vielen Jahre!“ – Da sagte fragend ein Kind, ob das ‚der Uwe Zerbst’ sei? „Natürlich!!!“ brach es sofort aus ‚seiner/ihrer Frau Fleischer’ heraus.

Stolz und etwas Scham spürte er in sich und dazu die Frage, was sie alles von ihm preisgegeben hatte?
Dann durfte er sich ganz hinten hinsetzen. Oft schauten die Kinder zu ihm und tuschelten miteinander, während ihre Lehrerin wieder einmal für sie von der früheren Zeit schwärmte.

Nach dieser Unterrichtsstunde klärte ihn Frau Fleischer auf: „Uwe, du weißt es ja noch gar nicht: Am Ende eines jeden Schuljahres lade ich mir die besten Schüler in den Garten zu Kakao und Kuchen ein. Und die drei Allerbesten dürfen sich dann einen Absenker von ‚Uwes Oleander’ mitnehmen, wobei sie wissen, dass es das schönste Geschenk eines meiner Lieblingsschüler ist.“

Er war (und ist es immer wieder) überwältigt. Ach wie hatte damals sein Omchen sooooo Recht, hatte sie ihm mit diesem unscheinbaren Töpfchen doch das Richtige mitgegeben, wurde daraus eine ‚hohe außerschulische Anerkennung’ für Schüler der ersten Klassen dieser Frau Fleischer.

Einige wenige Male konnte Uwe seine Lehrerin noch in den folgenden Jahren besuchen. Immer wieder war es für beide ein sehr willkommenes freundliches Begegnen.
Als er dann erfuhr, dass sie bereits einige Monate tot sei, durchlebte er still noch einmal dieses eine wundervolle Schuljahr, ihre zahlreichen Zusammentreffen danach, und stellte fest, wie erfreulich prägend all dies für sein eigenes Leben war.

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(Lebenserinnerung aus meinem Büchlein "Mit Kinderaugen lächelnd betrachtet")
Auch als kleiner Aufruf, über sich und Ereignisse eigener Vergangenheit in die Gruppe "Tagebbuch der BürgerReporter" zu schreiben.
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