'Herr von Boilstädt' gehört nach Gotha!

"Er darf nicht verschwinden!" - das sagt Uwe Ulrich aus Gotha-Boilstädt. Er meint damit den sogenannten 'Herrn von Boilstädt', dessen Gebeine ausgegraben wurden und die unbedingt nach Gotha zurückkehren sollten.


“Das war wirklich großes Glück!“ Uwe Ulrich geht noch heute das Herz auf, wenn er an den Fund denkt, der sozusagen vor seiner Haustür und denen der anderen Boilstädter gemacht wurde. Eigentlich waren es sogar mehrere Funde, die die Archäologen 2012 und 2013 beim Bau der Umgehungsstraße zwischen Gotha-Sundhausen und Gotha-Boilstädt zutage förderten. Doch eine der Entdeckungen sollte sich als eine besondere herausstellen: Auf dem einstigen Bestattungsplatz aus der Merowinger Zeit (6./7. Jahrhundert n. Chr.) war eine etwa 2,40 Meter tief gelegene, zwei mal drei Meter große, Grabkammer noch vollkommen erhalten. Schnell hatte man für den hier Bestatteten einen Namen: Der „Herr von Boilstädt“.


Nicht nur sein Skelett ist erhalten, auch die Grabbeigaben legen Zeugnis ab von längst vergangener Zeit: Typische Waffen eines Reiters, reich verziertes Zaumzeug, Feuerstein und Feuerschläger, Bronzering und -kette, Kamm, Knochenreste von Speisebeigaben und eine Fischhaut. Noch nie gab es in Thüringen einen solchen Fund. Wahrscheinlich, so vermutet Uwe Ulrich, hatten die üblichen Grabräuber auf ihren Beutezügen dieses Grab einst übersehen. Deshalb spricht er von der glücklichen Fügung.

Die Experten vom Thüringer Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie sehen das genauso. Sie bargen die gesamte Grabkammer in einem Block. „Dazu trieb man an vier Seiten Stahlplatten in die Erde und schob Röhren unter den Block, um ihn vom Erdreich zu lösen. Der Block hatte ein Gesamtgewicht von 17 Tonnen und musste in Millimeterarbeit durch ein Tor bugsiert werden“, weiß Uwe Ulrich zu berichten. Nun wird die Grabkammer im Landesamt in Weimar-Ehringsdorf Stück für Stück unter Laborbedingungen freigelegt.

Spannende genetische Untersuchung



Uwe Ulrich, der zehn Jahre lang Bürgermeister von Boilstädt war, verfolgt das Geschehen um den Fund seit der ersten Minute. Er weiß beinahe über jeden Handgriff Bescheid, der nötig ist, um das Grab unter Laborbedingungen vollständig zu erforschen. Besonders gespannt ist er auf die genetische Untersuchung des Skeletts. Sollte sich nämlich herausstellen, dass der Bestattete nicht nur ein reisender Krieger war, sondern hier gelebt hat, dann wäre der Beweis erbracht, dass Boilstädt älter ist als bisher angenommen. „Natürlich hätten wir damit trotzdem keine schriftlichen Zeugnisse aus jener Zeit, aber für uns wäre das schon bedeutsam, ein wichtiger ideeller Wert“, spricht er von der Hoffnung des kleinen Ortes und seiner 950 Einwohner.


Die Archäologen werden noch eine Weile zu tun haben mit dem Herrn von Boilstädt. Im Jahr 2020, so heißt es, soll er dann wieder in Erscheinung treten, zur Landesausstellung zum Thüringer Königreich. Uwe Ulrich und die anderen Boilstädter hoffen allerdings auf mehr. „Dieser Fund darf nicht sang- und klanglos in der Versenkung verschwinden“, sagt er und plädiert dafür, dass nach Abschluss der Arbeiten die Grabkammer in einem der Gothaer Museen ausgestellt wird. Eben in der Region, aus der der Fund stammt. Schon bei den Ausgabungen zog es wahre Pilgerstämme zum Zuschauen an den Feldrand. „Wenn der Herr von Boilstädt ausgestellt würde, dann wäre das ein echtes Highlight für Thüringen“, ist Uwe Ulrich überzeugt und glaubt schon jetzt, dass sich bald die Museen um ihn drängeln werden.



Der Herr von Boilstädt:


Der sogenannte „Herr von Boilstädt“ war etwa 35 Jahre alt und etwa 1,80 Meter groß. Seine kräftige Statur und sein Stiernacken deuten neben den Grabbeigaben auf einen Krieger hin. Seine Zähne weisen einen erstaunlich guten Zustand auf. Somit muss es sich wohl um einen Angehörigen der Oberschicht handeln, die über ausreichende und gesunde Nahrungsmittel verfügte. Gefunden wurden an dem Skelett auch „Reiterfacetten“, das sind Veränderungen der Oberschenkelknochen in Form einer Ausweitung der Gelenkflächen an den Oberschenkelknöpfen auf die Oberschenkelhälse. Dies ist eine Besonderheit, die bei Reitervölkern auftritt.
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige
Anzeige