Nein, ich fange nicht an

(Uwe als "Hagebutte")
(Meine Art, mich in dieser Gruppe "Es war einmal ..." vorzustellen)

Der kleine Uwe hatte sich im Kindergarten fröhlich bereit erklärt, beim Elternnachmittag ein Gedicht aufzusagen. Fleißig übte er ‚sein’ Gedicht und fühlte sich schon selbst fast wie das Männlein, welches im Walde ganz still und stumm steht.

Dann war der Tag gekommen, an dem alle Kinder so aufgeregt waren, dass der Mittagsschlaf nach einem kläglichen Versuch abgesagt wurde. Als die ersten Eltern kamen, ihre Kinder in deren Spielumfeld anzusehen, ihnen Mut für den Auftritt zuzusprechen, da war es wieder, dieses Lampenfieber – begleitet von mehreren Toilettengängen.
Schließlich aber war es soweit!

Als Uwe von seiner Kindergärtnerin Hildegard mit freundlichem Kopfnicken aufgefordert wurde, ging er - gar nicht mehr aufgeregt - in die Mitte der freigelassenen Fläche für die Vortragenden. Aufrecht, ein wenig stolz und vor allem hochkonzentriert stand er da – und alle sahen gespannt auf ihn.

Aber er sagte kein Wort, blieb starr und steif und – wie es schien – fast bockig stehen, sah in Richtung zweier Erwachsener in der letzten Zuschauerreihe und fing einfach nicht an!

Die Kindergärtnerin wurde langsam aufgeregt, weil sich eine leise Unruhe breit machte. Sie trat an Uwe heran mit leiser Stimme: „Ein Männlein steht im Walde ganz still und stumm, es hat …“
Dieser sah sie zutiefst enttäuscht an, das brauchte ihm niemand zu sagen. Er wusste Bescheid und kannte das Gedicht natürlich in- und auswendig!

Der verzweifelte Blick der Kindergärtnerin zu den ebenso fassungslosen Eltern bat Uwes Mutti, ihren Sohn aus der Mitte zu nehmen, damit das Programm weitergehen konnte. Die Mutti legte ihre Hand auf seine Schulter und sagte tröstend, dass es nicht so schlimm sei, wenn er den Text vergessen habe.
Da rannen dem Jungen kleine Tränen über die Wangen, so dass Mutti nachfragte, weshalb er denn weinen würde?

Schluchzend brach es aus Uwe heraus: „Mutti, Du hast gesagt, dass ich anfangen soll, wenn alle ruhig sind! Und dahinten reden die zwei Erwachsenen die ganze Zeit!“

Das also war es!

Schmunzelnd ging die Mutti allein wieder zu den Anderen zurück. Dann bat die mithörende Kindergärtnerin erleichtert um Aufmerksamkeit und Ruhe, trug Uwe das Gedicht fließend vor – und schloss es mit einem tiefen Seufzer und dem Wegwischen der Tränen.

Und wer genau hinsah, hatte sehen können, wie er sich selbst mit dem besagten ‚Männlein’ identifizierte - konnte aber auch seinem verachtenden Blick zu den vorhin schwatzenden Erwachsenen folgen.

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Dieses Erlebnis habe ich in meinem 1.Büchlein eingetragen „Mit Kinderaugen lächelnd betrachtet"
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Manuela Deutschland aus Sömmerda | 29.04.2011 | 13:17  
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