Mairichstraße 70 Jahre danach: Kindertreffen der Spielgefährten von damals

Doro blättert im Fotoalbum, das Bilder der vergangenen Kindertreffen zeigt. Sie freut sich schon, die einstigen Spielgefährten wiederzusehen, ganz sicher gibt es jede Menge zu erzählen.
 
Dieses Foto entstand beim ersten, geheimen Kindertreffen 1988 und zeigt (v.l.): Doro, Ruth, Gunter, Doros Schwester Renate, Doros jüngste Schwester Gisela und Birgit. (Foto: privat)

Das Kind steckt noch in jedem von ihnen, sollte man meinen: Die ehemaligen Spielgefährten der 1940-er Jahre aus der Mairichstraße in Gotha veranstalten jedes Jahr ein Kindertreffen.



Ein Portemonnaie an einen dünnen Faden binden - und jeder Vorrübergehende bückt sich danach. Doch ehe die Finger zugreifen können, haben sie es weggezogen. Herrlich. Die Stimmen der kleinen Spitzbuben überschlagen sich beim Wegrennen fast vor Lachen. Haben sie es wieder mal geschafft. Oder ein Streichholz in den hohlen Schlüssel stecken, dann das Ganze im Hausflur an die Wand werfen. Hui, ist das ein mächtiger Krach. Bloß schnell weg. Doro kirchert. Für einen Moment ist sie wieder das kleine Mädchen, vielleicht acht Jahre alt. Es steckt noch immer in ihr, auch wenn seitdem siebzig Jahre vergangen sind.


“Wir hatten eine schöne Kindheit“, fasst die Doro von heute ihre nicht enden wollenden Erinnerungen zusammen. Damals, das war in den 40-er Jahren in der Mairichstraße in Gotha, im Westen der Stadt. So etwa zwanzig Kinder waren sie, mal mehr, mal weniger, kleine, größere. „Eine eingeschworene Gemeinschaft“, sagt die 78-Jährige, die längst in Erfurt wohnt und deren Herz immer noch in Gotha schlägt. So geht es wohl auch ihrer Schwester Renate, die seit 1960 in Hamburg lebt. Als sie 1988 der alten Heimat einen Besuch abstattet, übermannt sie die Sehnsucht den einstigen Spielgefährten. Also veranstaltet der Westbesuch in einer Wohnung ein heimliches Treffen für alle, die damals zu den Mairichstraße-Kindern gehörten. Das Wiedersehen ist herrlich, doch die Wende kurz darauf sollte sie in alle möglichen Richtungen verstreuen.


Der Gedanke an das Treffen nach so langer Zeit beschäftigt die Hamburgerin weiter. Gemeinsam mit ihrer Freundin startet sie Jahre später einen erneuten Versuch. Und es funktioniert! „Seit 2009 machen wir nun jedes Jahr in Gotha unser Kindertreffen, das Renate und Traude organisieren. Ich glaube, so etwas gibt es nirgendwo anders“, erzählt Doro überglücklich und kann es kaum erwarten, dass der Kalender den 25. September zeigt. Dann sind sie wieder zusammen, die Kinder von damals aus der Mairichstraße. Die meisten von ihnen leben noch und kommen zum Treffen, weiß Doro zu berichten. „Na, dir gehts aber gut“, begrüßt sie dann neckend den einen oder anderen einst mageren Spielkameraden, der inzwischen ein paar Pfunde zugelegt hat. Sogleich kommen die Erinnerungen hoch. An die Zeit der Kindheit, die zwar froh, aber doch nicht immer unbeschwert war. Zu essen hatten sie alle nicht viel, die Familienväter mussten in den Krieg, die Mütter waren näher zusammengerückt und versuchten, ihre Kinder gesund und satt durch die Zeit zu bugsieren. Immer wieder Bombenalarm und herumliegende Munition brachten neben Aufregung auch große Gefahren für Große und Kleine mit. „Trotzdem war es schön und unvergleichlich“, sagt Doro. Prompt fallen ihr neben den vielen, improvisierten Kinderspielen wieder andere Streiche ein. Wie sie Obst von den Bäumen mopsten und sich nicht um den Krach scherten, den sie mit ihren Bällen machten, die sie gegen Häuserwände schossen. Sie waren ja alle zusammen, das war das Wichtigste. Schade, überlegt sie laut, dass heute Kinder anders spielen, jeder für sich zu Hause, mit Handy und Computer. Dabei würde es ihnen gut tun, auf die Straße zu gehen, mit anderen etwas zu erleben.


Manchmal reichen die Erlebnisse aus der Kindheit für ein ganzes Leben. Die einstigen Kinder aus der Mairichstraße zehren noch heute davon. Wenn sie sich treffen, ihre alte Straße besuchen, zusammen etwas unternehmen und viele Stunden miteinander verbringen, werden sie nicht müde, sich zu erinnern, wie es damals war. Weißt du noch...
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