Montagmorgen im Bus

Als ich in den Bus stieg, schien die Sonne. Bei einem Blick aus dem Fenster des 134ers zeigte sich freilich der Berliner Winter von seiner schmutzigsten Seite – kahle Bäume, Schneematsch, die Autos voller Steusalzsplitter. Der Bus fuhr mehrere Kilometer durch trübe Straßen an grauen Fassaden entlang, aber niemand schaute hinaus. Wir, die Fahrgäste, saßen in dicken Mänteln dicht nebeneinander und dösten zum eintönigen rattern des Motors in der stickigen, überheizten Luft. Kein Mensch sprach. Das gehörte zu den ungeschriebenen Regeln des Berufsverkehrs oder war es nur die Tristheit des Montag morgens.
Zwar begegneten uns jeden Tag dieselben Gesichter, aber wir versteckten uns lieber hinter unseren Zeitungen. Konnte etwas symbolträchtiger sein? Menschen, die nebeneinander saßen, hielten mit dünnen Bogen Papier Distanz.
Als der Bus um die nächste Ecke bog und sich immer gleiche Betonklotze zeigten, ertönte plötzlich eine laute Stimme: „Achtung! Achtung!“ Zeitungen raschelten. Hälse reckten sich.
„Hier spricht der Fahrer.“
Stille. Alle starrten dem Fahrer auf den Hinterkopf. In seiner Stimme lag Autorität.
„Legen Sie alle die Zeitung weg.“
Langsam, zentimeterweise sanken die Blätter. Der Fahrer wartete. Wir falteten die Zeitungen zusammen und legten sie auf den Schoß.
„Nun drehen Sie alle den Kopf zur Seite und sehen Sie Ihrem Sitznachbarn ins Gesicht. Na los, auf geht´s!“
Erstaunlicherweise gehorchten wir. Noch lächelte niemand. In gedankenlosem Gehorsam folgten wir wie eine Herde den Worten des Busfahrers. Neben mir saß eine ältere Frau mit einem geblümten, fest um den Kopf geschlungenen Schal. Ihre Haut war faltig, die Augen fahlbraun. Ich sah sie fast täglich. Wir sahen uns in die Augen und warteten unbewegt auf die nächste Anweisung.
„Jetzt sprechen Sie mir nach…“
Es war ein Befehl, erteilt im Ton eines militärischen Ausbilders: „Guten Morgen, Nachbar!“
Die Stimmen klangen schwach und müde, manche ängstlich. Bei vielen von uns waren es die ersten Worte, die uns an dem Tag über die Lippen kamen. Doch wir sagten die Worte wie Schulkinder im Chor zu dem fremden Mensch neben uns.
Das nächste war Lächeln. Wir konnten nicht anders. Wir lächelten uns an. Da war zum einen das Gefühl der Erleichterung, dass wir nicht entführt, ausgeraubt wurden oder der Bus eine andere Route nehmen würde, zum anderen aber auch das leise Empfinden, dass sich hier eine lange unterdrückte allgemeine Höflichkeit Bahn brach. Wir hatten es gesagt; das Eis war gebrochen. «Guten Morgen, Nachbar.» Eigentlich war es gar nicht so schwer. Manche gaben sich die Hand. Viele lachten. Der Busfahrer sagte nichts mehr. es war auch gar nicht nötig. Keine Zeitung wurde wieder hochgenommen. Alle unterhielten sich angeregt. Erst hatten wir den Kopf über den verrückten Kerl von Fahrer geschüttelt, aber nun waren wir alle froh über seinen Einfall.
Immer wieder gab es Gelächter, warme sprudelnde Laute, wie ich sie nie zuvor in einem Linienbus gehört hatte. Als wir meine Haltstelle erreichten, sagte ich meiner Nachbarin «Auf Wiedersehn!» und sprang vom Trittbrett, um einer Pfütze auszuweichen. Neben uns hatten zwei weitere Busse gehalten, denen Fahrgäste wortlos entstiegen. Die Weiterfahrenden saßen stumm und regungslos da wie Ölgötzen. Anders die Leute in meinem Bus. Als er losfuhr, brachten ihre lebhaften Mienen hinter den Scheiben mich zum Lachen. Der Tag hatte besser angefangen als alle Tage sonst.
Ich schaute dem Bus nach, versuchte einen Blick auf den Fahrer zu erhaschen. Er sah konzentriert in den Rückspiegel, um eine Lücke im Verkehr zu erspähen. Es schien ihm gar nicht bewusst zu sein, welch ein Montagmorgenwunder er da eben vollbracht hatte.
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4 Kommentare
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Hannelore Grünler aus Artern | 19.12.2012 | 19:52  
3.050
Antje Hellmann aus Jena | 20.12.2012 | 11:31  
3.878
Karin Jordanland aus Artern | 20.12.2012 | 12:44  
3.760
Annett Deistung (HarzWusel) aus Nordhausen | 22.12.2012 | 21:48  
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