Eine besondere Reise

Die Thüringerwaldbahn am Endpunkt in Tabarz.
Gotha: Hauptbahnhof | Es ruckelt und schaukelt, rumpelt und quietscht. Die Fahrt mit der Thüringer Waldbahn ist kein ausgesprochenes Vergnügen. Ein Erlebnis schon. Erst recht man sich die vollen 22 Stationen zwischen Gotha-Hauptbahnhof und Tabarz antut. Dabei kann man nicht von „Antun“ reden. Man muss es einfach tun – wenigstens einmal im Leben. Also lasse ich mein Auto stehen und begebe mich auf eine Reise. Eine etwas andere Reise. Mit der Linie 4, einer rustikalen blau-gelb lackierten Straßenbahn, werde ich den beginnenden Thüringer Wald erleben und eine gute Stunde pures Straßenbahngefühl genießen. Mit allen Sinnen.

Los geht es am Gothaer Hauptbahnhof, einem der schönsten und modernsten Terminals Thüringens, mal abgesehen von der Stelle des Bahnhof, an der die Züge ein- und ausfahren. Vorbei geht die rasante Fahrt noch im Stile eine Straßenbahn an tollen Fachwerkhäusern im Gründerstil, der Orangerie und dem Schloss Friedrichsthal. Einen Bogen um die Innenstadt beschreibend werden Gartenstraße, Bertha-von-Suttner-Platz und die Waltershäuser Straße schnell passiert. Endlich sehe ich meine neue Heimatstadt einmal aus einer anderen Perspektive. Ich habe Zeit, brauche heute mein Auto nicht und genieße die etwas andere Sicht auf die, mir inzwischen so bekannten Straßen und Plätze der alten Residenzstadt. Auch wenn die Fahrt schon hier nicht wirklich ein Genuss ist. Denn ich habe mir den Platz unmittelbar hinter dem Fahrer ausgesucht. Ich will die beste Sicht haben. Das war zu dieser Jahreszeit ein Fehler, muss ich mir eingestehen. Denn gefühlt alle 200 Meter hält die Bahn an und es steigen Fahrgäste zu. Natürlich vorn. Genau da, wo ich sitze. Und draußen sind es zur Mittagsstunde immer noch -15 Grad…

Mit Eisbeinen aber frohen Mutes geht die Fahrt weiter. Am Ende der Waltershäuser Straße, an der Station Wagenhalle, macht unser Fahrer Feierabend – oder Mittag? Ich frage nicht. Statt seiner steigt eine nette Dame ein, die mich mit einem breiten Lächeln und einem freundlichen Guten Tag begrüßt. So viel Freundlichkeit kommt an. Auch wenn ich wieder einen kräftigen Schwall arktischer Frischluft abbekomme. Mit ihr steigt auch ein Herr mit großem Metallkoffer zu. Sein Äußeres outet ihn sofort als Mitarbeiter der Thüringerwaldbahn und Straßenbahn Gotha. Auf den beiden Plätzen hinter mir wird es hecktisch. Zwei Schülerinnen, die ständig ihre Handys mit immer neuen Klingeltönen um die Wette piepsen ließen, durchsuchen aufgeregt ihre Jackentaschen nach dem Fahrschein. Dabei will der Herr, wie sich schon kurze Zeit später herausstellt, gar keine Fahrscheine kontrollieren. Lockere Sprüche und diverse Verwünschungen erreichen zum Glück nur meine Ohren. Müssen wohl schon einmal schlechte Erfahrungen gemacht haben, denke ich mir und schaue fasziniert nach draußen.

Weiter geht die Fahrt durch Sundhausen. So habe ich den Gothaer Stadtteil noch nie gesehen. Häuser, die ich von vorn kenne, offenbaren mir plötzlich ihre Rückseite. Ich nehme mir vor, bei besserem Wetter, und mit meiner Kamera, hier noch einmal vorbeizuschauen. Nach Sundhausen wird die Landschaft offener. Kleine Baumgruppen und Wiesen wechseln sich ab. Jetzt, nachdem wir die Stadt verlassen haben, wird die Straßenbahn zu einer Waldbahn. Denn in Richtung Boxberg sind bereits die Ausläufer des Thüringer Waldes zu sehen. Flott geht die Fahrt weiter. Drei Rehe, die eben noch versucht haben ein wenig Futter im Schnee zu finden, nehmen rasch reißaus.
Zu meinem Glück steigt an der Station Boxberg niemand zu und die Türen bleiben geschlossen. Ich nutze die Standzeit der Bahn um mich in Selbiger flüchtig umzuschauen. Spröder Charme der 1980er Jahre gepaart mit einem Hauch Pragmatismus machen das Interieur der beiden Wagons aus. Ich versuche zu verstehen. Klar, die Fahrgäste sollen gut und vor allem sicher von A nach B kommen und bestimmt auch die Landschaft genießen. Da braucht es in der Bahn keinen übermäßigen Komfort. Es hat alles, was es braucht.

