"Mit 90 kauf' ich mir ein E-Bike!" Hugo Preuß aus Gotha ist 80 und hat noch viel vor

Schuhmacher Hugo Preuß fertigt auch heute noch Lederschuhe an - als Deko für Freunde und Bekannte.
Gotha: ... |

"Auch im hohen Alter muss man noch Ziele haben", sagt Hugo Preuß. Er muss es wissen. Vor kurzem feierte der Gothaer seinen 80. Geburtstag und ist immer noch fit wie ein Turnschuh.

Hugo Preuß ist ein zufriedener Mensch. Er sagt es und er strahlt es aus. Wie er da so im Wintergarten des Gemeinschaftshauses "Goldbacher Siedlung" in Gotha sitzt, das er in den Siebzigerjahren mit aufbaute. "Hätten wir Siedler damals gewusst, was das für Arbeit macht, hätten wir es wahrscheinlich gelassen", sagt er und lacht. In Wahrheit ist er stolz auf das, was aus der ehemaligen Verkaufsstelle geworden ist. Da versteht es sich von selbst, dass Preuß seinen 80. Geburtstag hier mit Familie und unzähligen Freunden verbringt.
Bis alle eintreffen, ist noch Zeit, aber einige Anrufe kommen schon durch. Eben ist wieder eine Dame in der Leitung, die nach dem Befinden des Jubilars fragt. "Der Lack ist ab!", ruft er in das Smartphone. "Aber man muss zufrieden sein."

Von wegen: Der Lack ist ab!


Der Lack ist ab? - Das ist ja wohl stark übertrieben. Hugo Preuß, in Gotha bekannt wie ein bunter Hund, hat sich heute fein gemacht: Schicker Anzug, polierte Schuhe, urlaubsgebräuntes Gesicht und die Krawatte mit dem erotischen Kegelmotiv, die nachher unbedingt mit aufs Foto muss. Sogar die Sonne zeigt sich heute von ihrer besten Seite.
"Mir geht es gut, ich mache aus allem das Beste", erzählt Preuß, nachdem er sein Telefonat beendet hat. "Ich denke, der Menschheit würde es besser gehen, wenn sie nicht so viel klagen würde." Vielleicht ist diese Einstellung das Rezept dafür, dass der 80-Jährige heute noch Bäume ausreißt - wenn sie auch etwas kleiner sind als früher.

Ein Franke in Thüringen


1938 kommt Hugo Preuß mit Mutter und zwei Brüdern aus dem oberfränkischen Heinersreuth ins thüringische Gotha, wo die Familie eines der Siedlungshäuschen bezieht, die der VEB Waggonbau am Rande der Stadt für seine Arbeiter errichtet hat. 1942 Schuleintritt, 1950 Lehre als Schuhmacher, 1957 wieder in der alten Heimat, wo er in der Bayernliga kegelt. Doch Hugo wird zu Hause gebraucht. Also 1960 retour und zwei Jahre später ein hübsches Mädchen namens Edith geheiratet, an deren Seite er heute noch glücklich lebt. 1966 wird Tochter Silvia geboren.
Als Schuhmacher ist der junge Mann sehr geschickt. Für die PGH "Rennsteig" fertigt er in Heimarbeit Langlaufschuhe für Spitzensportler an, wie den mehrfachen DDR-Meister im Ski-Langlauf, Gerhard Grimmer. Sieben Paar am Tag. "Eines Tages traf ich Grimmer zufällig auf der Ebertswiese bei Tambach-Dietharz und erwähnte, dass ich seine Schuhe herstelle. Aus dieser Begegnung entstand eine jahrelange Freundschaft", erinnert sich Hugo und ist ein kleines bisschen stolz.

Der Fall der Mauer ist ein großes Glück


Der Fall der Mauer ist für ihn ein großes Glück - die Freundschaft zu den Franken lebt wieder auf. "Zum Tag der Deutschen Einheit 1990 pflanzten wir gemeinsam eine Friedenslinde, seitdem besuchen wir uns jedes Jahr", sagt Preuß. "Als erstes wanderten wir an Wochenenden den Rennsteig ab. Drei Jahre haben wir dafür gebraucht." Als es darum geht, der Gothaer Orangerie in einem Ranking zu 500.000 Euro zu verhelfen, mobilisieren die Freunde halb Bayern und Thüringen. Es glückt: das Geld geht tatsächlich in die Residenzstadt.
Einen Moment hält Hugo Preuß inne und fragt: "Wo sind bloß die Jahre geblieben?"

Und heute? "Ich habe immer noch viel zu tun und lebe nicht in den Tag hinein", sagt Preuß. "Morgens stehe ich zwischen 7 und 8 Uhr auf, gehe dann in die Werkstatt oder in den Garten. Ich habe viel Kontakt zu jungen Menschen. Da erfahre ich Neues, das hält mich auch selbst jung." Am Stammtisch und auf der Kegelbahn trifft er regelmäßig alte Kumpel und Fußballfreunde, mit denen er sich austauscht.

Für ein E-Bike ist er viel zu fit


Achtzig Jahre alt geworden sei er, weil er sich sein ganzes Leben bewegt hat. Heute noch fährt er jeden Tag mit dem Fahrrad. "Vor einigen Jahren nahm ich mir vor, mir mit 80 ein E-Bike zuzulegen. Aber ich bin noch zu fit dafür. Also hab ich das auf den 90. Geburtstag verschoben". Freilich gab es da auch mal ein Laster... "Ich war ein starker Raucher. 1974 sah ich im Fernsehen eine Dokumentation über einen Mann, der Lungenkrebs hatte und aussah wie sein eigener Großvater. 'Hugo, das passiert dir nicht!' sagte ich mir und hörte von diesem Augenblick mit dem Rauchen auf."
Ebenso wichtig sei es, im hohen Alter noch Ziele zu haben und gebraucht zu werden. Fast jeden Morgen radelt Hugo Preuß ins G-Haus, trinkt dort einen Kaffee und bespricht mit dem Hausherrn, was anliegt. Angst vor dem Tod hat der flotte Senior nicht. "Natürlich rückt der Zeitpunkt immer näher, aber ich denke einfach nicht darüber nach. Abgesehen davon habe ich gar keine Zeit, mich mit dem Sterben zu beschäftigen." Sein Blick schweift durch den Biergarten und bleibt an den Pflanzenkübeln hängen. "Ich muss mich dringend um die Begrünung kümmern."
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