Die Thüringerwaldbahn ist eine der ältesten Überlandstraßen Deutschlands. Am 17. Juli 1929 wurde sie eingeweiht. Stimmt, so einen kleinen Hauch von Nostalgie erfahre ich hier auch. Erst recht, als in Leina wieder die Türen aufgehen und mir ein neuerlicher Schwall Kaltluft den Geruch von Dorf vermitteln. Beide holen mich aus meinem Tagtraum ins Jetzt zurück. Eine junge Frau steigt zu. Drei Schritte hinter ihr folgt ein quängelndes Kind. Ich will, ich will, ich will. Über einen größeren Wortschatz schein der etwas Fünfjährige nicht zu verfügen. Er will ans Fenster und bekommt seinen Willen. Das kann ja heiter werden, denke ich mir. Kurz nachdem die Fahrerin den Fahrstromschalter betätigt, nervt der Bursche seine gestresste Mutter schon wieder. Was er dieses Mal will höre ich nicht. Ich habe mich schon wieder der weißen Landschaft gewidmet.

Heulend und quietschend schiebt sich Bahn durch die Kurve am Ende von Wahlwinkel – Autofahrer warten ehrbietungsvoll. Von dem Geräuschpegel aufgeschreckt suchen ein paar Krähen schnell das Weite und verlassen ihren Baum in der Nähe der Strecke. „Mama, jetzt beeilt sich der Zug aber“, plappert der Kleine neben mir. Die genervte und total überforderte erziehungsberechtigte Mittzwanzigerin kommentiert den gefühlt ersten frei gesprochenen Satz des Knirpses mit einem dumpfen Brummen. Nachdenklich erinnere ich an die Erziehung meiner Kinder. War ich auch so? – garantiert nicht…

Eine Kleingartenanlage fliegt vorbei. Kleine genormte Hütten reihen sich hier aneinander. Allesamt verweist. Nur ein Beet mit Grünkohl erinnert flüchtig an Leben. Diesem Gemüse kann ich übrigens gar nichts Positives abgewinnen. Aber die Geschmäcker sind zum Glück verschieden.

Ein kurzer Halt der Bahn holt mich wieder zurück ins Heute. Der Stopp auf freier Strecke ist einem Haltesignal geschuldet. Schon sehe ich halb links das Freizeitzentrum Gleisdreieck, benannt nach dem Knotenpunkt der Thüringerwaldbahn, der sich hier befindet.

Und wie kann es anders sein? Die Türen gehen auf, Menschen steigen aus, andere steigen ein. Und als ob es nicht schon frisch genug im Wagon ist, hält die Fahrerin im Einstieg stehend noch ein Schwätzchen mit ihrem aussteigenden Kollegen, von dem die Teenies hinter mir dachten, er wolle die Fahrscheine sehen. Nach einer gefühlten Ewigkeit und unzähligen halblauten Verwünschungen der Jugendlichen hinter mir, schließen sich endlich die Türen und die Fahrt geht weiter. Jetzt kommt richtiger Wald, freue ich mich. Und wirklich. Schnepfenthal und Reinhardsbrunner Teiche sind die nächsten Stationen, die die Bahn innentemperaturschonend tangiert. Erst am Bahnhof Reinhardsbrunn steigt wieder jemand aus. Hier, ein Bahnhof, frage ich mich? Tatsache. Nur Züge hat dieser Haltepunkt schon lange nicht mehr gesehen.
Weiter geht die Fahrt durch den Wald. Über Friedrichroda rattert der Zug vorbei an der Marienglashöhe, in Richtung Tabarz. Aus meinem Fenster sehe ich links große Erhebungen, auf denen stattliche Fichten an einer dicken Schicht Pulverschnee schwer zu tragen haben. Lichte Wälder und versteckte Wiesen wechseln sich weiter unten ab und lassen die Zeit bis zur Endstation rasant verfliegen. Noch immer ist die Bahn zu einem Drittel mit Fahrgästen gefüllt, wenn gleich nicht alle die gesamten 21,7 km von Gotha-Hauptbahnhof bis hierher mitgefahren sind.

Nach gut einer Stunde fordert mich eine sympathische Lautsprecherstimme auf, hier auszusteigen. „Diese Fahrt endet hier.“ Komisch. An irgendwen erinnert mich die Stimme. Richtig, jetzt fällt es mir ein. Diese nette Frau redet immer mit mir, wenn ich mit der Straßenbahn in Erfurt oder Leipzig fahre… Die kommt ja weit rum, kommt mir in den Sinn. Fast wie ich.

Okay, es war nur eine Fahrt von einer Stunde. Dafür wurden aber fast alle meiner Sinne angesprochen. Einer mehr, der Andere weniger. Meinen ein wenig brummenden Hintern spürend und eine wertvolle Erfahrung reicher, warte ich auf die Bahn, die mich von Tabarz wieder zurück nach Gotha bringt. Gelohnt hat sich die Reise aber allemal. Ich hatte meinen Spaß daran…
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1 Kommentar
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Antje Hellmann aus Jena | 23.02.2012 | 18:26  
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